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Interview

Werner M. Bahlsen: „Uns belächelt heute niemand mehr“


Unternehmerpräsident Werner Michael Bahlsen über das Knabbern in der Krise, neues Selbstbewusstsein im Kekskonzern und seinen Rückzug auf Raten.
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Werner Michael Bahlsen

© Rainer Surrey

Herr Bahlsen, Sie werden Ostermontag 60 Jahre alt. Ist einem Unternehmer in diesen Tagen überhaupt nach feiern zumute?
Die Zeiten sind schwierig und herausfordernd – keine Frage. Aber wir müssen uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das Unternehmen hat in 120 Jahren noch ganz andere Krisen überstanden.

Immerhin gilt die aktuelle Wirtschaftskrise als die schwerste seit Jahrzehnten.
Gleichwohl sind die konsumnahen Branchen davon nicht so stark betroffen, weil bei uns die Schwankungen traditionell kleiner ausfallen. Im Boom mögen uns alle als langweilig belächelt haben, heute tut das niemand mehr. Auch Bahlsen lag im ersten Quartal bei den Umsätzen unter Vorjahr, aber eben nur ein bisschen. Außerdem hatte das eher mit dem späten Osterfest zu tun als mit der Krise. Für uns bedeuten die Umstände sogar eine Chance. In Zeiten der Unsicherheit greift der Konsument verstärkt auf Marken zurück, bei denen er weiß, was er hat. Mit Bahlsen und Leibniz können wir gleich zwei solche Stabilitätsanker vorweisen. Unsere Premiumstrategie wird sich gerade jetzt auszahlen.

Zählen diese Argumente denn auch bei den verschreckten Banken, wenn Sie Kredite brauchen?
Wir arbeiten seit Jahren mit denselben Instituten zusammen und sind für sie ein ähnlich stabiler Partner wie für die Verbraucher. Denn meist benötigt Bahlsen nur kurzfristige Kredite und ist zum Jahresende quasi schuldenfrei. Mit dieser konservativen Geschäftspolitik haben wir vielleicht nicht jede Akquisitionsmöglichkeit genutzt, aber dafür bringen uns die derzeitigen Stürme auch nicht gleich zum Kentern.

Bahlsen ist die wohl letzte große Marke aus Hannover, die noch von der Gründerfamilie geführt wird. Wie stehen die Chancen, dass es dabei bleiben wird?
Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben. Und deshalb dürfen wir nicht stehen bleiben. Ich habe in den letzten Jahren versucht, das Unternehmen dahin zu treiben, dass die Veränderung als Normalzustand angesehen wird …

… das wissen die Beschäftigten doch spätestens seit der Zerschlagung des Konzerns vor zehn Jahren, als Sie das Süßgebäck, Ihr Bruder Lorenz die würzigen Snacks und Ihr Schwager Gisbert v. Nordeck eine Reihe von Firmen und Ländereien übernahm …
Für uns im süßen Bereich war das genau die richtige Entscheidung. Sie hat enorme Kräfte freigesetzt. Wir waren vorher auf der Gesellschafterebene blockiert. Ein Unternehmen kann aber nur erfolgreich sein, wenn alle vom Pförtner bis zum Chef in eine Richtung marschieren. Und das ist inzwischen der Fall. Wir haben eine eindeutige Strategie und eine klare Entscheidungsstruktur.

Gleichwohl sind Sie für ihre direkten Kunden, die Handelsriesen, nur noch ein kleinerer Lieferant – mit dem sie sich in den vergangenen Monaten auch noch herumärgern mussten, weil er die Preise deutlich angehoben hat.
Das war sicherlich eine Entscheidung, die man nicht alle Tage trifft – und die wir zuvor auch im Haus heiß diskutiert hatten. Aber wir haben in den letzten Jahren die erfolgreichsten Innovationen auf den Markt gebracht, die Rezepturen und die Qualität verbessert. Bahlsen ist ein Premiumanbieter, und das muss sich auch in den Preisen widerspiegeln. Nur so bleiben wir einzigartig und sichern unsere Zukunft ab. Und auch der Handel profitiert. Wer von Beginn an unsere Preise übernommen hatte, musste keine Umsatzeinbußen hinnehmen. Am Ende waren schließlich alle Handelskonzerne an Bord. So etwas kann man nur durchziehen, wenn der Unternehmer dahintersteht. Und das ist der Fall.

Neues Selbstbewusstsein im Hause Bahlsen?
Bahlsen hat in den letzten Jahren im Handel und beim Verbraucher an Statur gewonnen. Das liegt auch an einem Managementteam, das in eine Richtung zieht. Wir haben eine junge, selbstbewusste Mannschaft in der Geschäftsführung, die hervorragend zusammenspielt. Dieses Team zusammenzustellen, war für mich die wichtigste Aufgabe der vergangenen Jahre.

Wie lange will der Eigentümer die Mannschaft noch führen?
Ich mache mich schon heute in kleinen Schritten nach und nach überflüssig, indem ich immer mehr operative Aufgaben abgebe. Auf keinen Fall will ich so lange im Sattel sitzen, bis ich umfalle. Deshalb gibt es längst einen konkreten Fahrplan für meinen Rückzug, aber den behalte ich noch für mich.

Wie sieht der Fahrplan für das Unternehmen in den kommenden Jahren aus?
Zunächst werden wir unsere Premiumstrategie mit weiteren Innovationen untermauern. Im Herbst startet eine neue Reihe „Bahlsen Exquisit“ mit zunächst drei Produkten, die besonders hochwertig und deshalb auch nicht ganz billig sein werden. Die Konsumenten waren bei ersten Test bereits begeistert. Außerdem müssen wir die Internationalisierung des Unternehmens vorantreiben. Bahlsen ist noch zu stark vom deutschen Markt abhängig, der Export in manche Länder findet nur in homöopathischen Dosen statt. Da gibt es noch eine Reihe von Märkten, die spannend sind, und wo wir mehr machen können.

Interview: Lars Ruzic

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