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Niedersachsen „Hier geht es richtig zur Sache“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Hier geht es richtig zur Sache“
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00:15 07.10.2015
Von Lars Ruzic
Will der niedersächsischen Wirtschaft Türen im Iran öffnen: Wirtschaftsminister Olaf Lies in einem Basar in Teheran. Foto: dpa Quelle: Keyvan Taheri
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Teheran

Sie geben sich die Klinke in die Hand. Vizekanzler Sigmar Gabriel war schon da, die Franzosen, die Briten, die Österreicher. Nach der Einigung im Atomstreit und dem damit verbundenen Abbau der Sanktionen hoffen Europas Wirtschaftsnationen auf einträgliche Geschäfte mit dem Iran. Noch ist das Wiener Abkommen gar nicht ratifiziert - und doch hat der Run der Wirtschaftsdelegationen auf das Land bereits eingesetzt. Seit dem Wochenende will nun eine mehr als 100-köpfige Gruppe rund um Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) Kontakte für Niedersachsens Wirtschaft knüpfen. „Wir wollten die Ersten sein, die mit einer großen Delegation hierher fahren“, sagte Lies in Teheran.

Lesen Sie dazu auch den Iran-Blog von Lars Ruzic.

Am Ende ist es nicht nur eine große Gruppe geworden, sondern die größte überhaupt, die Niedersachsen bisher auf die Beine gestellt hat. Die Bandbreite reicht von Maschinenbau-Konzernchefs über Elektronikspezialisten, Bauunternehmer und Erdölausrüster bis hin zu Exiliranern, die längst in Niedersachsen erfolgreich sind und nun in ihrer alten Heimat aktiv werden wollen.

„Dieser Markt ist interessant wie kaum ein anderer auf der Welt“, bringt es Andreas Hubertus Schaller auf den Punkt. Er ist Geschäftsführer des Sulinger Schuhherstellers Lloyd. Mit dem Wegfall der Sanktionen werde die traditionsreiche Wirtschaftsmacht Iran schnell wieder zu alter Stärke zurückfinden. Gleichzeitig könne man auf dem Markt viel leichter Fuß fassen, weil er noch nicht verteilt sei. „Und ,Made in Germany‘ hat hier bis heute einen großen Stellenwert.“

An die noch aus der Zeit vor der islamischen Revolution stammenden engen Bindungen an das Land mit seinen gut 80 Millionen Einwohnern wollen die Niedersachsen anknüpfen. Dabei könne die heimische Wirtschaft nicht nur ihre industriellen Stärken ausspielen, sondern auch ihr Know-how bei Rohstoffgewinnung und Nahrungsmittelherstellung einbringen, meint Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen. Allein in der Ölindustrie wird ein milliardenschwerer Modernisierungsbedarf erwartet. Was wiederum den Fördertechnikspezialisten im Großraum Celle helfen kann - die derzeit angesichts geringer Ölpreise darben müssen.

Allerdings haben andere Nationen die Zeit des Embargos genutzt, um ihren Einfluss im Iran auszubauen. „Die Chinesen sind schon da, die Koreaner kommen mit aller Macht“, umschreibt es Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover. Iranische Wirtschaftslenker ließen aber auch durchblicken, dass weder die Regierung noch die private Wirtschaft mit den Investoren aus Fernost so richtig warm geworden sind. Denn die Iraner wollen nicht nur als „Exportparadies“ für andere Länder wahrgenommen werden, sondern als gleichberechtigte Partner. Von den Europäern erhoffen sie sich vor allem auch Investitionen in ihr Land.

Auch deshalb stieß eine von den Handelskammern in Teheran veranstaltete Kontaktbörse auf reges Interesse. 80 niedersächsische saßen 300 iranischen Managern gegenüber. „Wir haben vor allem Interesse an einer gemeinsamen Produktion im Iran“, sagte der Vizepräsident der örtlichen Kammer, Mehdi Jahangiri Kukshahi, bei der Eröffnung. Das überrascht nicht. Das Land hat in den vergangenen Jahren eine harte Rezession durchlitten. Die Arbeitslosenquote liegt nach offiziellen Angaben bei 12 Prozent, soll aber deutlich höher sein. Unter den vielen Akademikern, die das gute Bildungssystem hervorbringe, sei fast jeder zweite ohne „richtigen“ Job, heißt es.

Doch die Iraner haben den Willen, dem ein Ende zu setzen. „Es herrscht eine erwartungsfrohe Stimmung“, sagt der deutsche Botschafter Michael von Ungern-Sternberg. So winken Bauindustriellen Aufträge für Riesenprojekte. In den nächsten Jahren sind allein 10 000 Kilometer Autobahnen in dem Land geplant, das fünfmal so groß wie Deutschland ist. „Während wir nur noch Straßen flicken, geht es hier richtig zur Sache“, sagt der hannoversche Bauunternehmer Günter Papenburg.

Dass das Auswärtige Amt die Menschenrechtslage im Iran kritisch beurteilt, dass laut Amnesty International in den vergangenen Monaten kein Land - bezogen auf die Gesamtbevölkerung - so viele Hinrichtungen vollzogen hat, wissen auch die niedersächsischen Delegationsteilnehmer. Es sei dennoch legitim, sich wirtschaftlich zu engagieren, meint Lies. „Wenn man keine Beziehungen aufnimmt, kann man auch nichts verändern.“ Unter dem seit zwei Jahren regierenden Präsidenten Hassan Rohani habe sich schon vieles zum Positiven entwickelt, sagt Reza Asghari - selbst Iraner und heute Professor für Unternehmensgründungen an der TU Braunschweig. „Es herrscht ein Kurs des Pragmatismus und der Vernunft.“

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