Nicht weniger als den „automobilen Megatrends“ hat sich der neue Continental-Konzern verschrieben: Sicherheit, Kommunikation, Energieeinsparung. Durch den Kauf von Siemens VDO ist der hannoversche Konzern zu einem Zulieferriesen mit 150.000 Beschäftigten und fast 27 Milliarden Euro Umsatz avanciert, dessen Innovationen für das Auto der Zukunft stehen.
Eine Testfahrt im mit Conti-Systemen bestückten Auto sieht etwa so aus: Der Wagen startet schnell und kaum hörbar durch, weil sich der Elektroantrieb aus dem Hybridmotor beim Startvorgang zuschaltet. Bis zu 25 Prozent Benzin kann das Fahrzeug sparen. Wenn man am Hang vom Gas geht, hält der Wagen automatisch an, weil die elektronische Bremse greift. Anfahren am Berg gehört der Vergangenheit an, weil das Auto geschmeidig wieder anfährt, wenn man nur Gas gibt.
Auf der Autobahn warnt der eigene Wagen vor einem Fahrzeug, das am Straßenrand mit einer Panne liegt. Per Knopfdruck kann sich der eine Fahrer mit dem anderen in Verbindung setzen, weil sofort eine kabellose Verbindung zwischen beiden Fahrzeugen hergestellt wird. Auch das lästige Überprüfen des Reifendrucks gehört der Vergangenheit an. In den Pneu integrierte Sensoren melden automatisch, wenn Nachfüllen nötig wird.
Das sind einige Beispiele von Entwicklungen, die schon bald zu den Standards in Fahrzeugen gehören dürften. Für den potenziellen Käufer Schaeffler sind es vor allem diese Hightech-Systeme, die eine Conti-Übernahme interessant machen. Vor allem in den Schaeffler-Bereichen Fahrwerk und Getriebe gäbe es Ergänzungen zum eigenen Geschäft. Das alles ist jedoch nur ein kleiner Teil des Conti-Programms.
Das durch den VDO-Erwerb hinzugewonnene Produktprogramm macht dem Konzern aber nicht nur Freude. Die Sparte Antriebstechnik wird derzeit restrukturiert, weil sie mit Altlasten aus der Siemens-Zeit belastet ist und zuletzt rote Zahlen schrieb. Jüngst hatte der zuständige Vorstand Karl-Thomas Neumann Werksschließungen und den Abbau von weltweit 2000 Stellen angekündigt. Die Probleme beim Konzernumbau sind neben den hohen Schulden und den gestiegenen Rohstoffkosten ein Grund für den schwachen Kurs der Conti-Aktie. Viele Börsianer hatten zuletzt die Lust an den Hannoveranern verloren, weil sich die Herausforderungen summierten.
Entsprechend wenig überraschend kam die Ankündigung eines möglichen Übernahmeangebots für die meisten Analysten. Schon seit Wochen war darüber spekuliert worden, dass sich Conti als Übernahmeziel bestens eignen würde. Immerhin hatte der Aktienkurs des Unternehmens innerhalb eines Jahres rund die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Und selbst nach dem gestrigen Kurssprung halten die Experten die Conti-Aktie gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis immer noch für moderat bewertet.
Rein rechnerisch dürfte das gestrige Kursniveau ohnehin noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Nach der deutschen Gesetzeslage müsste Schaeffler den durchschnittlichen Kurspreis der letzten drei Monate bieten, erinnern die Analysten der Unicredit. Und der läge bei 71,15 Euro. Das wiederum könnte die Finanzierung für die private Schaeffler-Gruppe schwierig machen, urteilen die Experten von AC Research.
Grundsätzlich wäre eine Übernahme von Conti zwar eine „logische und strategische Entwicklung des Kerngeschäfts“ der Schaeffler-Gruppe, meint die Unicredit. Auch wenn das Übernahmeziel in diesem Fall deutlich größer sei als der Übernehmer. Gespalten sind die Analysten aber in ihrer Einschätzung, ob die bisherige Unternehmensstruktur bei Conti unter einer Schaeffler-Herrschaft Bestand haben würde.
Die Reifen- und Sicherheitschassis-Sparte gehörten nicht zum Kerngeschäft von Schaeffler, seien aber wachstums- und margenstark, betont der Unicredit-Analyst. Andere wiederum meinen, dass die Übernahme nur durch den Verkauf der Reifensparte überhaupt finanziert werden könne. Es sei aber fraglich, ob Schaeffler in dem gegenwärtig schwachen Marktumfeld einen vernünftigen Preis für die Reifen – und möglicherweise auch für ContiTech – erzielen könne, geben die Experten von Sal. Oppenheim zu bedenken.
Die Privatbanker sehen den „fairen Wert“ der Conti-Aktie nach wie vor eher bei 87 Euro, und daher wäre auch der derzeit kursierende Übernahmepreis von mehr als 10 Milliarden Euro aus ihrer Sicht unattraktiv. Die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme sei daher relativ gering, urteilt Sal. Oppenheim. Auf jeden Fall könne man damit rechnen, dass der Conti-Kurs noch einige Zeit von den Übernahmephantasien profitieren werde, heißt es in anderen Häusern. Die meisten Experten raten daher dazu, die Conti-Aktie zu kaufen – Übernahmezeiten seien für Anleger immer lohnenswert, heißt es.
von Lars Ruzic und Klaus Dieter Oehler
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