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Niedersachsen „Wir wollen viel von den Chinesen lernen“
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00:20 01.03.2018
Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Vorstand Jörn Hasenfuß: „Wir glauben, die Zeit ist reif, in China durchzustarten“ Quelle: (c) www.photos24.de
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Hannover

Herr Hasenfuß, Sie haben fünf Jahre lang für VW in China gearbeitet. Der Markt dort ist der größte der Welt, er wächst schnell, das Dieselthema spielt keine Rolle. Vermissen Sie China?

Ja, ich vermisse China. Ich war von 2009 bis 2013 dort. In Europa war 2009 die Zeit der globalen Finanzkrise. In China hatten wir gefühlt drei Tage Krise, dann ging es nur noch nach oben. Wir haben alles ver-x-facht. Als ich bei SAIC Volkswagen in Shanghai als kaufmännischer Geschäftsführer anfing, hatten wir ca. 18.000 Mitarbeiter. Als ich ging, waren es um die 30.000. Der Absatz stieg von 700.000 auf ca. 1,5 Millionen. Es war eine prägende Zeit für mich. 

 Deshalb wollen Sie jetzt also auch mit Volkswagen Nutzfahrzeuge nach China? 

China ist der größte Automobilmarkt der Welt. Unsere Schwestermarken VW Pkw, Audi und Skoda agieren dort bereits sehr erfolgreich. Wir glauben, dass die Zeit für uns jetzt reif ist, in China durchzustarten und die Angebotspalette des Konzerns um Nutzfahrzeuge zu ergänzen. 

Aber warum erst jetzt? Ihre Pkw-Kollegen produzieren schon seit den Achtzigerjahren in China. 

Ich hatte zu meiner China-Zeit bereits versucht, unsere Nutzfahrzeuge dorthin zu bringen. Aber die beiden VW-Joint-Ventures, SAIC Volkswagen in Shanghai und FAW-VW im Norden, hatten mit der wachsenden Nachfrage und ständig neuen Pkw-Modellen alle Hände voll zu tun. Und wir müssen fairerweise sagen: Wir hätten es mit Nutzfahrzeugen damals nicht so hinbekommen wie die Kollegen bei VW, Audi und Skoda. Der Fokus lag deshalb auf den Pkw. 

 Was heißt das nun für VWN? 

 Wir haben nach einem möglichen neuen Partner gesucht und haben mit JAC den richtigen gefunden. Dieser Hersteller bietet aus unserer Sicht das größte Potenzial und ist ein Hersteller, der noch kein bestehendes Joint Venture mit einem ausländischen OEM hat. Er will auch unbedingt mit uns zusammenarbeiten. Ich spreche zwar kein chinesisch, aber man merkt in Gesprächen schnell, ob man als Autobauer eine gemeinsame Sprache spricht. Und das klappt mit JAC sehr, sehr gut. 

Wie soll die Zusammenarbeit aussehen? 

 Ziel ist ein Joint Venture für Forschung, Entwicklung und Vertrieb. Die Produktion soll über Lizenzfertigung abgebildet werden. Wir wollen die Fahrzeuge also komplett von JAC bauen lassen. 

Welche Vorteile bietet JAC denn im Vergleich zu den bestehenden VW-Partnern? 

 JAC hat viele Vorteile. Extrem wichtig ist: Die Werke liegen nicht in den hochentwickelten Regionen Chinas, sondern in Hefei in der Provinz Anhui. Dort sind die Arbeitskosten deutlich niedriger als zum Beispiel in Shanghai. 

JAC liegt bei den Stückzahlen allerdings nur auf Rang 9 der chinesischen Marken. Ist der Partner damit nicht eine Nummer zu klein? 

 JAC verkauft ca. 600.000 Fahrzeuge im Jahr. Wir dürfen jetzt nicht den VW-Konzern mit den Pkw-Marken zum Vergleich heranziehen, sondern unsere Marke VWN. Wir sind kleiner als JAC, die übrigens sehr solide aufgestellt sind und sich bestens im chinesischen Automobilgeschäft auskennen. 

 Um welche Fahrzeuge geht es? 

 Am Anfang wollen wir zwei unserer Fahrzeuge sowie zwei Fahrzeuge von JAC optimieren und bauen. Auf unserer Seite konzentrieren wir uns höchstwahrscheinlich auf die T-Baureihe. JAC wird zwei sehr interessante leichte Nutzfahrzeuge einbringen, aus Segmenten, in denen wir heute auch zuhause sind. 

 Unter welcher Marke werden Sie die Modelle anbieten? 

 Wir gehen einen komplett neuen Weg. Egal ob VW, Skoda oder Audi: Bisher haben Europäer immer europäische Fahrzeuge nach China gebracht und für die lokalen Bedürfnisse leicht abgewandelt. Wir übernehmen nun erstmals chinesische Modelle, optimieren sie und können uns auch vorstellen, sie mit VW-Logo zu verkaufen. 

 Chinesische Autos haben nicht den besten Ruf, seit es einige schlechte Crashtestergebnisse gab. Was müssen Sie verbessern, damit die JAC-Modelle dem VW-Anspruch gerecht werden? 

 Im Fokus steht die Optimierung des Fahrzeughandlings und der Fahrdynamik. Dazu sind Optimierungen am Fahrwerk nötig. Volkswagen-Fahrzeuge haben eine eigene Sprache. Die Lenkung muss sehr exakt sein, die Bremsen müssen in bestimmten Intervallen eine bestimmte Leistung bringen. 

 Und wie werden Sie Ihren T-Multivan an die chinesischen Bedürfnisse anpassen? 

China ist nach wie vor ein Chauffeursland. Die Bestuhlung muss entsprechend sein, mit bequemen Einzelsitzen im Fond, sogenannten Captain’s Chairs. Es wird viel Licht im Fahrzeug geben. Wir zielen auf die obere Mittelschicht und auf die etwas Wohlhabenderen. 

Im Moment exportiert VWN den Multivan nach China, in kleinen Stückzahlen, zuletzt 5000 pro Jahr. Wie groß ist der Kostenvorteil, wenn Sie stattdessen in China produzieren? 

 Allein die Zollkosten liegen bei 25 Prozent. Das ist schon Grund genug für eine Produktion vor Ort. Außerdem sparen wir durch die geringeren Produktionskosten. Ohne die Zollkosten und mit den geringeren Produktionskosten können wir die Fahrzeuge deutlich günstiger anbieten und vor Kunde wettbewerbsfähig sein. 

 Welche Stückzahlen peilen Sie an? 

Eine Volumenermittlung für die Zukunft auf einem neuen Markt, das ist nicht so einfach. Ich kann also heute noch keine Zahlen nennen. 

Wann soll es denn losgehen? 

 Wir haben im November 2017 eine Absichtserklärung unterschrieben. Jetzt laufen gegenseitige Prüfungen. Da werden wir Gas geben, damit wir bis voraussichtlich Mitte 2018 den Vertrag schließen können. Die Produktion soll 2020/2021 beginnen. 

 Woher wollen Sie die Komponenten beziehen? 

 Wir werden wettbewerbsfähige Produkte auf die Beine stellen. Der Anteil der Komponenten aus China ergibt sich dann von alleine. Wir werden aber nicht alles dort finden. Gewisse Teile werden aus Deutschland kommen, das ist auch bei den PKWs so. Das Projekt fördert also auch Arbeitsplätze hier. Bei den Antrieben setzen wir auf Benziner und Elektro. Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Batterietechnik dort schnell salonfähig machen. Diesel spielt keine Rolle, aufgrund der stark schwankenden Dieselkraftstoffqualitäten in China. 

 Wie viel wollen Sie investieren? 

 Wir wollen bei den Investitionen sehr vorsichtig sein und größere Einmalaufwendungen vermeiden. 

Was wollen Sie langfristig in China erreichen? 

Wir sind da für vieles sehr offen. Man muss auch Visionen haben. Eins kann ich Ihnen heute schon sagen: Wir wollen viel von den Chinesen lernen. Das fällt uns als Volkswagen manchmal ein bisschen schwer. Man muss auch schauen, wie es die Kollegen dort machen. Und die machen vieles richtig gut. 

 Zum Beispiel? 

JAC hat ein Produktportfolio vom Kleinwagen über leichte Nutzfahrzeuge bis zu Lkw und Bussen. Und das bei einem Volumen von ca. 600.000 Fahrzeugen p.a.. Er hat also die Fähigkeit, mit geringen Mitteln tolle Entwicklungen auf die Beine zu stellen. Dieses Know-how wird auch uns weiterbringen.

Zur Person

Der Diplom-Kaufmann Jörn Hasenfuß ist Mitglied des Markenvorstands von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) und für den Bereich Beschaffung zuständig. Aufgrund seiner China-Erfahrung verantwortet er auch das China-Projekt von VWN. 

Der 57-Jährige kam 1987 zu VW, wechselte 1999 zu Audi und kehrte 2002 zu VW zurück. Von 2009 bis 2013 arbeitete er für Shanghai Volkswagen in China, anschließend übernahm er seinen aktuellen Posten bei VWN in Hannover. Er ist seit 26 Jahren verheiratet und hat zwei Söhne. 

Von Christian Wölbert

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