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Eine Marke nimmt Schaden

VW-Skandal um Abgaswerte Eine Marke nimmt Schaden

Unruhe im Konzern, Aktienkurs im freien Fall und die Geschäftsaussichten in Gefahr: Die Manipulation der Abgaswerte bringt VW in Bedrängnis – und führende Manager auch. 

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Hannover. Sie mussten erst einmal fragen: Worum geht es da genau? Der Bescheid aus Washington erwischte das Volkswagen-Management am Freitagabend kalt. Die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA hatte ein Dokument mit dem unheilvollen Namen „notice of violation“ geschickt – der Hinweis an das Unternehmen, dass es Regeln verletze. Von „Betrugsversuch“ war darin die Rede und von „sehr ernsten Vorgängen“. Fortan glühten die Drähte, externe Anwälte wurden hinzugezogen, und jedem war klar: Wenn sich US-Behörden in dieser Tonlage melden, hilft nur sofortige Unterwerfung.

Am Sonnabend um 14 Uhr war die Sprachregelung gefunden: „Wir arbeiten mit den zuständigen Behörden offen und umfassend zusammen, um den Sachverhalt schnell und transparent vollumfänglich zu klären.“ Konzernchef Martin Winterkorn blieb nichts anderes übrig, als das unschöne Thema zur Chefsache zu erklären. Und Montagfrüh war dann auch dem Letzten klar, dass es hier nicht um Lappalien geht: Die VW-Aktie brach um mehr als 20 Prozent ein. Nicht nur Strafgeld und Imageschaden drohen: Wachstums- und Gewinnschätzungen des Konzerns sind in Gefahr; Winterkorn, dessen Vertrag in den nächsten Wochen bis 2018 verlängert werden soll, sieht nicht besonders gut aus; der für diesen Herbst geplante Konzernumbau wird schwieriger; das Dieselgeschäft auch anderer Hersteller in den USA dürfte leiden – und schließlich sammeln renommierte Anwälte schon enttäuschte VW-Käufer für Sammelklagen gegen das Unternehmen.

Zu klären ist nicht mehr das Ob, sondern nur noch das Wer und das Wie. Der EPA-Befund ist klar: Bei Vierzylinder-Dieselmotoren in mehreren VW- und Audi-Modellen der Jahre 2009 bis 2015 kennt die Software der Motorelektronik einen Prüfstandmodus. Sie sorgt dafür, dass bei den offiziellen Abgasmessungen unrealistisch niedrige Emissionswerte vor allem für die beim Dieselmotor heiklen Stickoxide herauskommen. Nach EPA-Zählung geht es um 482 000 Autos, was eine mögliche Strafe in zweistellige Milliardenhöhen treiben könnte. Am Montag stoppte VW den Verkauf der Modelle.

Umweltschützer überraschte der Brief aus Washington weniger als die Konzernspitze. Am 14. September veröffentlichte Transportation & Environment, ein Dachverband verschiedener europäischer Organisationen, bereits seine Ergebnisse von Abgasmessungen im Alltagsbetrieb. Dabei erwiesen sich nicht nur die Testzyklen wie immer als realitätsfern, sondern es gab auch „Hinweise, dass Autos erkennen, wenn sie getestet werden“. Die Technik trickse dann den vom Prüfstand vorgegebenen Fahrzyklus aus, um die Emissionen zu reduzieren – sie seien im Durchschnitt fünfmal so groß, wie offiziell angegeben. In diesem Test fielen vor allem Audi und Opel negativ auf, aber auch von BMW über Citroën und Volkswagen bis zu Mercedes-Benz gab es große Abweichungen zwischen Theorie und Praxis.

So ist die Hoffnung gering, dass das Imagedesaster auf die USA und VW beschränkt bleibt. Die Branchengrößen halten sich noch bedeckt. Und wer sich äußert, bleibt auf sicherem Terrain: Man sei von den Ermittlungen in den USA nicht betroffen, heißt es bei Daimler und der VW-Tochter Porsche. Nicht umsonst hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche am Wochenende nur verlauten lassen, dass man sich den VW-Fall erst einmal genau ansehen müsse. Das Ergebnis klang am Montag seltsam dürr: Der VW-Sachverhalt treffe auf Mercedes nicht zu. Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbands VDA, forderte gemeinsam mit IG-Metall-Chef Detlef Wetzel mehr staatliche Anschubhilfe für die Elektromobilität. Sie wissen selbst am besten, dass das politische Wohlwollen für die sonst so selbstbewusste Branche gerade gegen null geht.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, in seinen niedersächsischen Jahren Aufsichtsratsmitglied bei VW, gehörte zu den gedämpften Stimmen. „Dass das ein schlimmer Vorfall ist, glaube ich, klar“, sagte er in Berlin. „Ich bin aber sicher, dass das Unternehmen schnell und restlos den Fall aufklären und die denkbar eingetreten Schäden wiedergutmachen wird.“ Zu ersten Erkenntnissen mochte man bei VW gestern noch nichts sagen. Wer für die manipulierende Software verantwortlich ist, sei noch nicht geklärt: „Das ist eine Vertrauenskrise. Was wir jetzt sagen, muss sitzen.“

In den USA helfen aber wohl auch gesetzte Worte nicht mehr. Dort wollten die deutschen Autobauer den Diesel als sparsame Alternative zu den landesüblichen Spritsäufern etablieren. Vor allem Mercedes und VW setzen darauf, unterstützt vom VDA, wo niemand mehr vom Diesel spricht, sondern immer nur von „Clean Diesel“. Der Marketingbegriff dürfte verbrannt sein, „sauber“ verbindet so schnell niemand mehr mit den Selbstzündern. Das ist für VW besonders bitter, denn in den USA läuft seit einigen Jahren das Comeback des Konzerns, das glanzvoll begann und sich schnell festfuhr. Im Jahr 2018 soll die Marke VW dort 800.000 Autos verkaufen, mehr als doppelt so viele wie heute. Winterkorn hat das stockende Projekt unter seine Fittiche genommen – wie so viele im Konzern.

Es dauerte auch nur Stunden, bis der erste Kritiker Winterkorns Rücktritt forderte. Es war der allgegenwärtige „Autoprofessor“ Ferdinand Dudenhöffer. Für das Wolfsburger Innenleben ist jedoch wichtiger, wie deutlich Betriebsratschef Bernd Osterloh auf Distanz zu jedem ging, der mit der US-Affäre zu tun haben könnte. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, sagte er dem „Stern“, vor allem Winterkorn stehe dabei in der Pflicht. Was der detailversessene Chef wusste, wird das Präsidium des Aufsichtsrats noch in dieser Woche erforschen. Doch es wird sicher noch um andere Männer aus der Konzernspitze gehen. Seit Monaten steht die Neuorganisation an, diverse Topjobs sind neu zu besetzen. Außerdem wird Ersatz für Finanzchef Hans Dieter Pötsch gebraucht, der an die Spitze des Aufsichtsrats rücken soll. Die Frage ist nur: Kommen die Kandidaten unbeschadet aus der US-Untersuchung heraus?

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