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Angst ist der bestimmende Faktor

DAX-Kurs Angst ist der bestimmende Faktor

Wenn Dennis Nacken auf die Computerbildschirme an seinem Arbeitsplatz in der Frankfurter Innenstadt schaut, sieht er „pure Emotionen“ über die Kurstafeln flackern. Der 38-Jährige analysiert bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors die Kursbewegungen an den Börsen. Der bestimmende Faktor sei derzeit „Angst“.

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Die Hektik an den Aktienmärkten hat auch die Händler erfasst.

Quelle: dpa

Frankfurt. Bei 7254,5 Punkten war der Deutsche Aktienindex in die Woche gestartet und kannte dann nur eine Richtung – abwärts. In fünf Handelstagen stürzte das Barometer der 30 größten Aktiengesellschaften kurzzeitig auf unter 6200 Punkte – ein Minus von mehr als 1000 Punkten in einer Woche, ein Crash in Raten.

Zum Wochenschluss lag der Leitindex bei 6236,16 Punkten, ein Abschlag von 2,78 Prozent. Damit schloss der Dax immerhin über seinem Auftakttief von 6152,62 Punkten. Überraschend gute Daten vom US-Arbeitsmarkt reichten nur für ein kurzes Strohfeuer.

Zwei Faktoren waren nach Ansicht der meisten Analysten ausschlaggebend: die anhaltende Verunsicherung über die europäische Schuldenkrise und die Sorge über ein Ende der konjunkturellen Erholung in den USA, aber auch in Europa und wichtigen Schwellenländern. Vor allem Aktien von Banken aus südeuropäischen Ländern sind unter die Räder gekommen. Die italienische Bank Intesa Sanpaolo verlor über 20 Prozent in dieser Woche. Einigen französischen Instituten wie Société Générale und Crédit Agricole erging es ähnlich. Sie wurden dafür abgestraft, große Bestände an südeuropäischen Staatsanleihen zu besitzen.

Die Angst der Anleger hat sich selbst verstärkt. Zuerst flüchteten einige, dann befürchteten viele, dass die Pessimisten überhandnehmen könnten, und folgten. „Die Aktien werden verkauft, weil andere auch schon verkauft haben“, sagte Jürgen Meyer, Fondsmanager bei SEB.

Es herrscht die Sorge, dass sich ein Szenario wie nach der Pleite der US-Großbank Lehman Brothers im September 2008 wiederholen könnte. Erst fallen die Börsenkurse, dann wächst das Misstrauen der Banken untereinander, und bald müssen auch Unternehmen um ihre Finanzierungen bangen und können nicht mehr investieren. Das Vertrauen der Verbraucher geht ebenso verloren, Waren lassen sich schwerer absetzen – die nächste globale Rezession naht.

„Mit Lehman ist die aktuelle Situation nicht zu vergleichen“, sagt Kapitalmarktexperte Nacken. Vor der Lehman-Pleite habe es maßlose Übertreibungen auf den Kapitalmärkten gegeben, und gewaltige Immobilienblasen hatten sich in den USA oder Spanien aufgebaut. Diese Risiken sind laut Nacken vom breiten Markt ignoriert worden, was das nachfolgende Desaster ausgelöst hatte. „Derzeit wird aber sehr viel auf Risiken geachtet, vor allem in der europäischen Schuldenkrise.“
Nach Nackens Meinung werden positive Faktoren wie die Wachstumsdynamik in den Schwellenländern, die gute Auftrags- und Gewinnsituation der Firmen und die sehr niedrigen Bewertungen der Aktienmärkte aktuell ausgeblendet. Die Kursreaktionen seien daher übertrieben.

Die Europäische Zentralbank hatte am Mittwoch angekündigt, Banken wieder sechs statt zuletzt maximal drei Monate mit frischem Geld zu versorgen und so die Sorge vor klammen Kreditinstituten auszuräumen. Doch weder dieser Schritt noch das Wiederaufleben des Kaufs von Staatsanleihen wirkten beruhigend. Die Rendite zehnjähriger italienischer Papiere lag auch am Freitag über 6 Prozent. Bei spanischen Titel sah es ähnlich aus.

Die verunsicherten Investoren flüchteten sich in andere Anlagen wie deutsche oder britische Staatsanleihen, Gold oder den Schweizer Franken. Aber auch das ist nicht frei von Nebenwirkungen. So sei Gold bereits auf einem hohen Niveau angelangt, meint Peter Merk von der Landesbank Baden-Württemberg. „Die Flucht der Anleger in Sicherheit hat einen hohen Preis“, sagt auch Jens Wilhelm, Vorstandsmitglied bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. „Das zeigt beispielsweise die Rendite der kurz laufenden Bundesanleihen, die inzwischen weniger als halb so hoch ist wie die derzeitige Inflation.“ Damit steht real betrachtet unter dem Strich ein Minus für den Anleger, der diese Titel wählt.
Der Zulauf in solche Anlageklassen erklärt sich damit, dass etwa Bundesanleihen leicht und jederzeit handelbar sind, also eine Rückkehr in den Aktienmarkt leicht möglich ist. Denn noch größer als die Sorge, nicht schnell genug einen Kursrutsch zu erkennen, ist bei Anlegern die Furcht, den nächsten Aufschwung zu verpassen.

Die Talfahrt an den Märkten könnte eine Mahnung zu umfassenderem gegenseitigen Beistand der Euro-Staaten sein. Dafür könnte nach Ansicht von Mark Burgess, Chefanlagestratege bei der US-Gesellschaft Threadneedle, ein Marktzusammenbruch nötig sein. In dieser Woche könnte er begonnen haben.

Martin Dowideit

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