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Niedersachsen „Die Anfrage kam zum richtigen Zeitpunkt“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Die Anfrage kam zum richtigen Zeitpunkt“
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00:22 27.09.2015
Von Jens Heitmann
Susanna Zapreva übernimmt im nächsten Jahr die Führung der hiesigen Stadtwerke. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Wien. Der Plauschton am Fahrstuhl zielt auf Unverbindlichkeit. „Wie geht es Ihnen?“, fragt die Chefin. Der Mitarbeiter schaut kurz auf und schweigt. Die Tür öffnet und schließt sich, Knöpfe werden gedrückt, die Stille wird lauter: „Wollens dös wirklich wissen?“ Die Frage lässt nur eine Antwort zu: „Natürlich ...“ Stockwerke ziehen vorbei, ein Mundwinkel zuckt: „Wie soll’s anem schon göhn, wenn man grad’ degradiert worden is’?“ Für einen Moment zögert nun auch die Chefin. „Wir reden da noch mal drüber“, sagt Susanna Zapreva, als der Fahrstuhl hält. Dass die Geschäftsführerin der Wien Energie ihre Entscheidung nicht mehr umstoßen wird, wissen beide.

Wenn Unternehmen sparen und Abteilungen zusammenlegen, gibt es Verlierer; inzwischen gilt das auch in der einst so reichen Energiebranche. Der anziehende Wettbewerb und der üppig subventionierte Boom bei Ökostrom bringen die traditionellen Geschäftsmodelle der etablierten Versorger ins Wanken. Der Börsenwert von RWE hat sich halbiert, Eon steht vor der Kernspaltung - und die Stadtwerke müssen ebenfalls kämpfen, zumindest in liberalisierten Märkten wie Deutschland und Österreich. Wien Energie bildet da keine Ausnahme.

Viele Beschäftigte akzeptieren das inzwischen - bis es konkret wird. Bei den Stadtwerken Hannover reiben sich Mitarbeiter der Bereiche Kundenservice, Abrechnung und Messwesen gerade daran, dass Vorstandschef Michael Feist sie ohne Vorwarnung in den Vertrieb einsortieren will. Das entsprechende „Info-Blatt“ des Betriebsrates hat per Mail auch seine designierte Nachfolgerin in Wien erreicht. Ob sie die Aufregung erstaunt, lässt sich Zapreva nicht anmerken - angesichts der Veränderungen, die sie selbst zuletzt bei Wien Energie angestoßen hat, wäre das wenig überraschend.

Der Versorger aus Österreichs Hauptstadt bewegt sich mit einem Umsatz von knapp 2 Milliarden Euro und rund 2400 Mitarbeitern auf Augenhöhe mit Enercity. Doch damit enden die Parallelen weitgehend - vor der Radikalität, mit der die Wiener ihre Energiewende auf kommunaler Basis vorantreiben, ist man in Hannover bisher zurückgeschreckt, auch mit Blick auf die Kosten. Unter der Federführung von Zapreva hat Wien Energie den Anteil der erneuerbaren Energieproduktion verdoppelt, bereits vor zwei Jahren alle konventionellen Kraftwerke komplett abgeschrieben und dafür in der Bilanz einen Verlust von knapp 270 Millionen Euro in Kauf genommen. Bis 2030 solle die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen, heißt es.

Wechsel im nächsten Frühjahr

Keine Zweifel mehr: Susanna Zapreva kommt Anfang März 2016 nach Hannover, im April tritt sie als Enercity-Chefin die Nachfolge von Michael Feist an. Von der Stadt habe sie zunächst nur gewusst, „dass sie die Hauptstadt von Niedersachsen ist und hier viele Messen stattfinden“. Kollegen aus der Branche hätten gefragt, ob sie „wirklich von Wien nach Hannover ziehen will“. Da hätten sich schon leise Zweifel an der Entscheidung gemeldet, räumt Zapreva ein. Nach mehreren Besuchen scheinen die jedoch ausgeräumt. Die Stadt sei „sehr grün“, und die Menschen seien – ganz entgegen dem Klischee – sehr freundlich, sagt die neue Enercity-Chefin. Auch Mann und Sohn gefalle es hier, sie ziehen mit um.

Erreichen möchten die Wiener das auch durch eine direkte Beteiligung der Kunden an „BürgerInnen-Solarkraftwerken“ und ähnlich konstruierten Windparks. Im ersten Modell verkaufte das Unternehmen schlüsselfertige Fotovoltaikanlagen für 950 Euro an Hauseigentümer und mietete sie dann zurück. Die Bürger streichen dafür - mithilfe der Ökostromzulage - eine risikolose Rendite von 3,1 Prozent ein; nach Ende der Laufzeit erstattet Wien Energie den vollen Kaufpreis. „Das erste Kraftwerk war in 28 Stunden ausverkauft“, sagt Zapreva. Das war 2012 - inzwischen liefern 22 solcher Anlagen Strom. Beteiligungen am ersten Windpark dieser Art gingen kürzlich innerhalb von vier Minuten weg, nur jeder zehnte Interessent war erfolgreich.

Diese Entschiedenheit bei der Energiewende sei bei der Suche nach der neuen Stadtwerke-Chefin ein wichtiger Pluspunkt gewesen, verlautet aus dem Enercity-Aufsichtsrat. Weil in der Spitze städtischer Unternehmen bisher kaum Frauen vertreten sind, formulierte die Findungskommission eine klare Priorität - die Personalberater stellte das in der von Männern dominierten Energiebranche vor eine kleine Herausforderung. In Wien hatten sie doppelt Glück: Sie fanden eine Kandidatin - und sie zeigte Interesse. „Die Anfrage kam einfach zum richtigen Zeitpunkt“, sagt Zapreva.

Österreich hat nur etwas mehr Einwohner als Niedersachsen - entsprechend übersichtlich sei die Zahl der Akteure auf dem Energiemarkt, sagt die 42-Jährige. Nach mehr als zehn Jahren bei Wien Energie habe sie immer seltener die Komfortzone verlassen, was für ihre persönliche Entwicklung nicht optimal sei. Bei Verhandlungen habe sie zuletzt bisweilen schon vorher gewusst, wer wann welches Argument vortrage. Geringe Herausforderung und Ehrgeiz passen nie gut zusammen - erst recht nicht für eine Frau, die bis zur Zwischenprüfung Medizin und Elektrotechnik parallel studiert hat, weil sie beides spannend fand.

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