Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen VW-Betriebsrat Osterloh: „Dann können wir das Autobauen vergessen“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen VW-Betriebsrat Osterloh: „Dann können wir das Autobauen vergessen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:02 07.07.2018
„Das würde den Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie bedeuten.“ VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im Interview. Quelle: dpa
Hannover

 Herr Osterloh, nach den Werksferien führt VW in der Wolfsburger Fahrzeugfertigung wegen des neuen Abgastestverfahrens WLTP vorübergehend die Drei-Tage-Woche ein. Wie konnte es dazu kommen?

Wir müssen wegen des neuen Prüfverfahrens im Konzern für mehr als 260 Motor-Getriebe-Varianten neue Verbrauchswerte ermitteln. Hinzu kommen viele unterschiedliche Sonderausstattungen. Allein beim Golf gibt es zwei Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Ein Prüfbericht pro Motor-Getriebe-Variante umfasst statt bisher 150 jetzt 600 Seiten. Die Zeit für diese Messungen war extrem knapp, wir hatten nur 13 Monate Zeit für die Vorbereitung. Und durch die Diesel-Affäre haben wir die Kapazitäten der Kolleginnen und Kollegen zunächst natürlich sehr stark auf die Bewältigung der Software-Updates ausgerichtet. Die Beschäftigten in der Technischen Entwicklung arbeiten rund um die Uhr und stehen unter hohem Druck. Im Ergebnis werden eine Zeit lang nicht alle Motor-Getriebe-Varianten im Angebot sein.

Die Hälfte der entfallenen Arbeitsstunden müssen die Beschäftigten mit ihren Arbeitszeitkonten abfedern. Arbeitgeber und Unternehmen teilen sich also die Lasten der Schließtage-Regelung. Wie groß ist der Ärger in der Belegschaft?

Ist doch klar, dass die Kolleginnen und Kollegen sauer sind. Hier will keiner zuhause rumsitzen, sondern die Belegschaft will weiter die besten Autos bauen. Wir haben im Interesse der Kollegen, die die Lage ja nicht verschuldet haben, mit dem Unternehmen eine faire 50:50-Regelung bei den Zeiten durchgesetzt.

Ist es denn sicher, dass bis Anfang Oktober die nötigen Prüfzertifikate für die Modelle vorliegen und in Wolfsburg dann wieder normal gearbeitet werden kann?

Ich erwarte von der Unternehmensleitung, dass sie mit Hochdruck daran arbeitet, unseren Kunden wieder ein umfassendes Angebot zu machen. Dazu gehört auch, in Zukunft weiterhin die ausreichen de Besetzung der Prüfstände mit Personal zu gewährleisten. Alles andere wäre Sparen am falschen Ende.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die verschobene Produktion im vierten Quartal aufgeholt wird und die Belegschaft dann wieder Sonderschichten fahren muss?

Nach dem Sommer gehen wir in eine Zeit der Ungewissheit. Der Vorstand geht davon aus, dass wir im vierten Quartal einiges an Produktion wieder aufholen werden. Ich habe da meine Zweifel. Wie die Lage Anfang Oktober ist, werden wir sehen. Absehbar ist leider, dass uns die WLTP-Probleme über das dritte Quartal hinaus begleiten werden.

Derweil arbeitet die EU bereits an neuen CO2-Grenzwerten für die Zeit nach 2020. Sie sehen dadurch Arbeitsplätze in Gefahr?

Es liegt ein Vorschlag der EU-Kommission auf dem Tisch. Demnach soll der Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 für das Jahr 2020 weiter abgesenkt werden, um 15 Prozent bis 2025 und um 30 Prozent bis 2030. Nicht wenige der führenden Politiker dringen auf schärfere Bestimmungen von minus 50 oder sogar minus 75 Prozent bis 2030. Wenn das im Europäischen Parlament so beschlossen wird, dann können wir das Autobauen in Deutschland vergessen. Das würde den Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie bedeuten. Ich habe einige gute Gespräche mit Politikern in Brüssel geführt, aber das waren alles leider keine Mitglieder meiner Partei, der SPD. Es ist klar, dass wir Arbeitnehmervertreter ebenfalls den Klimaschutz unterstützen – aber wir verlieren dabei die Arbeitsplätze nicht aus den Augen und werden uns auch klar zu diesen unverantwortlichen Forderungen positionieren.

Bernd Osterloh steht seit 2005 an der Spitze der Arbeitnehmervertretung bei VW. Der 1956 in Braunschweig als Sohn eines Eisenbahners geborene Osterloh machte zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann, bevor er zu dem Autokonzern wechselte. Als Betriebsratschef war er Nachfolger von Klaus Volkert, der in Folge der VW-Affäre unter anderem um Bordellbesuche auf Konzernkosten zurückgetreten war. Der 60-jährige Fußballfan sitzt außerdem im Präsidium der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH.

Von Florian Heintz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bayern und Nordrhein-Westfalen stoßen im Bundesrat eine Reform an. Niedersachsens Finanzminister unterstützt die Zielrichtung.

06.07.2018

Es war eine Eskalation mit Ansage: Auf die Strafzölle der USA auf chinesische Importe hat Peking mit eigenen Sonderabgaben auf US-Waren reagiert.

06.07.2018

In seiner Heimat Singapur hat Obike laut Medienberichten den Betrieb eingestellt und soll alle Räder entfernen. In Hannover hat die Stadtverwaltung derzeit keinen Kontakt zum Unternehmen.

06.07.2018