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Niedersachsen Rossmann: „Reiche stärker in die Pflicht nehmen“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Rossmann: „Reiche stärker in die Pflicht nehmen“
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13:27 11.06.2010
Dirk Rossmann Quelle: Christian Burkert

Herr Rossmann, haben Sie Ihr Vermögen schon in Gold angelegt?

Ich habe kein Gold im Tresor, sondern Geld in einen Goldfonds investiert. Aber ich kann jeden verstehen, der Barren erworben hat.

Warum?

Weil wir vor einer dramatischen Geldentwertung stehen, wenn wir das Steuer nicht noch schnell und entschieden herumreißen. Nicht nur die Finanzwirtschaft, auch Staaten haben über ihre Verhältnisse gelebt. Schulden werden durch immer neue Schulden abgelöst. Wenn das so weitergeht, sehe ich Wohlstand und Demokratie in ihren Grundfesten gefährdet. Es muss endlich Vernunft einkehren, sonst habe ich Angst um unser Gemeinwesen.

Die Bundesregierung hat gerade ein 80 Milliarden Euro schweres Sparpaket aufgelegt, um die Schuldenaufnahme zurückzufahren. Reicht das aus?

Es reicht nicht nur nicht aus, es setzt auch die falschen Schwerpunkte. Wir können nicht vor allem bei den Schwachen sparen. Das sage ich nicht nur aus sozialen, sondern auch aus rein pragmatischen Erwägungen: Diese Menschen benötigen heute schon jeden Cent für den Konsum. Was ihnen fehlt, fehlt am Ende auch der Binnennachfrage. Wir brauchen eine große konzertierte Aktion, die Reiche und Unternehmen stärker in die Pflicht nimmt und den Staat zu extremer Ausgabendisziplin zwingt.

Sie wollen bei Ihresgleichen Geld abschöpfen?

Für die Reichen steht viel mehr auf dem Spiel, als sie eine moderate Steuererhöhung kosten würde. Wenn der Euro vor die Hunde geht, hätten sie am meisten zu verlieren. Sie können und sollten viel mehr gefordert werden. In dieser beispiellosen Krise ist nicht kleinkarierter Egoismus gefragt, sondern Patriotismus – auch oder vor allem bei den Besserverdienenden.

Das dürfte so mancher Kollege von Ihnen anders sehen und mit dem Gang ins Ausland drohen.

Das ist doch Unfug. Wir alle wissen, was wir an diesem Land haben – Rechtsstaat, exzellente medizinische Versorgung, hohe Freizeit- und Lebensqualität, saubere Luft und sauberes Wasser. Das ist in vielen Ländern der Erde keine Selbstverständlichkeit. Uns geht es immer noch gut. In den fünfziger Jahren, in denen ich aufgewachsen bin, gab es in Hannover bei uns in der Rubensstraße nur ein Auto, heute haben viele Familien zwei.

Was fordern sie konkret?

Wir sollten die Spitzensätze der Einkommensteuer und der Körperschaftsteuer um je drei Punkte anheben – und die Mehrwertsteuer um zwei Punkte erhöhen. Allerdings sollte der Spitzensteuersatz erst ab einer höheren Schwelle greifen, um mittlere Einkommen nicht zu stark zu belasten. Und gleichzeitig muss auf der Ausgabenseite endlich jedwede Verschwendung ein Ende haben. Ich bekomme Aggressionen, wenn ich sehe, wie mit EU-Geld gefördert ein neues Seminarzentrum auf die grüne Wiese gestellt wird, während in der Nachbarschaft Seminarhäuser leerstehen.

Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer würde doch auch wieder die Schwächeren treffen – und Ihre Drogeriemärkte.

Die Situation ist so schwierig, dass es nicht anders geht – zumindest vorübergehend. So würden alle ihren Teil zur Krisenbewältigung beitragen. Wir brauchen eher jemanden wie Churchill, der den Briten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Zeit voller Blut, Schweiß und Tränen vorhersagte. Menschen wollen nicht belogen werden. Eine unbequeme Wahrheit wird eher akzeptiert als ewiges Drumherumreden. Nehmen Sie Griechenland: Wieso steht Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in der Kritik, nur weil er nicht glaubt, dass die Griechen je ihre Schulden werden tilgen können? Die Äußerung ist definitiv wahr. Es kommt sogar noch etwas dazu: Das Land wird jedes Jahr neues Geld brauchen. Deshalb holt uns das Problem bald wieder ein.

Die Banken haben sich in der Krise aber auch nicht mit Ruhm bekleckert.

Natürlich geht es darum, unser Bankensystem zu erhalten. Das heißt aber nicht, dass nicht auch gutverdienende Banken in die Pflicht genommen werden können, einen Teil der Verluste zu schultern. Und wenn ein Land wie Griechenland nicht in der Lage ist, angemessene Steuern einzufordern und der bestehenden riesigen Schattenwirtschaft energisch genug entgegenzutreten, verliert es auch ein Anrecht darauf, von der Euro-Gemeinschaft auf Dauer unterstützt zu werden.

In Berlin sehen Sie niemanden, der die Rolle Churchills übernehmen könnte?

Angela Merkel hat in der Großen Koalition zusammen mit Peer Steinbrück und anderen eine sehr gute Arbeit gemacht. Die derzeitige Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist aber eine klare Reaktion auf die jetzige Berliner Regierung. Als es um die rasche Verabschiedung des 750-Milliarden-Rettungsschirms ging, hatte ich nicht den Eindruck, dass die Berliner Handschrift in Brüssel erkennbar war. Ich bin auch nicht damit einverstanden, wenn wir als erfolgreiche Exportnation für die desaströse Misswirtschaft in anderen Ländern haften.

Interview: Lars Ruzic

Dirk Rossmann gilt als Erfinder des Drogeriediscounters. Seit der Eröffnung seines ersten Marktes 1972 in Hannover ist Rossmanns Imperium auf mehr als 2300 Filialen, 4,1 Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeiter gewachsen. Sein Unternehmen ist die Nummer drei nach Schlecker und dm. Rossmann gilt als einer der reichsten und angesehensten Unternehmer in Niedersachsen. 2006 wählten ihn die Leser der HAZ zum beliebtesten Niedersachsen. Der 63-Jährige hat auch die Stiftung Weltbevölkerung ins Leben gerufen. Rossmann ist verheiratet und hat zwei Söhne. Die gesamte Familie ist im Unternehmen aktiv.

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