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Niedersachsen Höft&Wessel streicht 90 Stellen in Hannover
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Höft&Wessel streicht 90 Stellen in Hannover
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11:18 30.05.2012
Von Stefan Winter
„Manche muss man noch wachrütteln“: Michael Höft versucht umzusteuern. Quelle: Steiner
Hannover

Die Krawatte brauchte Michael Höft schon lange nicht mehr. Im Sommer 2000 zogen er und Geschäftspartner Rolf Wessel sich aus dem Vorstand der gemeinsamen Firma zurück. Jetzt sitzt Höft wieder im Manageroutfit hinter dem Schreibtisch und macht einen Job, der eigentlich erledigt sein sollte: Seit 9. Dezember ist er wieder Vorstand der Höft & Wessel AG. Am vergangenen Freitag musste er den 300 Mitarbeitern in der hannoverschen Zentrale erklären, dass 90 von ihnen die Arbeit verlieren werden. Gespräche mit diversen Banken hat er hinter sich, damit sie die anstehende Sanierung begleiten.

„Wenn ich nicht dran glauben würde, würde ich es nicht machen“, sagt der 60-Jährige. Zusammen mit Wessel hat er den Spezialisten für Fahrkartenautomaten, Ticketsysteme und mobile Datenerfassung 1978 gegründet und 1998 an die Börse gebracht. Doch schon seit einigen Jahren stockt das Geschäft, Gewinn- und Verlustjahre wechseln sich ab, nur für 2009 und 2010 bekamen die Aktionäre Dividende. Als sich Ende 2011 die schönen Jahresprognosen in Luft auflösten, zog der Aufsichtsrat unter Vorsitz des früheren Messechefs Klaus Goehrmann die Notbremse. „Der geplante Gewinn war weg, das hat uns auch im Aufsichtsrat getroffen – trotz monatlicher Berichte“, sagt Höft.

Der eilig verabschiedete Vorstandschef  Hansjoachim Oehmen hatte die Auftragsentwicklung offenbar arg optimistisch beurteilt. „Manches lief nicht so, wie es dargestellt worden war“, sagt Höft nur. So mussten mehrere Millionen Euro auf Warenbestände abgeschrieben werden, der Verlust 2011 wuchs sich auf  fast 11 Millionen Euro aus – bei rund 88 Millionen Euro Umsatz. Die Vorlage des Geschäftsberichts 2011 wurde auf Juli verschoben. Die Bilanz habe den Segen der Wirtschaftsprüfer, betont Höft, aber es fehle noch der Prognosebericht.

Dass der Aufsichtsrat bei all dem nicht gut aussieht, weiß er und hat es auch auf der Betriebsversammlung am Freitag zu hören bekommen. Aber die Aufseher müssten sich eben auf die Aussagen des Managements verlassen: „Der Aufsichtsrat ist nicht dazu da, Ideen zu vernichten, sondern sie zu befördern.“

Kündigungen bis Ende Juni

Jetzt will Höft umsteuern, mit einem von außen geholten „Chief Restructuring Manager“ an seiner Seite. Über den Sozialplan wird verhandelt, bis Ende Juni sollen die Kündigungen ausgesprochen sein. „Wir haben eine Personalzahl, die dem Umsatzvolumen nicht angemessen ist“, sagt Höft. Das Verhältnis zum Betriebsrat sei zum Glück gut. „Entlassungen sind schlimm, aber wir brauchen auch diesen großen Knall“, sagt er. „Manche Dinge schafft man nicht im Normalzustand.“

Offensichtlich brachten nicht nur Oehmens Fehleinschätzungen das Unternehmen in die Bredouille. Schlampigkeiten seien eingerissen, Kalkulationsgrundlagen fehlten, die Reisetätigkeit nahm überhand, bei der Kundenbetreuung haperte es, „professionelle Projektarbeit ist ein bisschen in den Hintergrund getreten“. Besonders ärgert Höft, dass einige Kollegen noch „wachgerüttelt werden mussten“.

An der Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens zweifelt er dennoch nicht. Die beiden Sparten für Ticketautomaten und mobile Datenerfassung mit bisher getrennten Abteilungen für Entwicklung und Konstruktion werden zusammengeführt, das Produktangebot wird auf „Wildwuchs“ durchforstet. Teile der Produktion will Höft von asiatischen zu deutschen Zulieferern zurückholen, um die Lieferzeiten zu verkürzen und flexibler zu sein. Endmontage soll in kleinem Umfang auch wieder in Hannover erledigt werden. Die Kundenbetreuung bekomme wieder mehr Aufmerksamkeit. „Wir müssen die Kräfte sinnvoll bündeln“, sagt Höft.

An einem weiteren Verlust in diesem und vielleicht auch im nächsten Jahr wird das nichts ändern. Das Unternehmen stabilisieren, Kunden, Mitarbeiter, Banken und Aktionäre überzeugen – das ist der Job der nächsten Monate. Dann, vielleicht Ende 2013, soll ein neues Produkt kommen, das er im Kopf hat. „Aber erst mal müssen wir raus aus dem Tal.“

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Höft&Wessel

Die hannoverschen Studenten Michael Höft und Rolf Wessel hatten 1978 die Idee, Mobilgeräte für die Datenerfassung im Handel zu entwickeln. Den großen Schub bekam Höft & Wessel, als die Deutsche Bahn Mobilgeräte für den Fahrscheinverkauf bestellte. Bisher besteht das Unternehmen aus drei Sparten: Almex (Ticketautomaten) und Skeye (mobile Datenerfassung) werden zusammengelegt, die britische Metric, ein Spezialist für Parkscheinautomaten, bleibt eigenständig.

In Hannover arbeiten rund 300 Mitarbeiter, von denen 90 entlassen werden sollen. Bei Metric sollen es 200 Mitarbeiter bleiben. Höft und Wessel gehören zusammen gut 40 Prozent des börsennotierten Unternehmens

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