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Niedersachsen So will VW den Neustart schaffen
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21:38 18.11.2016
Von Lars Ruzic
Das Volkswagen-Werk mit der Autostadt in Wolfsburg. Quelle: Julian Stratenschulte
Wolfsburg

Sie wirken abgekämpft, die fünf Männer um die 60, die da vor die Kameras treten. Monatelange Verhandlungen haben ihre Spuren hinterlassen. Einige von ihnen haben zuletzt mehr Nächte miteinander verbracht als mit ihren Ehefrauen, umschreibt es Betriebsratschef Bernd Osterloh. Müdes Lächeln im Rest der Runde.

Zu den großen Worten ihrer Redenschreiber wollen die Gesten der wichtigsten VW-Lenker nicht so ganz passen an diesem Freitag im Wolfsburger Werksforum. Vom „größten Modernisierungsprogramm in der Geschichte der Kernmarke“ berichtet da Konzernchef Matthias Müller. „Wir setzen uns an die Spitze der Veränderungen“, beteuert VW-Markenchef Herbert Diess. Und Aufsichtsratsmitglied Stephan Weil - im Hauptberuf Niedersachsens Regierungschef - glaubt an einen „wichtigen Schritt für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens“.

Klar ist: Der Freitag vorgestellte „Zukunftspakt“ stellt einen historischen Einschnitt für Volkswagen dar - und für seine deutschen Werke von Emden bis Zwickau. Er soll so etwas sein wie die eierlegende Wollmilchsau: Kosten senken, Produktivität erhöhen, Jobs einsparen - und gleichzeitig die Produktion sukzessive umstellen auf Elektromobilität und digital vernetzte Fahrzeuge. „Neue, mächtige Wettbewerber warten nur darauf, uns anzugreifen“, meint Diess. „Der Wandel wird sicherlich brutal.“

Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2025 ausgeschlossen

Auch für die Standorte - allen voran die sechs niedersächsischen Fabriken mit ihren mehr als 100 000 Beschäftigten. Sie werden die Hauptlast der Neuausrichtung tragen. Insgesamt 23 000 Jobs sollen innerhalb von vier Jahren wegfallen. Mit hineingerechnet haben die VW-Manager da schon die aktuell noch 5700 Leiharbeiter, für die sie keine Zukunft mehr sehen. Der Rest soll über Fluktuation und Altersteilzeit laufen, in Einzelfällen auch über Abfindungen. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2025 ausgeschlossen.

„Das wird schwierig werden“, räumt Personalvorstand Karlheinz Blessing ein. Denn in vielen Fällen werden sich die Interessen beider Seiten nicht in Deckung bringen lassen. Deswegen werde es „sehr, sehr viele Bewegungen“ im Unternehmen geben. So will der Konzern für die vier Werke in Wolfsburg, Hannover, Braunschweig und Salzgitter eine Job-Drehscheibe aufbauen. Sie soll helfen, unterschiedliche Auslastungen mit Stammpersonal auszugleichen. „Die Standorte liegen nicht so weit auseinander, dass das nicht zumutbar wäre“, meint der Personalchef.

Anteil der Elektroautos soll steigen

Markenchef Diess hat die Verhandlungen zudem genutzt, um im umfangreichen Komponentenprogramm des Konzerns zu streichen. Kaum ein Autobauer fertigt noch so viele Teile selbst wie Volkswagen. Nach und nach sollen hier Produkte auslaufen oder fremdvergeben werden: Wärmetauscher in Hannover, Fahrwerkkomponenten in Wolfsburg, Kunststoffteile in Braunschweig, Marinemotoren in Salzgitter und, und, und. „Bei einigen Komponenten sehen wir längerfristig keine Chance, wettbewerbsfähig zu sein“, sagt der Markenchef. Zumal sich der Druck noch erhöhen wird. Wenn wie erwartet in den kommenden 15 Jahren der Anteil der Elektroautos kräftig steigt, sinken die Abrufe der Hersteller für konventionelle Motorbauteile - und die Preisschlacht der Zulieferer dürfte erbarmungslos werden.

Wie schnell sich Elektromobilität am Markt tatsächlich durchsetzt, hängt am Ende an den Batteriezellen - also den Energiespeichern. Bis heute sind sie de facto zu teuer, um damit Autos auf bezahlbarem Niveau anbieten zu können. Bei VW gehen sie davon aus, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird. Von einer eigenen Zellfertigung, die Investitionen in Milliardenhöhe erfordern würde, hat Konzernchef Matthias Müller bislang wenig gehalten, ein solches Vorhaben vor ein paar Wochen sogar noch als „Witz“ bezeichnet.

"Einstieg in die E-Mobilität geschafft“

Und dennoch hat der Standort Salzgitter nun die Aufgabe bekommen, zumindest eine Pilotanlage zur Zellproduktion aufzubauen. „Wir wollen erst einmal die Prozesskette verstehen“, erklärt Müller nun. Der Zukunftspakt sieht vor, dass die Salzgitteraner sich zunächst an klassischen Lithium-Ionen-, später aber an Feststoffzellen probieren sollen. Letztere gelten als eigentliche Hoffnung der Branche, Elektromobilität günstig zu machen, sind jedoch noch längst nicht ausgereift. Sobald eine Serienfertigung wirtschaftlich darstellbar ist, würde Salzgitter den Zuschlag bekommen.

Das Werk, in dem heute noch konventionelle Motoren produziert werden, wäre dann ein Schlüsselelement der neuen E-Welt von VW. Nach den Vereinbarungen des Zukunftspaktes liegt künftig die komplette Wertschöpfung für die Stromautos in Deutschland: Mit Zellen aus Salzgitter, die in Braunschweig zu Batteriesystemen verbaut werden und mit dem elektrischen Antriebsstrang, der aus Kassel kommen soll.

In Zwickau soll das Serienmodell des unlängst vorgestellten „I.D.“ vom Band laufen, Wolfsburg folgt mit einem Elektro-SUV und Hannover mittelfristig mit E-Transportern. „Damit haben unsere Werke den Einstieg in die E-Mobilität geschafft“, sagt der Betriebsratschef Osterloh. Um eine Zellfertigung wirklich erfolgreich zu machen, werde es jedoch der Unterstützung der Politik brauchen - vor allem bei den Energiekosten.

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