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Weltweite Finanzkrise Aktienmärkte stürzen weiter ab
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13:43 09.08.2011
Ein Händler schaut an der Frankfurter Börse mit sorgenvoller Miene auf die Börsenkurse. Quelle: dpa
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An den Börsen in aller Welt regiert die pure Angst: Nach einem kurzen Erholungsversuch brach der Dax am Dienstag zeitweise um mehr als 7 Prozent ein, erholte sich aber später etwas und lag am Mittag bei knapp 3 Prozent im Minus. Nach den Kursstürzen der Wall Street am Vortag ging auch an fast allen Börsen in Asien erneut bergab. Händlern zufolge kaufte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut Anleihen der Schuldensünder Spanien und Italien.

Die Nervosität der Anleger ist groß. Der VDax, der die Schwankungsbreite des Leitindex abbildet, schoss auf den höchsten Stand seit 2009 zum Ausklang der Weltwirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite. Derweil geht die Rekordjagd des Goldpreises weiter, was eine ungebrochen hohe Risikoscheu der Anleger signalisiert.

Der Anleihekauf der EZB hatte bereits am Montag Wirkung gezeigt: Die Risikoaufschläge für Anleihen waren regelrecht eingebrochen, die klammen Staaten kamen günstiger an frisches Geld. Der Trend setzte sich am Dienstag fort. Die Rendite von zehnjährigen spanischen Papieren sackte sogar unter die Marke von 5 Prozent, italienische Anleihen gingen auf gut 5,1 Prozent zurück. Am Freitag hatten die Renditen von beiden Ländern noch über der Marke von sechs Prozent gelegen.

Zum Volumen des Anleihenkaufs schwieg EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Wir sind auf dem Sekundärmarkt aktiv. Aber ich sage nicht, was wir kaufen“, sagte Trichet dem Radiosender Europe 1. Die Notenbank gibt immer montags Auskunft über den Wert der zuletzt gekauften Anleihen. Die seit vier Jahren andauernden Turbulenzen auf den Finanzmärkten bezeichnete er als historisches Ereignis. „In der Gesamtschau ist das die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg - besonders seit (der Insolvenz der US-Investmentbank) Lehman Brothers.“

Kapitalmarktexperte Ingo Schmidt von der Hamburger Sparkasse sagte zum Einbruch der Börsenkurse: „Man sucht derzeit den rettenden Anker und findet ihn nicht.“ Chefvolkswirt Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank wertet die aktuellen Kurskapriolen als Übertreibung. „Es ist kein rationaler, sondern ein emotionaler Markt. Hier wird eine Situation diskontiert, die so gar nicht eingetreten ist.“

Ähnlich äußerte sich der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Der massive Absturz der internationalen Aktienmärkte habe wenig mit der Entwicklung der Realwirtschaft zu tun, sagte er der „Neuen Westfälischen“ (Dienstag). Die Aktienmärkte hätten zwar „die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer“, aber die fundamentalen Daten der Volkswirtschaft rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Der Ökonom sieht vor allem psychologische Faktoren, insbesondere ein Herdenverhalten der Anleger, als Ursache für die anhaltende Talfahrt.

Schlechte Nachrichten auch aus China

Unicredit-Volkswirt Andreas Rees widerspricht, der Markt sei keineswegs irrational: „Bis vor zwei, drei Wochen war eine gewisse Sorglosigkeit zu beobachten.“ Inzwischen sei klargeworden, dass die Verlangsamung des weltweiten Wachstums deutlich stärker ausfallen werde als bisher erwartet.

Schlechte Nachrichten kamen am Dienstag auch aus China, wo die Inflation um 6,5 Prozent auf ein Drei-Jahres-Hoch kletterte. Der Riesen-Wachstumsmarkt China gilt als wichtiger Motor für die Weltwirtschaft, auch für Deutschlands Exporteure. Der Frankfurter Ökonom Martin Faust sagte: „Sollte es hier zu einem konjunkturellen Einbruch kommen, dann wären die Folgen für die Weltwirtschaft sicher sehr dramatisch. So weit sind wir aber zum Glück noch nicht.“

Die Deutsche Bank schraubte unterdessen ihr Dax-Ziel auf 6800 Punkte zurück und machte dafür enttäuschende Quartalszahlen, wohl sinkende Markterwartungen und die Konjunkturabhängigkeit des Dax verantwortlich.

Streitpunkt Inflationsziele

Als Voraussetzung für eine Erholung an den Börsen bezeichnete Fondsmanager Tim Albrecht von DWS Investments, dass die Politik eine angemessene Lösung für die aktuellen Probleme findet. Nachdem die Politik zuletzt unterschiedliche Signale lieferte und damit die Märkte verunsicherte, sieht Albrecht die Wahrscheinlichkeit für eine solche Lösung allerdings nur bei 50 Prozent.

Der frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff forderte angesichts der bedrohlichen Schuldenkrise in Europa und den USA den Abschied von den strengen Inflationszielen. „Um den Schuldenabbau zu unterstützen, bräuchte es über mehrere Jahre hinweg eine Inflation von vier oder sechs Prozent“, sagte der Harvard-Wirtschaftsprofessor der französischen Tageszeitung „Libération“: „Ich weiß, dass ich einen ungezogenen Vorschlag mache, aber wir erreichen einen Punkt, an dem die politischen Entscheidungsträger nur noch in den Giftschrank greifen können.“ Eine höhere Inflation sei in der derzeitigen Situation eine große Hilfe. Die EZB lehnt das ab. Ihr oberstes Ziel ist Preisstabilität bei einer Teuerung knapp unter zwei Prozent.

dpa

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