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Ruiniert der Milchpreis die Bauern?

Tiefstand in Niedersachsen Ruiniert der Milchpreis die Bauern?

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer fordert ein 300-Millionen-Sofortprogramm zur Stützung des Milchpreises. Der aktuelle Tiefstand von teilweise unter 27 Cent pro Liter sei existenzbedrohend für die rund 11 200 Milchviehhalter in Niedersachsen, sagte der Grünen-Politiker der HAZ.

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Kühe in einer typischen Melkanlage.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer rechnet mit jährlichen Umsatzeinbußen von 800 Millionen Euro. Meyer will daher für einen sogenannten Milchtopf 309 Millionen Euro von der EU zurückholen. Die Summe mussten deutsche Landwirte im vergangenen Jahr als Strafzahlungen nach Brüssel überweisen, weil sie rund eine Milliarde Liter mehr Milch produziert hatten, als ihnen laut Milchquote zustand. Die Quote wurde in diesem Jahr abgeschafft.

Der Preis, den Molkereien derzeit an die Landwirte zahlen, ist innerhalb eines Jahres von fast 40 Cent im Juni 2014 auf aktuell knapp 27 Cent gefallen. Grund dafür ist laut niedersächsischem Bauernverband ein Überangebot auf dem Weltmarkt. Landvolk-Vizepräsident Heinz Korte macht für das Überangebot vor allem das russische Embargo für Europäische Lebensmittel und eine stark nachlassende Nachfrage in China verantwortlich.

"Harter und rücksichtsloser Verdrängungswettbewerb"

Wütend machen viele Landwirte die aktuellen Niedrigpreise für Milchprodukte in den Discountern. Der Lebensmitteleinzelhandel nutze die Lage aus, kritisiert Korte, der selbst Milchviehhalter ist. „Der Handel hat das Preisniveau für Milchprodukte hierzulande auf ein beispiellos niedriges Niveau gedrückt.“ Er sprach von einem „extrem harten und rücksichtslosen Verdrängungswettbewerb“, weshalb der Milchpreis in Deutschland sogar um 2 bis 3 Cent unter dem Durchschnittspreis der EU liege. „Das tut den Familien richtig weh.“ Das Landvolk erwarte „von allen Verantwortlichen eine Rückkehr zu wirtschaftlicher Disziplin“.

„Wir müssen gegensteuern“, sagte auch Meyer am Freitag. Landwirte sollen Zahlungen erhalten, wenn sie freiwillig weniger Milch produzieren. Eine solche Ausfallentschädigung zur Mengenreduzierung wäre nach Einschätzung des Agrarministers „eine echte Nothilfe und auch ein wichtiges Überbrückungsgeld, um bäuerliche Familien vor dem Ruin zu bewahren“.

Meyer will einen solchen „Milchtopf“ Ende September auf der nächsten Agrarministerkonferenz als gemeinsamen Vorschlag der sechs grünen Länderagrarminister gemeinsam mit Hessen einbringen. Danach sollen die Strafzahlungen der deutschen Bauern nicht einfach im allgemeinen EU-Haushalt verschwinden, sondern den Landwirten wieder zugutekommen.

Weshalb Biobauern 20 Cent mehr bekommen

Der Milchpreis ist im freien Fall: 27 Cent oder weniger zahlen Molkereien Landwirten derzeit nur noch für einen Liter Milch. Die HAZ beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Ist das Ende der Spirale schon erreicht?
Marktbeobachter rechnen damit, dass der Preis weiter fallen könnte. Der historische Tiefpunkt ist auch noch nicht erreicht. Im „schwarzen Jahr 2009“ lag der Milchpreis im Schnitt bei 23,45 Cent pro Liter.

Vor einem Jahr bekamen Landwirte noch knapp 40 Cent pro Liter. Warum fällt der Preis derzeit so stark?
Nicht so sehr die Abschaffung der Milchquote in diesem Jahr wird dafür verantwortlich gemacht. Obwohl Landwirte seitdem wieder so viel Milch produzieren dürfen, wie sie wollen, soll das eher langfristige Folgen haben. Aktuell drücken drei Faktoren den Preis: Russland lässt keine Milch mehr aus westlichen Staaten ins Land. Darum ist viel Milch auf dem Markt. Nach Berechnungen des Landvolks soll allein das 3 Cent pro Liter ausmachen. Gleichzeitig ist die Nachfrage in China eingebrochen, wohin zuletzt viel deutsche Milch exportiert wurde. Starken Einfluss hat aus Sicht des Bauernverbands darum auch der Handel in Deutschland. Er nutzt Überkapazitäten für Preissenkungen. Nach Angaben des Landvolks macht das weitere 2 bis 3  Cent pro Liter aus.

Biobauern bekommen zuverlässig mehr als 47 Cent. Woran liegt das?
Nach Angaben eines Sprechers von Bioland war der Preisunterschied zwischen konventionell erzeugter und Biomilch noch nie so groß wie derzeit. Der Molkereipreis für Biomilch lag im Juli bei 47,9 Cent. „Biomilch ist derzeit stark nachgefragt. Das ist schlicht eine Sache von Angebot und Nachfrage.“ Man suche im Moment nach Erzeugern, um den Markt bedienen zu können. „Der Verbraucher will heimische Biomilch.“ Vor Jahren war die Biomilch noch an den Preis normaler Milch gekoppelt. Davon habe man sich gelöst. Biolandwirte würden zudem über Erzeugergemeinschaften ihre Marktmacht besser ausnutzen. „Die Bauern sagen auch mal: Hier liefern wir nicht mehr hin, wenn der Preis nicht stimmt.“

 

Billiger als Mineralwasser

Landwirt Sven Klingemann erklärt, warum ihn der Preis für Milch im Supermarkt fassungslos macht

Sven Klingemann war neulich im Supermarkt, und was er gesehen hat, hat ihm nicht gefallen. Für 55 Cent haben sie da den Liter Milch angeboten. Vielleicht war es seine Milch, denn der 32 Jahre alte Landwirt hat auf seinem Hof in Schneeren bei Neustadt am Rübenberge mehr als 300 Kühe im Stall stehen. Er ist damit einer der Großen in Niedersachsen. Aber allein die Größe schützt ihn nicht vor dem Markt. Klingemann leidet unter dem aktuellen Milchpreis, wie eigentlich alle seiner Kollegen. Manche mehr, manche weniger. Für viele ist es existenzbedrohend.

55 Cent. Klingemann macht so ein Preis fassungslos: „Es kann doch nicht sein, dass der Liter Milch im Supermarkt billiger ist als ein Liter Mineralwasser.“ Er bekommt wie die meisten Bauern davon im Moment sogar nur 26  Cent.
Doch was soll Klingemann machen? Der Landwirtschaftsmeister hat noch fast sein gesamtes Berufsleben vor sich. Muss mit dem Ertrag des Hofes, den er vor sieben Jahren von seinem Vater übernommen hat, Kredite für Investitionen zurückzahlen und gleichzeitig zwei Familien ernähren. Seine Tochter Mia ist fünf Jahre alt, seine Frau Cara erwartet das zweite Kind. Und dann sind da noch die Eltern Wilhelm und Irmtraut.

1,7 Millionen Liter Milch produzieren seine Kühe im Jahr, 4000 Liter am Tag. Davon müsste man eigentlich gut leben können. Denkt man. Klingemann aber sagt: „Bei dem Preis gerade ist das nicht mal kostendeckend.“ Er rechnet darum viel, und er rechnet vor: dass er 33 bis 35 Cent brauche, mindestens. Und dass er im Moment 3500 bis 4000 Euro im Monat weniger einnehme als noch im vergangenen Jahr, als der Preis „locker 10 Cent höher“ lag. „Das fängt kein Betrieb auf.“

"Es gibt genug, die Notkredite aufnehmen müssen"

Klingemann hat viel investiert: Vor fünf Jahren hat er einen neuen Stall gebaut, zwei Melkroboter angeschafft. Eine Biogasanlage steht auf dem Hof. „Wir müssen darum viel abbezahlen.“ Das waren freiwillige Investitionen. Dann sind da noch die anderen. Die wegen der immer neuen Vorschriften. Der junge Landwirt zeigt mit dem Finger auf eine sauber betonierte Fläche hinter seinen beiden Kuhställen, darauf wölben sich unter schwarzer Plane zwei Silohaufen, also gehäckselter Mais als Futter für die Tiere. Heutzutage darf davon nichts mehr ins Grundwasser gelangen. „Die neue Siloanlage hat 250 000  Euro gekostet.“ Muss auch noch abbezahlt werden.

Aber wie? „Bei dem aktuellen Preis ist da nichts zu machen.“ Und Besserung ist nicht in Sicht: „Wie es aussieht, geht der Preis noch mal um 2 Cent runter.“ Wie lange hält ein Hof so etwas aus? Klingemann zählt sich nicht zu denen, die akut in ihrer Existenz bedroht sind, doch er sagt: „Es gibt genug, die Notkredite aufnehmen müssen oder sogar ganz aufgeben.“

Um genau zu sein, waren es ziemlich viele in den vergangenen Jahren: Nach Angaben des Agrarministeriums ist die Zahl der Milchviehhalter zwischen 2010 und 2014 um mehr als 16 Prozent zurückgegangen. Von 13 400 Betrieben sind noch 11 200 übrig. Interessanterweise haben die weniger gewordenen Betriebe zugleich mehr Milch produziert. Der Ausstoß ist von 5,7 Milliarden auf 7,7 Milliarden Liter im Jahr gestiegen.

Entwicklung der Milchauszahlungspreise in Niedersachsen 2012 bis Juni 2015 in Cent pro Kilo.

Quelle:

Manche führen das auf die Abschaffung der Milchquote in diesem Jahr zurück. Seit April dürfen die Bauern wieder so viel produzieren, wie sie wollen. Viele haben im Vorgriff darauf ihre Produktion angezogen. Und der Preis auf dem Weltmarkt war gut.
Dieser Weltmarkt macht nun auch dem Landwirt in der Region Hannover zu schaffen. Das russische Embargo für Milch aus Europa, Neuseeland und anderen westlichen Staaten belastet deutsche Bauern. „Russland ist für uns eine ganz große Katastrophe“, sagt Klingemann.

Doch der Weltmarkt ist das eine. Richtig ärgerlich findet Sven Klingemann den deutschen Lebensmitteleinzelhandel. „Was mich wütend macht: dass die Märkte das ausnutzen.“ Der 32-Jährige sieht das so: „Die Discounter sind jetzt gefragt.“ Hält der Preis auf dem gegenwärtigen Niveau an, so glaubt Klingemann, werden das die meisten Betriebe noch höchstens ein Jahr aushalten.

Von Karl Doeleke

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