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Niedersachsen VW Nutzfahrzeuge streicht 1500 Jobs in Hannover
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen VW Nutzfahrzeuge streicht 1500 Jobs in Hannover
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00:16 25.12.2016
Von Lars Ruzic
Transporter-Produktion bei VWN in Hannover. Quelle: Behrens
Hannover

Auf eine entsprechende Standortvereinbarung haben sich Management und Betriebsrat geeinigt. „Wir werden uns schlanker aufstellen müssen“, sagte VWN-Chef Eckhard Scholz am Donnerstag in Hannover.

Die „Vereinbarung für Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit“ (VWN) ergänzt den sogenannten Zukunftspakt, den die Marke VW Pkw vor gut einem Monat geschlossen hatte. Er sieht den Abbau von weltweit 30 000 Jobs vor, gut 17 500 davon allein in Niedersachsen. Teile dieser Vereinbarung betrafen Hannover bereits. So sollen die am Standort ansässige Gießerei und Wärmetauscherfertigung zusammengelegt werden, was ebenfalls Jobs kostet. Insgesamt dürfte die Heimat des „Bulli“ in den kommenden Jahren mehr als jeden neunten ihrer derzeit gut 14 500 Jobs verlieren.

VWN wird in Hannover vor allem in der Verwaltung streichen. Hier sollen 950 von insgesamt 6900 Jobs wegfallen. Im „indirekten Bereich“ sei man in den vergangenen Jahren stark gewachsen – auch aufgrund großer Investitionsprojekte wie etwa dem neuen Werk für den Großtransporter Crafter in Polen, sagte Scholz. „Das werden wir wieder abschmelzen.“

Umbau über Altersteilzeit

In der Fertigung, die derzeit bestens ausgelastet ist, trifft der Umbau mittelfristig nur 550 Jobs. Kündigungen sind wie beim Zukunftspakt von Wolfsburg bis 2025 ausgeschlossen. Der Umbau werde über Altersteilzeit organisiert, sagte VWN-Betriebsratschef Thomas Zwiebler. Hannover habe ähnlich wie die anderen VW-Standorte einen hohen Anteil von Beschäftigten aus der Babyboomer-Generation, denen man nun entsprechende Angebote unterbreiten könne.

Wie auch die anderen deutschen VW-Werke muss Hannover seine Produktivität in den nächsten fünf Jahren um 25 Prozent steigern. Der Konzern will die Werke damit fit machen für den Wandel hin zu Elektromobilität und digital vernetzten Fahrzeugen. Die Autos der Zukunft werden weit weniger Teile benötigen und einfacher zu fertigen sein, was wiederum Jobs kostet.

Das Werk in Hannover soll hier einer der Vorreiter werden. Der Standort in Stöcken werde zum elektrischen Leitwerk der Marke ausgebaut und damit Spezialist für leichte E-Nutzfahrzeuge, sagte Scholz. Bereits im kommenden Jahr werde man erste Erfahrungen mit dem Bau von 1000 E-Craftern sammeln. Mittelfristig soll Hannover dann alle Modelle der Marke – Transporter, Caddy und Amarok – „elektrisieren“.

Auf die Marke, die ihre Projekte immer aus dem eigenen Geschäft finanzieren muss, komme bei den Investitionen in den kommenden Jahren „einiges zu“, sagte der VWN-Chef, ohne Zahlen nennen zu wollen. Er ist sich jedoch sicher, dass sich das lohnen wird. E-Mobilität werde sich bei Transportern wesentlich schneller durchsetzen als bei klassischen Autos, so Scholz – weil sich die Vorgaben an den innerstädtischen Lieferverkehr in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürften.

VWN ist vorbereitet

Beim Blick auf die nackten Zahlen mag so mancher ins Grübeln darüber geraten, dass sich VW Nutzfahrzeuge ein ebenso ambitioniertes Umbauprogramm auferlegt wie die „große Schwester“ aus Wolfsburg. Die Produktion in Hannover steht unter Volldampf – so sehr, dass man im Frühjahr sogar 800 Leiharbeiter übernehmen könnte. Und mit einer Marge von 5 Prozent sind die Hannoveraner mehr als dreimal so profitabel wie VW Pkw. Warum also sparen?

Weil die Situation wesentlich komplexer ist. Zum einen profitiert VWN auch von Entwicklungs-Know-how und Zulieferteilen der Schwester, was den Profitvergleich etwas unfair erscheinen lässt. Zum anderen wird der Boom bei leichten Nutzfahrzeugen in Europa, der die Hannoveraner derzeit in ungekannte Absatzhöhen führt, nicht ewig anhalten. Und die Branche ist bekannt dafür, dass sich der Wind von einem Tag auf den anderen komplett drehen kann. Diese Rahmenbedingungen kennt man bei VWN – und hat gelernt, ganz gut mit ihnen zu leben.

Weitaus gefährlicher ist etwas anderes: das unentdeckte Land, auf das die gesamte Autobranche zusteuert. Niemand weiß, ob und wie schnell sich E-Mobilität und autonom fahrende Autos am Markt durchsetzen werden. Darauf vorbereiten muss sich dennoch jeder Hersteller – und erst recht VWN. Denn beide Zukunftstechnologien sind wie geschaffen für „Bulli“ und Co.

E-Antriebe werden sich zuallererst im innerstädtischen Lieferverkehr durchsetzen. Und in welchem Fahrzeug sollte man einen Autopiloten genießen, wenn nicht in einer Großraumlimousine? Es ist deshalb dringend geboten, dass sich die Hannoveraner fit machen für den Wandel. Fast kann man sagen: Es war überfällig.

Ein Kommentar von Lars Ruzic 

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