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„Das ist noch weit unter Drückerkolonne“

Interview mit Utz Claassen „Das ist noch weit unter Drückerkolonne“

Utz Claassen spricht im großen HAZ-Interview über die Strafanzeige von Carsten Maschmeyer, eine vermeintliche Freundschaft und die Attraktivität zweitklassiger Fußballvereine in Spanien.

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Utz Claassen (Aufsichtsratsvorsitzender) bei einer Pressekonferenz der Syntellix AG. Foto: Nigel Treblin

Quelle: nigel treblin

Carsten Maschmeyer und Sie kannte man als enge Weggefährten, Herr Claassen. Waren Sie nur Geschäftspartner oder Freunde?

Ich dachte - offenbar fälschlicherweise -, wir wären Freunde. Wenn ein vermeintlicher Freund eine haltlose Strafanzeige erstattet, dann ist das schon ganz schlimm. Wenn deren Inhalt den Weg in die Öffentlichkeit findet, noch bevor der zu Unrecht Beschuldigte die geäußerten Vorwürfe überhaupt kennt, dann ist das allerunterste Schublade, noch weit unter Drückerkolonne. Als er sich vor etwa vier Jahren bei mir und bei meiner Frau mit süßesten Worten einzuschmeicheln begann, hätte ich besser auf die vielen warnenden Stimmen hören sollen.

„Lieber Utz“, schrieb Maschmeyer am 20. Dezember 2012, „wir sind vom Potenzial deines Hauses absolut überzeugt.“ Jetzt hat er Strafanzeige gegen Sie erstattet. Wie kam es zum Bruch?

Allem Anschein nach hat sich seine Interessenlage radikal geändert. Nachdem er mit dem klaren Bekunden ins Aktionariat von Syntellix eingetreten war, zwar eine Sperrminorität von mehr als 25 Prozent aufbauen zu wollen, aber niemals eine Mehrheit an der Gesellschaft anzustreben, hat er im August 2015 plötzlich und unerwartet versucht, die Mehrheit an sich zu reißen. Danach habe ich ihn nie mehr gesehen und nie mehr persönlich von ihm gehört.

Maschmeyer wirft Ihnen Untreue vor, weil Syntellix, deren Aufsichtsratschef und größter Aktionär Sie sind, mit dem Fußballclub Real Mallorca, bei dem Sie Präsident und größter Investor waren, einen Sponsorvertrag über 120.000 Euro abgeschlossen hat, obwohl die Firma damals nur 700.000 Euro Umsatz machte. Für Außenstehende wirkt das wie linke Tasche, rechte Tasche …

Der Vorwurf der Untreue ist haltlos. Ich war weder aufseiten der Syntellix AG noch aufseiten von Real Mallorca an der Beschlussfassung über den geschlossenen Vertrag beteiligt. Der Vorstand hat den Aktionären dreimal aufs Ausführlichste Bericht erstattet. Es gab danach von keinem Aktionär eine einzige Rückfrage. Ausdrücklich auch nicht von der MM Familien KG, deren Komplementär Carsten Maschmeyer ist. Zudem hat der Vorstand deutlich auf die strategische Sinnhaftigkeit und die äußerst günstigen Konditionen des Vertrages für Syntellix hingewiesen.

Steigert Trikotwerbung bei einem Zweitligisten in Spanien den Wert einer Marke? Würden Sie hierzulande einen Club wie Erzgebirge Aue wählen, um sich einen Namen zu machen?

Mit Verlaub: Real Mallorca ist unter Bekanntheitsaspekten noch immer einer der zehn oder zwölf größten Clubs in Spanien - und Mallorca als Top-Tourismus-Standort in Europa mit der entsprechenden medialen Strahlkraft wird wohl niemand ernsthaft mit Aue vergleichen wollen. Für ehemalige Bundesligisten in der zweiten Liga werden für das Trikotsponsoring Beträge aufgerufen, die das von Syntellix Gezahlte zum Teil um das 25-Fache übertreffen. Der spanische Markt ist heute der zweitgrößte Exportmarkt für Syntellix.

Das Unternehmen verbrennt offenbar viel Geld. 2015 soll ein Verlust von 2,3 Millionen Euro angefallen sein. Kapitalerhöhungen gibt es am laufenden Band. Wie steht Syntellix da? Wann erreichen Sie die Gewinnzone?

Syntellix erzielt mit seinen Produkten ordentliche Margen und macht insofern mit keinem verkauften Produkt Verlust. Syntellix investiert aber enorme Anstrengungen in die Entwicklung hoch­innovativer Produkte und die Erschließung neuer Märkte - und das kostet Geld. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei bioabsorbierbaren metallischen Implantaten. Niemand bei Syntellix „verbrennt“ Geld. Unwahre Vorwürfe und Diffamierungen sind auch ein Schlag gegen die tolle Belegschaft und ihre Arbeitsplätze.

Gleichwohl sind die Zahlen tiefrot ...

Man sollte sich von den Zahlen nicht täuschen lassen. Ein weltweit renommiertes Unternehmen wie Tesla produziert gewaltige Verluste und unternimmt enorme Marketinganstrengungen bei noch vergleichsweise geringen Umsätzen. Das ist das Wesen eines Start-ups mit einer Zukunftstechnologie, die gegen den Widerstand der Platzhirsche beim Kunden global bekannt gemacht werden muss.

Warum haben Sie Maschmeyer 2013 eigentlich an der Firma beteiligt? Brauchten Sie das Geld?

Er hat sich schriftlich bei mir „beworben“, investieren zu dürfen, und ich habe ihm vertraut. Hätte er nicht investiert, dann hätte ich dem Unternehmen die entsprechenden Mittel zur Verfügung gestellt, so wie ja auch zuvor. Es gab damals keine gezielte Eigenkapital- oder Investorensuche.

Welche Motive sehen Sie hinter der Anzeige Maschmeyers?

Ich denke, es ist zunächst einmal klar, dass ein kühl kalkulierender intelli­genter Investor wie Carsten Masch­meyer sich nicht um eine Bruchbude kloppen würde. Im August 2015 wollte Maschmeyer die Mehrheit an Syntellix übernehmen. Nachdem dies nicht gelang, hat ein leitender Mitarbeiter seiner Gruppe, der auch Mitglied des Syntellix-Aufsichtsrates war, eine Kooperation mit einem strategischen Wettbewerber angeregt, die der Vorstand für abwegig erachtete und nicht weiter verfolgte.

Das klingt wie ein nicht unüblicher Streit um die strategische Ausrichtung ...

Es gab nie einen Streit um die strategische Ausrichtung. Fakt ist: Nachdem Herr Maschmeyer bzw. die MM Familien KG die Mehrheit an der Syntellix AG im August 2015 nicht erlangt haben, wurde aus dem Hause Maschmeyer die genannte Kooperation mit einem Wettbewerber angeregt, dessen Kerngeschäft aus Sicht des Vorstandes von Syntellix durch die bestehenden und geplanten Syntellix-Produkte und deren Erfolg bedroht wird. Nachdem diese von Maschmeyers Mitarbeiter angeregte Kooperation dann auch nicht zustande kam, hat seine MM Familien KG das Unternehmen mit Anwaltsschriftsätzen überzogen und in mehreren Hauptversammlungen gegen überlebensnotwendige Kapital­erhöhungen gestimmt. Wer gegen solche Kapitalerhöhungen stimmt, stimmt im Grunde letztlich für die Zerstörung des Unternehmens.

Investoren sind am Erfolg ihrer Firma interessiert und nicht am Ruin. Welchen Vorteil sollte Maschmeyer aus einer Pleite ziehen können?

So etwas mutet in der Tat etwas bizarr an. Ich will nicht über seine Motive spekulieren, und ich mag mir gar nicht vorstellen, dass jemand ein hoffnungsvolles Start-up in die Insolvenz treiben und so günstig an die Mehrheit kommen möchte oder aber die Vernichtung der Gesellschaft zum Vorteil eines Hauptwettbewerbers betreiben würde. Wie eng die Beziehung zu jenem Unternehmen ist, kann man allerdings schon daran ersehen, dass Maschmeyers Mitarbeiter zum Thema Syntellix mit dem Mehrheitseigentümer des genannten Wettbewerbers in E-Mail-Korrespondenz stand, ihn über die der Geheimhaltung unterliegenden anstehenden Maßnahmen zur Erweiterung des Produktportfolios von Syntellix unterrichtete und herzliche Grüße „natürlich ganz besonders auch an Ihre liebe Ehefrau“ ausrichtete. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Interview: Jens Heitmann

Claassen ist oft einen Schritt voraus

Utz Claassen war oft ein bisschen schneller als andere: Abitur schon als 17-Jähriger mit der Durchschnittsnote 0,7 an der Helene-Lange-Schule in Hannover; die Universität verließ er als Diplom-Ökonom mit 22 Jahren. Anschließend ging Claassen zur Unternehmensberatung McKinsey, wechselte dann erst zu Ford und später zu VW. Mit 31 Jahren wurde er
Finanzvorstand bei der spanischen Tochter Seat. Diese Zeit prägt ihn – vor allem der Kontakt zu seinem Vorbild Ferdinand Piëch.

1997 rückt er an die Spitze des Göttinger Sartorius-Konzerns, später wird er Chef des Energieversorgers EnBW. Für Aufsehen sorgt 2010 sein kurzes Intermezzo bei Solar Millennium: Nach nur 74 Tagen tritt er als Chef zurück. Später stellt sich jedoch heraus, dass es dafür gute Gründe gab – bei der Pleite der Firma verlieren Anleger viel Geld. 2008 gründet er Syntellix: Die Firma vertreibt Kompressionsschrauben aus einer Magnesiumlegierung, die sich im Knochen komplett abbauen.

jen

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Finanzinvestorenstreit

Der Rechtsstreit zwischen den Finanzinvestoren Carsten Maschmeyer und Utz Claassen geht in die nächste Runde. Nachdem Maschmeyer Claassen wegen des Verdachts der Untreue angezeigt hat, kontert dieser per Strafanzeige und Strafantrag gegen Maschmeyer und dessen Anwalt Gerhard Strate.

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