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CeBIT 2011 Mousse T.: „Ich habe ein deutsch-türkisches Herz“
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19:45 24.02.2011
Mousse T. ist der Künstlername von Mustafa Gündogdu. Er wurde am 2. Oktober 1966 als Sohn türkischer Einwanderer in Hagen geboren, die Familie zog später nach Hannover. Seit 2001 ist er Mitinhaber der Musikschmiede Peppermint Pavillon auf dem Expo-Gelände, sein Plattenlabel Peppermint Jam besteht bereits seit 15 Jahren. Quelle: Ralf Decker

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In Hannover gibt es den Bund Türkisch-Europäischer Unternehmer (BTEU), der nach eigenem Selbstverständnis für „Wirtschaftsdynamik durch Migrantentum“ steht. Sie sind Unternehmer mit türkischen Wurzeln. Sind Sie auch Mitglied im BTEU?

Ich habe schon von dem Verbund gehört und werde oft eingeladen, aber Mitglied bin ich noch nicht.

Passt so etwas vielleicht nicht zur Musikbranche?

Ich finde es gut, dass es einen solchen Bund gibt und würde es auch nicht als „artfremd“ empfinden, dort Mitglied zu sein. Ich bin doch mit dem Peppermint Pavillon schließlich auch nur ein ganz normaler mittelständischer Unternehmer. Das Klischee vom langhaarigen, kiffenden Musiker stimmt längst nicht mehr. Musik hat heute ganz viel mit Geschäft zu tun. Ich werde mir mal Informationsmaterial über den Bund Türkischer Unternehmer besorgen.

Sorgen Migranten tatsächlich für mehr Dynamik in der Wirtschaft?

Ich denke, dass Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen wie ich, grundsätzlich eine andere Weltoffenheit und oft auch mehr Risikobereitschaft mitbringen. Ich muss sagen, das erzeugt schon eine gewisse Dynamik – wenn ich jetzt so darüber nachdenke.

Steht ein türkischer Unternehmer wie Sie besonders für gelungene Integration?

Sicher, irgendwie schon. Doch für mich geht es nicht um Integration „mit Ansage“. Ich interpretiere Integration als gelebten Prozess, zu dem natürlich gehört, dass man die Sprache des Landes beherrscht, in dem man lebt, und dass man sich an die Rahmenbedingungen dort hält. Am Ende geht es doch für alle um eine gemeinsame Form des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens.

In diesem Jahr wird das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei gefeiert. Als Ihre Eltern nach Deutschland kamen, gehörten sie genau zu dieser Einwanderergeneration. Wo hat Ihr Vater damals Arbeit gefunden?

Ganz genau weiß ich die Anfänge der Geschichte nicht mehr. Aber ich glaube, er hat an der Uni Istanbul sogar unter einem deutschen Professor Gynäkologie studiert. Dann hat er in Hagen eine Anstellung bekommen. Danach in Remscheid und Leer und dann in Hannover im Oststadtkrankenhaus, ehe er sich schließlich in Misburg niedergelassen hat.

Dann war Ihr Vater ja nicht der klassische türkische Gastarbeiter, wenn man das mal so sagen darf ...

Was heißt denn schon genau „Gastarbeiter“? Es gab einen Fachkräftemangel in Deutschland, und darum haben die Menschen aus der Türkei hier Chancen für ihre Zukunft gesehen. Da spielt es doch keine Rolle, ob einer VW-Arbeiter oder Arzt ist. Insgesamt war es eine großartige Initiative, die Leute aus der Türkei nach Deutschland zu holen – und logischer Schritt einer wachsenden Volkswirtschaft.

Und wie war es bei Ihnen früher zu Hause? Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Ja, und ich habe sowohl einen deutschen, als auch einen türkischen Pass – wie auch ein deutsch-türkisches Herz. Inzwischen spreche ich aber besser Englisch als Türkisch. Das ist die Sprache im Musikbusiness, und meine Frau ist Amerikanerin. Wenn ich mal in Istanbul bin, genieße ich es aber auch, Türkisch zu reden. Ich habe das noch in mir. Ja, und Deutsch spreche ich ohnehin perfekt.

Mit welchen Sprachen wächst Ihr Sohn auf?

Er geht auf die Internationale Schule, wo Englisch Unterrichtssprache ist. Auch mit seiner Mutter spricht er Englisch. Mit mir redet er Deutsch – und dann noch ein bisschen Türkisch mit seiner Oma.

Sie betonen immer, wie sehr Ihnen Hannover am Herzen liegt. Ist die Türkei dennoch ein Stück Heimat? Können Sie sich vorstellen, dort zu leben?

Ich fühle mich mit Hannover sehr verbunden, doch ich fühle mich auch wohl, wenn ich in der Türkei bin. Von Istanbul denke ich oft, das ist ja das coolere New York. Aber ich liebe auch allgemein Europa, da gibt so viel verschiedene Kultur. Vielleicht werde ich später mal ganz modern von einem Standort zum anderen düsen. Doch erst einmal will ich in meinem aktiven Berufsleben noch ganz, ganz lange Musik machen. In Hannover.

Ihr Geschäftszweig, die Musikbranche, steht klar für Internationalität. Fragt da überhaupt jemand, woher man kommt?

Die Kultur hat sicher viele Freifahrtscheine, und man denkt nicht darüber nach, welche Nationalität jemand hat. Da flutscht es einfach so. Es gibt halt eine andere Grundoffenheit als in anderen Bereichen der Gesellschaft. Aber wie gesagt: Letztlich ist Musik heute auch ein hartes Geschäft – und da kann es dann doch passieren, dass es plötzlich schnell um nationale Interessen geht.

Zum Schluss noch ein Blick auf die CeBIT, deren Partnerland die Türkei ist. Musik spielt dort zum zweiten Mal bei der Branchenplattform „CeBIT Sounds“ eine besondere Rolle. Zur Messe ist es nicht weit von Ihrem Arbeitsplatz im Peppermint Pavillon. Schauen Sie mal vorbei?

Auf jeden Fall. Die „CeBIT Sounds“ ist für mich eine großartige Geschichte, wo Kreativität, Technik und Geschäft zusammen gebracht werden. Das ist ein schlauer Ansatz. Ich kann mir vorstellen, dass sich daraus auch mal eine realistische Chance ergibt, andere große Musikmessen nach Hannover zu holen.

Interview: Stefanie Kaune

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