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Wolfsburg entdeckt 
die Angst

Nach Abgas-Skandal Wolfsburg entdeckt 
die Angst

Der Volkswagen-Stadt Wolfsburg ging es gut. Sehr gut. 
Eine Sitzecke für 1,6 Millionen? Kein Problem. Doch wie geht es jetzt weiter nach dem Abgas-Skandal? Auf einmal ist alles nicht mehr so sicher und so klar wie bisher. 
Ein Besuch in der Autostadt.

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Das Werk in Wolfsburg bildet das Zentrum der Stadt.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Wolfsburg. Vor ihm auf dem Tresen ein Bier und eine Packung Tabak, „Schwarzer Krauser“, halbe Stunde noch bis zur Schicht, und jetzt versucht Karsten, erst mal Ordnung in die Sache zu bringen. „Also, wir haben bei den Emissionswerten ein bisschen beschissen“, sagt Karsten, und er sagt tatsächlich „wir“, auch wenn er wohl einer der Letzten ist, die da mitbeschissen haben. Aber dass da kein Blümchenduft hinten rauskomme, das sei doch jedem klar gewesen. „Und jetzt werden wir verurteilt, als wären wir Kinderschänder.“ Irgendwie, findet Karsten, sind die Maßstäbe in den letzten Tagen verrutscht.

Die „Tunnelschänke“ ist nicht irgendeine Kneipe. Sie ist die letzte vor dem Werk, und sie heißt so, weil sie direkt an der Unterführung liegt, durch die Tausende VWler jeden Tag unterm Mittellandkanal rüber zu Tor 17 gehen. „Hasseröder zum Mitnehmen 1 Euro“ steht auf dem Schild vor der Tür. Die Gardinen sind vom Rauch vergilbt, in der Ecke hängt ein Sparschrank, am Zapfhahn ein Schild: „Wer trinkt, um zu vergessen, zahlt im voraus.“

„Verurteilt, als wären wir Kinderschänder“: VW-Arbeiter Karsten Bernhardt.

Quelle: Wallmüller

Die „Tunnelschänke“ ist eine Kneipe alten Stils, vor allem aber ist sie ein Gradmesser – dafür, wie die Menschen bei VW denken und fühlen. Karsten Bernhardt, der Mann am Tresen, ist seit 30 Jahren bei VW, erst am Band, jetzt Logistik. Er hat schon einige Krisen erlebt, aber diesmal ist etwas anders. „Diesmal könnte es sich ausdehnen“, sagt er, „auf die Stadt, auf das ganze Land.“ Seine beiden jüngeren Kinder, 16 und 18, „die hätte ich gern noch untergebracht“. Bei VW, in Sicherheit. Aber VW und Sicherheit, das passt jetzt nicht mehr zusammen.

Und auf einmal ist die Angst da. Wolfsburg, das war ja immer schon ein schwieriger Ort. Eine Symbolstadt der alten Bundesrepublik, Käfer, Wirtschaftswunder, der Golf, nach dem eine ganze Generation benannt wurde – für all das steht Wolfsburg. Geht es Wolfsburg gut, geht es Deutschland gut. Aber zugleich war die Stadt eben auch immer schon eine Abhängige. Geht es VW schlecht, geht es auch Wolfsburg schlecht. „Hat VW Husten, dann hat Wolfsburg Lungenentzündung“, so sagen sie das hier. Was VW jetzt hat, was der Abgasskandal mit all seinen Strafen und Schadenersatzzahlungen für eine Krankheit auslösen wird, das weiß noch niemand. Klar ist nur, dass es Wolfsburg trifft. Es ist wie bei einem Patienten, dem der Arzt prophezeit: Sie werden etwas sehr Schweres bekommen. Nur was, das kann er noch nicht sagen.

Vorbereitet ist niemand, auch Klaus Mohrs nicht, der Oberbürgermeister, auch wenn er jetzt schon ein paar Tage Zeit hatte. Jedenfalls hat er den Text noch nicht geändert. Es ist Zufall, dass sich die Honoratioren der Stadt genau an diesem Tag zur Grundsteinlegung für den neuen Stadtwerke-Bau treffen, den „Nordkopf-Tower“, alles ist seit Jahren geplant, aber jetzt liegt in dem Plan fast etwas Trotziges. Noch einmal groß bauen, bevor die Krise voll durchschlägt.

„Die Entwicklung in Wolfsburg ist so dynamisch wie in keiner anderen Stadt“, liest Mohrs an seinem Pult auf der Baustelle vor. Dann sieht er auf und sagt: „So steht das hier noch in meinem Manuskript.“ Bis vor zehn Tagen hätte er das auch noch so gesagt, also bis bekannt wurde, wie sie auf der anderen Seite des Mittellandkanals getrickst haben. „Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“

In seinem Manuskript steht auch noch etwas von ökologischen Standards, die der Neubau natürlich einhalten werde. Als das geschrieben wurde, klang das wahrscheinlich wirklich auch noch ganz und gar unironisch. „VW ruft fünf Millionen Autos zurück“, das ist die Schlagzeile der Zeitung, die sie dann in den Grundstein einmauern. Darauf müssen sie nun bauen.

Der dunkelbraune alte Stadtwerke-Bau ist marode, aber er passte sowieso nicht mehr in das glänzende neue Wolfsburg. Kunstmuseum, Spaßbad, das Wissenschaftszentrum „Phaeno“, renommierte Architekten, die Stadt hat sich was gegönnt in den letzten Jahren, zuletzt 275 Millionen Euro Gewerbesteuer wollten schließlich ausgegeben sein. Da darf dann auch eine begrünte Sitzecke wie vor dem „Phaeno“ mal 1,6 Millionen kosten.

„Ins Sozialkaufhaus kommen mehr Leute“: Manuela Seelmann.

Quelle: Wallmüller

Armut war in Wolfsburg zuletzt eher ein Randphänomen, „im Grunde haben wir ja Vollbeschäftigung“, sagt Manuela Seelmann im Sozialkaufhaus, das gegenüber der „Tunnelschänke“ liegt. Hemden 2,50 Euro, die Ständer im Sozialkaufhaus sind eng gefüllt. Gut möglich aber, dass demnächst viel mehr Leute hierher kommen, Seelmann rechnet damit. Nur weiß sie nicht, ob sie dann allen helfen können. Das Sozialkaufhaus mit seinen 13 Mitarbeitern hängt selbst am Zuschuss der Stadt. Die Stadt aber hat wegen VW gerade eine Haushaltssperre verkündet. Wie es weitergeht: unklar. Seelmann kennt sich aus mit der Armut in der Stadt. „Das ist ein Brett, was hier passiert“, sagt sie.

Klar ist jedoch auch, dass sich die Wolfsburger dieser Krise nicht einfach beugen wollen, und wenn es einen Anführer des Widerstands gibt, dann ist es Ehme de Riese. Mit seinem Strohhut, dem braun-weiß gestreiften Anzug und dem gelben Hemd ist der Besitzer dreier Brillengeschäfte so etwas wie der optische Gegenentwurf zur betontristen Wolfsburger Einkaufsstraße, stilistisch eine Art Thomas Gottschalk von Ostniedersachsen. Am letzten Wochenende, das VW-Drama war erst seit ein paar Tagen bekannt, hat er gleich eine ganzseitige Anzeige in der Zeitung geschaltet: „Jetzt erst recht. Wir für Volkswagen“, steht da. Die Welt blicke jetzt auf Wolfsburg, das sei doch auch eine Chance: „Wir können die Ersten sein, die da wieder rauskommen.“

„Jetzt erst recht“: Der Optiker Ehme de Riese kämpft für seine Stadt.

Quelle: Wallmüller

Nur ist das Problem vielleicht, dass neben dem bunten 63-Jährigen jeder andere noch etwas grauer wirkt – und jeder, der seine Zuversicht nicht teilt, noch etwas sorgenvoller. Jan Schröder zum Beispiel, der Diskothekenbesitzer. Letztes Wochenende war es in seinen Clubs gleich mal leerer, die Leute hatten keine Lust zu feiern. „Guckt doch, wie sich Detroit entwickelt hat“, sagt er, die US-Stadt, die nach der Pleite der Autobauer in die Armut rutschte. „Hier haben alle Angst.“ Oder Siegfried Kayser, den sonnengebräunten früheren IHK-Chef von Wolfsburg, der in einem Straßencafé daran erinnert, dass es in Wolfsburg exakt eine Firma gibt, die nicht irgendwie von VW abhängig ist: „Die Matratzenfabrik Diamona, 80 Beschäftigte.“ Dann zieht er noch mal an seiner Zigarre. Noch geht’s Wolfsburg ja gut.

„Denkt mal an Detroit“: Disco-Betreiber Jan Schröder.

Quelle: Wallmüller

Was hatte Karsten Bernhardt noch gesagt, der VW-Mann in der „Tunnelschänke“? Dass er sich Sorgen mache um die Jungen? Celina ist 16, mit drei Freunden sitzt sie am Abend auf einer Bank vor dem Jugendzentrum. Am Morgen hat sie in der Schule ein Referat gehalten, Thema: die VW-Krise. Danach hat sie eine Umfrage in ihrer Klasse gemacht: 16 von 20 glauben, die Krise werde der Autoindustrie oder dem ganzen Land schwer schaden. „Alles ziemlich enttäuschend“, sagt Celina.

Wo sie mal arbeiten will? „VW, das ist es“, sagt sie. Spätestens nach dem Abitur, und wenn sie vorher einen Platz bekommt, dann auch schon nach der elften. Warum? „Es ist das Geld“, sagt sie. Und ihre Freunde? „VW“, sagt der Erste. „VW“, sagt die Zweite. „VW“, sagt die Dritte. Immer noch, trotz allem? „Die Hoffnung“, sagt Celina, „geben wir doch nicht auf.“

Die Heimstatt der Autobauer

Wolfsburg existiert, weil es VW gibt: Anfang 1938 begann bei Fallersleben, verkehrsgünstig am Mittellandkanal gelegen, der Bau des Volkswagenwerks und der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. So hieß die Stadt, die den Autobauern Heimstatt werden sollte, bis 1945. Dann wurde Wolfsburg daraus.
Dank VW ist Wolfsburg die wirtschaftsstärkste Stadt Deutschlands. Die Wolfsburger tragen pro Kopf mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als die Bewohner jeder anderen deutschen Stadt.
Rund 124.000 Menschen leben in Wolfsburg – 117.000 Arbeitsplätze gibt es für sie, 72.530 davon direkt bei VW. 74 000 Pendler kommen täglich in die Stadt. Die Konzernkrise Mitte der Neunzigerjahre, als die Nachfrage einbrach und viel Produktion nach Osteuropa verlagert wurde, ist dank eines modernen Strukturkonzepts längst ausgeglichen. Die Frage ist, ob dieser Kraftakt ein zweites Mal gelingen könnte.

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