Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Diesmal wird die Integration schwieriger“

Interview mit IG-Metall-Chef Meine „Diesmal wird die Integration schwieriger“

Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine spricht im Interview mit Lars Ruzic über Flüchtlingspakte, den VW-Skandal und die nächste Tarifrunde.

Voriger Artikel
„Die Rente mit 63 ist kontraproduktiv“
Nächster Artikel
Hannovers App-Erfinder mit Weltruf

„Den Flüchtlingen muss geholfen werden“: IG-Metall-Chef Hartmut Meine glaubt aber nicht an einfache Lösungen.

Quelle: dpa

Herr Meine, Sie bereiten derzeit mit Metallindustrie und Handwerk Integrationspakte vor. Flüchtlinge sollen zunächst ein Jahr Deutsch lernen und ein weiteres im Betrieb vorqualifiziert werden, bevor sie überhaupt eine Lehre beginnen können. Ist das nicht arg lang?
Den geflüchteten Menschen muss bei der Integration in unsere Gesellschaft geholfen werden – und ich bin mir sicher, dass uns das auch gelingen wird. Allerdings gibt es bei der Bewältigung dieser Herausforderung keine einfachen und schnellen Lösungen. Viele Flüchtlinge sprechen weder unsere Sprache, noch kennen sie die deutsche Arbeitswelt, ganz zu schweigen vom System der dualen Ausbildung. Darauf wollen wir sie realitätsnah vorbereiten. Im Deutsch-Unterricht sollen deshalb nicht Goethe und Schiller im Vordergrund stehen, sondern auch die Vermittlung technischer Begriffe und betrieblicher Abläufe. Zudem wollen wir geflüchteten Menschen die Chance auf eine Einstiegsqualifizierung mit anschließender dualer Ausbildung bieten. Am Ende soll dann die unbefristete Übernahme ins Berufsleben stehen.

Die Arbeitgeberseite dringt doch auf eine schnelle Übernahme.
Ja. Im Handwerk ist der Druck stark. Dort ist der Fachkräftemangel ja auch schon real spürbar. Die Industrie sieht das perspektivisch. Am Ende werden aber alle Beteiligten Geduld brauchen. Zum Glück haben wir eine große Erfahrung mit der Integration. Italienische, griechische oder türkische Kollegen, die in den 1960er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland kamen, sind ja erst durch die IG Metall in die Belegschaft eingebunden worden. Diese Erfahrung wollen wir einbringen – wenngleich das diesmal eine Stufe schwieriger werden dürfte. Schließlich kommen die Flüchtlinge aus einem anderen Kulturkreis.

Im Frühjahr steht die neue Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie an. Was werden Sie fordern?
Die letzte Tarifrunde war aufgrund der Forderungen zu Altersteilzeit und Bildungsteilzeit sehr komplex. Insofern wird es diesmal ausschließlich ums Geld gehen. So können wir uns ganz darauf konzentrieren, ein ordentliches Plus durchzusetzen. Denn das erwarten die Beschäftigten. Die genaue Höhe werden Sie aber erst Ende Februar erfahren, wenn die Diskussionen in den Betrieben und Tarifkommissionen abgeschlossen sind.

Angesichts minimaler Produktivitätszuwächse und Null-Inflation sucht man vergebens nach einem Argument für nennenswerte Lohnsteigerungen.
Alle Prognosen gehen für 2016 von unverändert kräftigem Wachstum aus, auch die Inflationsrate soll demnach wieder 1,6 Prozent erreichen. Und die Produktivität hat durchaus spürbar zugelegt. Wir können also selbstbewusst in die Tarifrunde gehen.

Schon der letzte Abschluss, bei dem Sie 3,4 Prozent aushandelten, hat die Arbeitgeberseite vor eine Zerreißprobe gestellt. Die niedersächsischen Firmen haben nur nach mehrmaliger Wahlwiederholung zugestimmt, der Verband fürchtet weitere Austritte aus dem Flächentarif.
Ich kenne kein einziges Unternehmen, das ausgetreten ist. Die viel beschriene Tarifflucht hat nicht stattgefunden. Die Manager mögen jammern, aber sie treten nicht aus. Weil sie genau wissen, dass wir am nächsten Tag bei ihnen auf dem Hof stehen und für einen Haustarifvertrag kämpfen werden. Wir sind auf solche Fälle strategisch vorbereitet. Wer auf Haustarife aus ist, wird schnell merken, dass die Konditionen für das Unternehmen meist schlechter sind, als Mitglied im Arbeitgeberverband zu sein und den Flächentarif zu zahlen.

Nach üppigen Lohnrunden warnen die Arbeitgeber vor Wettbewerbsnachteilen der deutschen Wirtschaft. Konzerne wie Continental oder Bosch verlagern wieder Produktion ins billigere Osteuropa.
Diese Jammerorgien stehen in krassem Widerspruch zur Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Es sind so viele Menschen in Arbeit wie nie – trotz Mindestlohn, trotz Entgeltsteigerungen. Bei einfachen Produkten droht immer die Gefahr der Verlagerung in Niedriglohnländer. Deshalb muss rechtzeitig High-Tech-Fertigung an gefährdete Standorte geholt werden.

Das reicht aber oft nicht aus – etwa bei Conti in Gifhorn oder Bosch in Hildesheim, wo nun Jobs wegfallen.
Gegenfrage: Wieso kann das Wabco, wieso kann das Johnson Controls? Beide Zulieferer investieren seit Jahren kräftig in ihre hannoverschen Standorte. Und in beiden Fällen müssen uns ausgerechnet amerikanische Konzerne vormachen, wie man in Deutschland Jobs sichert.

Der VW-Skandal lässt sowohl Zulieferer als auch die konzerneigenen Leiharbeiter Einsparungen befürchten. Mit Recht?
Ich weiß nichts davon, dass Volkswagen nun Preise bei Zulieferern drücken will, weil man mit einem hausgemachten Skandal konfrontiert ist. Die Situation der Zeitarbeiter hängt davon ab, wie sich die Stückzahlen entwickeln und ob der Konzern bei der Produktivität Fortschritte macht. Es ist ja keineswegs so, dass die Leiharbeiter nichts zu tun hätten. Wir sollten aber auch nicht der Illusion unterliegen, dass jeder Leiharbeiter an Bord bleibt und am Ende übernommen wird. Das Ziel muss die Sicherung möglichst vieler Zeitarbeiter sein.

Die starke Machtposition der IG Metall bei VW gilt als ein Grund für die Duckmäuser-Kultur, die den Skandal möglich machte.
Solche Vorwürfe sind nun wirklich an den Haaren herbeigezogen. Wir sind doch diejenigen, die seit Langem einen Kulturwandel fordern und für offene Debattenkultur und Querdenker eintreten.

Welche Auswirkungen werden der Skandal auf die VW-Tarifrunde im Mai haben?
Ich sehe überhaupt keinen Grund, etwas anderes zu fordern als in der Metall- und Elektroindustrie. Deshalb wird die Entgeltforderung auch die gleiche sein. Sollten die Vorstände glauben, sie könnten in bestehende Tarifverträge eingreifen, haben sich die Herren geschnitten. Zusätzlich zum Entgelt werden wir bei VW auch eine Fortführung des bestehenden Altersteilzeit-Tarifs fordern. Die aktuelle Regelung läuft Ende 2016 aus. Sie ist ein richtiger Renner. Zehntausende haben davon in den vergangenen Jahren profitiert.

Interview: Lars Ruzic

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Niedersachsen

Der Abgasskandal erschüttert den Volkswagen-Konzern. Lesen Sie hier alle Berichte und Hintergründe zur Diesel-Affäre. mehr

Aktienkurse regionaler Unternehmen

CEWE STIFT.KGAA... 76,00 +3,88%
CONTINENTAL 191,44 -0,05%
DELTICOM 16,28 -0,06%
HANNO. RÜCK 91,59 +1,05%
SALZGITTER 29,44 +4,94%
SARTORIUS AG... 70,38 +0,26%
SYMRISE 67,24 -0,12%
TALANX AG NA... 26,00 +0,72%
TUI 11,93 +0,02%
VOLKSWAGEN VZ 121,43 -1,22%
DAX
Chart
DAX 10.586,00 +0,46%
TecDAX 1.716,00 +1,06%
EUR/USD 1,1355 +0,60%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

THYSSENKRUPP 21,50 +2,15%
LUFTHANSA 10,50 +1,14%
DT. POST 28,04 +0,74%
VOLKSWAGEN VZ 121,43 -1,22%
DT. BANK 12,27 -0,89%
FRESENIUS... 66,13 -0,88%

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
AXA IM Fixed Incom RF 200,14%
Stabilitas PACIFIC AF 144,65%
Structured Solutio AF 131,05%
Crocodile Capital MF 130,30%
Morgan Stanley Inv AF 116,64%

mehr