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Niedersachsen Das Aus für die letzten Telefunken-Reste
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Das Aus für die letzten Telefunken-Reste
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00:15 24.01.2016
Von Lars Ruzic
Frühere Telefunken-Produktion in Celle: Eine Kapazität von einer Million TV-Geräten, als die Schließung verkündet wurde. Foto: Wilde/Archiv Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Die Telefondurchwahl lässt auf einen Großkonzern schließen. Auf vierstellige Zahlenkombinationen bringen es in Hannover sonst nur VW, Conti, Talanx und Co. Aber die Deutsche Thomson OHG mit ihren gerade 90 Mitarbeitern?

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Das unter Denkmalschutz stehende Bürogebäude von „Telefunken am Ricklinger Kreisel – im Volksmund auch Telefunken-Kreisel genannt.

Das ist nur aus der Historie zu erklären. Das Unternehmen ist der letzte Rest eines deutschen Traditionsnamens, der einst viele Telefonnummern zu vergeben hatte: Telefunken. Tausende Beschäftigte zählte der TV- und Radiohersteller einst in Hannover und Celle. Und bis heute bessern die in weit besseren Zeiten ausgehandelten Betriebsrenten des Elektronikkonzerns das Altersgeld von gut 5500 Menschen auf.

Nun soll auch das letzte schale Licht der hannoverschen Farbfernseh-Erfinder ausgeknipst werden. Technicolor, so heißt der französische Thomson-Konzern inzwischen, will den operativen Bereich des Standorts Hannover schließen – wenn es nach dem Management geht, schon Ende Februar. Die IG Metall protestiert. Man werde „alle gesetzlichen und gewerkschaftlichen Mittel nutzen, um Einfluss auf die Entscheidung des Managements zu nehmen“, sagte ein Sprecher. Ziel sei es, „die Belegschaft so weit wie möglich abzusichern“. Erste Proteste gab es Mittwoch nach einer Betriebsversammlung. „Es gab enormen Unmut“, sagte der IG-Metall-Sprecher. Eine Begründung für die Schließungspläne stehe noch aus. Vom Unternehmen war keine Stellungnahme zu erhalten. Es soll aber bereits die Einigungsstelle angerufen haben, um über Interessensausgleich und Sozialplan verhandeln zu können.

Betroffen seien vor allem Ingenieure und Software-Entwickler, allesamt mit langer Betriebszugehörigkeit, heißt es bei der IG Metall. Für sie neue Jobs zu finden werde nicht leicht. Hannover hat für den Medien- und Unterhaltungselektronik-Dienstleister Technicolor vor allem entwickelt, etwa an Dateiformaten für Musik- und Videoübertragung wie MP3 oder MPEG-2 gearbeitet.

Die Entwickler bilden die letzte operative Einheit eines Unternehmens, dessen zumindest vom finanziellen Standpunkt aus wichtigster Daseinszweck die Bedienung der Rentenansprüche von Tausenden Beschäftigten im Ruhestand ist. Die Verantwortung für sie hatte Thomson beim Telefunken-Kauf 1983 übernommen. Die offene Handelsgesellschaft (OHG) fungiert als Rechtsnachfolgerin nicht nur für Telefunken, sondern auch für die Traditionsnamen Nordmende und Saba. Thomson – einst ein französischer Staatskonzern – hatte nach der Übernahme zu langsam auf den Strukturwandel in der Unterhaltungselektronik reagiert und brauchte Jahre, bis es auch die letzte Produktionsstätte dichtmachte. Als 1997 das Ende für das Werk in Celle verkündet wurde, hatte es noch eine Kapazität von einer Million TV-Geräten.

Die Betriebsrenten-Regelungen hat Thomson bis heute weitergeführt. Mit der Folge, dass ein Mini-Unternehmen gewaltige Rentenansprüche bedienen muss. Die Bilanz von 2014 weist einen Umsatz von gerade 15 Millionen Euro aus. Allein die Hälfte davon musste die Deutsche Thomson für Pensionszahlungen aufbringen. Seit Jahren hängen die Hannoveraner am Tropf des französischen Mutterkonzerns. Die Pensionsrückstellungen steigen von Jahr zu Jahr – auf inzwischen 215 Millionen Euro. Die Mini-Zinsen an den Kapitalmärkten verschärfen die Situation noch. Denn je kleiner sie ausfallen, desto mehr Rückstellungen müssen die Unternehmen bilden.

Mit der Rentenlast habe die Schließung allerdings nichts zu tun, heißt es aus dem Unternehmen. Sie werde Thomson weiterhin tragen. Der Abbau betreffe lediglich das operative Geschäft. Bei der IG Metall sind sie in der Frage noch skeptisch. „Wir haben bislang keine Antwort, wie man mit den Betriebsrenten umgehen will“, sagte der Sprecher.

Vom Elektronikriesen bleibt nur der Name

Das erste Kofferradio für UKW-Frequenzen, die Entwicklung des PAL-Systems für Farbfernsehgeräte: Telefunken hat in Hannover viele Innovationen hervorgebracht. Von 1947 bis Ende der Siebzigerjahre fertigten auf dem Gelände am Ricklinger Kreisel Tausende Menschen Radios und TV-Geräte. 1966 kam mit dem Celler Werk ein weiterer Standort hinzu, der erst 1997 seine Türen schließen musste. Die Beschäftigten in Niedersachsen haben eine wechselvolle Geschichte ihres Arbeitgebers erlebt. 1967 schmiedete die AEG mit ihrer Tochter eine Fusion zur AEG-Telefunken mit Sitz in Frankfurt. Der fehlte jedoch erst eine klare Strategie, später kam der Strukturwandel in der Unterhaltungselektronik hinzu. 1982 schließlich musste der spätere Bahn-Chef Heinz Dürr Vergleich anmelden. Wenig später wurde der Konzern zerschlagen: AEG ging an Daimler, Telefunken mit Nordmende und Saba an den französischen Thomson-Konzern. Der fand allerdings auch keine Strategie gegen die aufkommende Billig-Konkurrenz aus Asien und schloss nach und nach immer mehr Standorte. Als Marke existiert Telefunken noch immer, hat aber mit den Franzosen nichts mehr zu tun. Ein früherer Handelsmanager vergibt unter dem Namen Lizenzen für so ziemlich alles, was mit Elektronik zu tun hat.

lr

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