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„Die Rente mit 63 ist kontraproduktiv“

Interview mit Hannes Rehm „Die Rente mit 63 ist kontraproduktiv“

In wenigen Wochen endet die Amtszeit Hannes Rehm, dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Hannover. Mit Albrecht Scheuermann hat er über die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens und die Ausbildungsinitiativen der Kammer gesprochen. 

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IHK-Präsident Hannes Rehm spricht kurz vor Ende seiner Amtszeit über Ausbildungsinitiativen der Kammer. 

Quelle: Decker

In wenigen Wochen endet Ihre Amtszeit als Präsident der Industrie- und Handelskammer Hannover. Bedauern Sie das?

Eine gewisse Wehmut kann ich nicht verhehlen – aber es macht sehr viel Sinn, dass die Satzung nach spätestens acht Jahren einen Wechsel vorschreibt.

Welche Schwerpunkte hat die Kammer während Ihrer Präsidentschaft gesetzt?

Am wichtigsten sind die Bemühungen auf dem Feld „Bildung und Ausbildung“. Die Qualifikation der Menschen ist die wesentliche Ressource der deutschen Wirtschaft. Unser duales Ausbildungssystem hat sich außerordentlich bewährt.

Was ist konkret passiert?

Zum Beispiel haben wir 5 Millionen Euro in die Hand genommen und eine Ausbildungsinitiative für Jugendliche gestartet, die sich mit der Entscheidung schwertun, was sie anfangen sollen. Dazu schicken wir in Kooperation mit den Schulen 440 sogenannte Ausbildungsbotschafter in die Klassen, um den jungen Leuten bei der Berufswahl zu helfen. Diese sind selbst Azubis, sie sprechen die gleiche Sprache wie die Schüler. Wir sehen auch schon Erfolge: Die Zahl der Ausbildungsabbrecher geht zurück. Unsere Maxime: Wir wollen alle mitnehmen. Niemand soll auf der Straße bleiben. Das gilt auch für Studienabbrecher und Migranten.

Stichwort Zuwanderung. Was tut die IHK Hannover auf diesem Gebiet?

Deutschland ist ein Zuwanderungsland, darauf müssen wir uns einrichten. Unter anderem haben wir uns als einzige IHK in Deutschland entschlossen, die ausländischen Zeugnisse und Ausbildungen selbst zu prüfen – und dies nicht an eine zentrale Stelle zu delegieren. Die persönliche Betreuung ist wichtig. Das können unsere Mitarbeiter inzwischen in zehn verschiedenen Sprachen, einschließlich Arabisch und Kurdisch.

Welche Themen haben Sie noch bewegt?

Unsere Arbeitswelt ändert sich tief greifend, Stichwort Digitalisierung. Deshalb wird lebenslanges Lernen immer wichtiger. Unter diesem Gesichtspunkt halten wir auch die Rente mit 63 für völlig kontraproduktiv. Viele Arbeitnehmer in den Betrieben würden gerne länger bleiben, aber der finanzielle Anreiz, früher in Rente zu gehen, ist einfach zu groß. Damit schneiden wir Kenntnisse und Erfahrungen in den Betrieben ab, die auch für die Integration von Flüchtlingen wichtig sind.

Was tun Sie für die Weiterbildung?

Erst vor einigen Tagen hat die Vollversammlung einen Weiterbildungsfonds beschlossen, der zunächst mit 2 Millionen Euro dotiert ist. Er soll den Mitgliedsfirmen bei der Qualifizierung ihrer Beschäftigten helfen. Ein Schwerpunkt liegt bei der beruflichen Integration von Flüchtlingen und Migranten, es geht aber auch um Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich Digitalisierung.

Welche Besonderheiten weist die IHK Hannover auf?

Zunächst mal ihre Größe. Ihr Gebiet reicht von Göttingen bis Syke. Sie ist damit, was die Fläche angeht, eine der größten in Deutschland und steht für einen großen Teil der niedersächsischen Wirtschaft. Aber wichtiger sind andere Besonderheiten.

Welche meinen Sie?

Die IHK Hannover hat das niedrigste Beitragsniveau aller deutschen Kammern und die niedrigsten Personal- und Sachkosten pro Mitglied der zehn größten IHKs. Sie war auch die erste, die 2009 eine Beitragsrückgewähr eingeführt hat. Seitdem hat es das schon fünfmal gegeben. Die Mitglieder bekamen eine entsprechende Beitragsgutschrift. Und für 2015 haben wir im Mai unter anderem wegen eines sehr positiven Finanzergebnisses den Jahresbeitrag halbiert. Das ist in Deutschland einmalig. Unsere Finanzlage ist sehr solide.

Manche Firmen wehren sich gegen die Pflichtmitgliedschaft in den Kammern. Was sagen Sie ihnen?

Wir sind mit öffentlichen Aufgaben betraut, zum Beispiel im Prüfungswesen und bei der Zulassung von Sachverständigen. Ebenso wirken wir an Raumordnungsverfahren mit. Damit vertreten wir die Interessen der gesamten Wirtschaft. Allerdings glaube ich, dass das Thema weiter am Köcheln gehalten wird. Deshalb müssen wir unter Beweis stellen, dass wir uns als Dienstleister verstehen und die Kammermitglieder als Kunden. Sonntagsreden reichen nicht.

Wie steht es um die Wirtschaft im Kammerbezirk?

Was die Wirtschaftskraft angeht, rangieren wir im Mittelfeld. Die Wirtschaft ist sehr diversifiziert, es gibt aber einen Schwerpunkt im Finanz- und Versicherungsbereich. Der industrielle Bereich ist dagegen schwächer ausgeprägt. Daran müssen wir arbeiten, damit der Mix ausgewogener wird.

Wo sehen Sie die Stärken der hiesigen Wirtschaft?

Wir sollten unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es gibt im Gebiet der IHK Hannover eine Reihe von Weltklassefirmen – ich erinnere nur an Sartorius, Otto Bock oder Sennheiser. Sehr weit vorn liegen wir auch im Bereich Biomedizin und Gesundheitswirtschaft.

Was erwartet die Industrie- und Handelskammer von der Politik?

Um das klarzustellen: Wir wollen nicht gepampert werden. Was die Wirtschaft aber braucht und erwarten kann, sind verlässliche Rahmenbedingungen. Das gilt für die Energie- und Steuerpolitik, den Arbeitsmarkt und die Bürokratie. Die Politik muss längerfristig kalkulierbar sein, sonst wird weiterhin zu wenig investiert.

Was planen Sie persönlich für die Zeit nach der IHK?

Ich werde die unternehmerische Wirtschaft auch künftig in einer Reihe von Mandaten begleiten. Auf jeden Fall möchte ich aber auch mit der jüngeren Generation in Kontakt bleiben, deshalb will ich meine Lehrtätigkeit in Münster und mein Mitwirken am Hannover Center of Finance fortsetzen. Eines zum Schluss: Die Wirtschaft Hannovers und der Region ist wie eine attraktive Frau, sie will umworben werden.

Zur Person

Hannes Rehm, geboren am 18. Januar 1943 in Berlin, hat sich in seinem langen Berufsleben in etlichen Toppositionen und Tätigkeiten bewährt – als Hauptgeschäftsführer des deutschen Sparkassenverbandes, als Chef der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) und des Bankenrettungsfonds Soffin, als Honorarprofessor und als Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zu den zahlreichen ehrenamtlichen Aufgaben des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers gehört das Amt des Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Hannover, das er seit dem Jahr 2008 und noch bis Ende Januar 2016 innehat.

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