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DLG: „Wir brauchen kein Tierwohl-Label“

Interview mit Reinhard Grandke DLG: „Wir brauchen kein Tierwohl-Label“

Gegen die Messe Eurotier haben am Sonnabend mehrere Hundert Demonstranten in Hannover protestiert. Reinhard Grandke, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, spricht im HAZ-Interview über Diskussionen zum Tierwohl und das Verhältnis zwischen Verbrauchern, Bauern und Handel.

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„Nirgendwo wird so anspruchsvoll über das Tierwohl diskutiert wie in Deutschland“: Was es Neues zum Thema Tierhaltung gibt, zeigt auch in diesem Jahr wieder die Eurotier.

Quelle: Peter Steffen/dpa/M

Hannover. Laut Umfragen wünschen sich zwei Drittel der Verbraucher billige Lebensmittel - 80 Prozent würden hingegen mehr bezahlen, wenn es dem Tierwohl dient. Wie kommen solch widersprüchliche Signale bei den Bauern an, Herr Grandke?

Die Erzeuger würden sich natürlich wünschen, dass die Verbraucher die Qualität der Produkte wahrnehmen und entsprechend honorieren. Nur leider entscheiden sich die Kunden an der Ladentheke häufig noch anders als in Umfragen - die Landwirte sehen sich deshalb vor allem in einem Preiswettbewerb. Die Qualität ihrer Erzeugnisse hat noch nicht die Bedeutung, die sie haben sollte.

Auch der Einzelhandel macht inzwischen den Druck und fordert mehr Engagement beim Tierschutz...

Wer Lebensmittel verkaufen möchte, muss natürlich die Wünsche seiner Kunden auf- und ernstnehmen. Die große Herausforderung besteht darin, die Anforderungen mit dem Machbaren zu verknüpfen. Im Ackerbau ist das noch vergleichsweise einfach, weil jedes Jahr eine neue Frucht angebaut wird. Anders in der Viehhaltung: Ein neuer Stall, der moderne Haltungsformen ermöglicht, wird über 40 Jahre abgeschrieben - da kann man nicht beliebig immer neue Forderungen oben draufsatteln.

Die Initiative Tierwohl von Fleischindustrie, Handel und Bauernverband hat die Unterstützung durch Tierschützer verloren - die Standards seien zu dürftig, lautet der Vorwurf.

Das sehe ich nicht so. Die Initiative war die Initialzündung für eine gesellschaftliche Debatte um moderne Tierhaltung. Sie hat auch geholfen, den Einzelhandel an den Tisch zu bringen. Man sollte zudem nicht übersehen, dass es auch unter den Erzeugern Unzufriedenheit mit der Initiative gibt: Sie fühlen sich für ihren Aufwand zu schlecht entlohnt.

Bundesagrarminister Christian Schmidt möchte Deutschland zum „Vorreiter in Sachen Tierwohl“ machen. Wo stehen wir heute?

Wir liegen in der internationalen Diskussion bestimmt nicht weit zurück, wenn überhaupt. Eine solch anspruchsvolle gesellschaftliche Diskussion um das Tierwohl wie hierzulande sehe ich aktuell nirgendwo.

Der Minister will im nächsten Jahr ein Tierwohl-Label einführen - der Bauernverband glaubt nicht, dass sich das am Markt durchsetzt. Was ist so kompliziert daran?

Der Staat schafft einen rechtlichen Rahmen für die Tierhaltung, aber er kann die Tierhaltungssysteme nicht „labeln“. Denn entweder „labelt“ er den gesetzlichen Standard und wird damit unglaubwürdig, weil sich dann jedermann fragt, warum Selbstverständliches ausgezeichnet wird. Oder er zeichnet mehr aus als den Standard - dann entsteht aber die Frage, warum dies kein Standard ist. Statt staatlicher Label brauchen wir ein Zulassungsverfahren, das auf wissenschaftlichen Grundlagen basiert.

Verbraucherschützer fordern eine verbindliche Haltungskennzeichnung für jede Packung Fleisch. Wäre das ein Weg? Bei Bioeiern hat es doch funktioniert...

Es ist absehbar, dass der Lebensmitteleinzelhandel auch bei Fleisch die Entwicklung von Eigenmarken vorantreibt. Dann dürften die Produktionsverfahren und Haltungsbedingungen genauer definiert werden. Eines darf man in dieser Diskussion jedoch nicht vergessen: Bei der Tierhaltung bleibt immer der Mensch der größte Einflussfaktor - die Technik ist nur ein Hilfsmittel.

Techniken wie das Kupieren von Ferkel-Schwänzen oder das Beschneiden von Hühnerschnäbeln dienen dem Tierwohl nicht - der Mensch nutzt sie trotzdem...

Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Leider gibt es noch keine innovative Technologie, die Tiere im Stall daran hindert, einander die Schwänze abzubeißen, was zu Abszessen oder schwerwiegende Entzündungen führen kann. Kein Landwirt fügt seinen Ferkeln gern Schmerzen zu, aber noch fehlt es an einer echten Alternative.

Als Veranstalter nehmen Sie für sich in Anspruch, in puncto Tierwohl auf der Eurotier 2012 einen „Lernprozess“ in Gang gesetzt zu haben. Woran lässt sich der Erfolg messen?

Da gibt es viele Beispiele. Immer mehr Tiere finden heute im Stall Beschäftigungsmaterial, auch die Belegungsdichte ist vielerorts gesunken. Neubauten wirken nicht mehr wie Festungen, Web-Cams sorgen für Transparenz - Landwirte sind vermehrt im Internet aktiv und bloggen über ihre Arbeit. Vieles davon passiert dezentral und abseits der Verbände. Insbesondere junge Bauern sind sich heute bewusst, dass sie nur mit gesellschaftlicher Akzeptanz eine wirtschaftliche Zukunft haben. Früher hätten sie vielleicht überlegt, wie sie noch 1000 Liter mehr Milch aus einer Kuh herausbekommen. In der Branche tut sich wirklich sehr viel.

Interview: Jens Heitmann

Das ist Reinhard Grandke

Reinhard Grandke hat zunächst eine Lehre in der Landwirtschaft absolviert und dann Agrarwissenschaften studiert. Der promovierte Tierzüchter ist seit 1998 bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Frankfurt – und dort seit 2004 als Hauptgeschäftsführer beschäftigt.

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