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Überblick: Ein Jahr danach

Conti und Schaeffler: Hauen und Stechen


Ein Jahr ist es jetzt her, dass die Schaeffler-Gruppe das Unerhörte wagte: Das Familienunternehmen, bis dahin außerhalb der fränkischen Heimat nur Fachleuten ein Begriff, vermeldete eine Beteiligung am vielfach größeren Continental-Konzern, faktisch eine Beherrschung. Ein Jahr also, viele Monate Vorbereitung, teurer Beistand kundiger Berater - und zustande gebracht wurde nichts außer einem beispiellosen Desaster.
Maria-Elisabeth Schaeffler im Gespräch mit Sohn Georg

Maria-Elisabeth Schaeffler im Gespräch mit Sohn Georg

© Andreas Arnold/ddp

Vorübergehend schien die Sache auf akzeptabler Spur. Unter dem Druck einer dramatischen Branchenkrise und ebensolcher Schulden suchten die beiden Unternehmen einen gemeinsamen Weg. Dagegen war wenig zu sagen. Schaeffler und Conti, das war nicht die große Liebe, aber in der Wirtschaft geht es auch mal ohne.

Heute weiß man, dass etwas anderes, etwas viel Entscheidenderes fehlte: Kompetenz, Weitblick, ein klares Konzept. Nichts von all dem war zu sehen, als Schaeffler in der vergangenen Woche den Sturz von Conti-Chef Karl-Thomas Neumann anzettelte. Im ersten Anlauf ist die Entmachtung Neumanns am Widerstand der Arbeitnehmer gescheitert, im zweiten Anlauf könnte sie wohl gelingen. Aber worin bei diesem Hauen und Stechen der Nutzen für das Unternehmen liegen soll, bleibt im Dunkeln.

Schaeffler schafft keine Klarheit
Inzwischen sind jedenfalls Conti und Schaeffler von gemeinsamer Schlagkraft weiter entfernt als je zuvor. Schlimmer noch: Mitten im Einbruch ihres Marktes sind sie geschwächt. Natürlich hätten die Schaefflers das Recht, die Ablösung des Vorstandschefs zu betreiben. In Hannover verdrängt man es zwar gern, aber die Familie und ihre Banken kontrollieren 90 Prozent der Continental AG. Neumann ist zwar weithin als exzellenter Manager und harter Arbeiter anerkannt, aber auch er hat sein Spiel im Machtpoker gespielt. Doch ohne gegenseitiges Vertrauen geht es nicht. So sahen es offenbar auch die Aufsichtsräte, die daher zaudernd für seine Ablösung stimmten. Chef und Eigentümer gegeneinander - das würde die Conti noch tiefer in die Krise rutschen lassen, sagten sie sich. Kein falscher Gedanke.

Was aber, wenn der Wechsel zwar vom Großaktionär gewünscht wird, dem Unternehmen aber schadet? Nicht, weil es um Neumann geht, sondern weil die Conti alles brauchen kann, nur keine Ablenkung, keine Selbstfindungsphase, keinen Führungswechsel. Den Conti-Chef durch einen unerfahrenen Schaeffler-Mann zu ersetzen hätte jenseits lokaler Empörung sehr reale Folgen: Das Management verliert Perspektive und Biss; Investoren, die Geld für die dringend nötige Kapitalerhöhung geben sollen, suchen sich berechenbarere Anlageobjekte; bei den Gläubigerbanken fragt man sich, wie sicher das Geld noch ist. Und die Kundschaft fürchtet um den Fortgang ihrer Projekte. Weder Commerzbank-Chef Martin Blessing noch VW-Chef Martin Winterkorn waren über den geplanten Coup informiert. Den größten Gläubiger und den größten Kunden zu verschrecken - das zeigt die ganze Überforderung der Schaeff?ler-Truppe in dieser Liga.

Und immer noch bleibt die Frage: Warum? Neumann habe seine Kritik an Schaeffler in die Medien getragen, hieß es, man habe kein Vertrauen mehr. Doch das Entscheidende hat Neumann vor Monaten hochoffiziell und im Unternehmensinteresse auf der Hauptversammlung gesagt: Conti brauche endlich Klarheit über die Zukunft.

Greifen Banken und Autokonzerne ein?
Aber Schaeffler kann die in Hannover gewünschte Klarheit nicht herstellen. Dazu geht es den Franken selbst zu schlecht. Vor einigen Monaten war ihre finanzielle Lage so verheerend, dass es ums blanke Überleben ging. Fürs Erste konnte sich Schaeffler mit neuen Krediten etwas Luft verschaffen. Doch wenn in ein paar Monaten diese Kredite auslaufen, wartet die nächste Existenzkrise.

Kann jetzt noch die Investorenvereinbarung helfen, die ein Mindestmaß an Vertrauen schaffen sollte? Er habe sich von Schaeffler versichern lassen, dass die Vereinbarung weiter gelte, ließ „Garant“ Gerhard Schröder Ende voriger Woche mit auffallender Einsilbigkeit erklären.

Wahrscheinlich ist die Zeit längst über die Investorenvereinbarung hinweggegangen. Allein die Banken und die Autokonzerne hätten die Macht, Frieden zu stiften. Eine Auflösung des Verbunds scheidet praktisch aus, weil die Autohersteller keine Trennung wollen und sie den Schaeffler-Banken riesige Verluste brächte. Sehen die Großen aber tatenlos zu, riskieren sie angesichts der chaotischen Führung den Zusammenbruch des ganzen Gebildes. Greifen sie ein, wird es wohl der Versuch eines Neuanfangs - mit anderen Gesichtern auf beiden Seiten.

von Stefan Winter / 03.08.2009

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