Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Ein ganzes Land auf der Buckelpiste
HAZ Wirtschaftszeitung

Abgas-Skandal Ein ganzes Land auf der Buckelpiste

Seit dem 19. September 2015 ist für den Volkswagen-Konzern nichts mehr, wie es war. An jenem Freitag warf die US-Umweltbehörde EPA dem Unternehmen öffentlich Manipulationen bei der Abgasmessung vor, und Dieselgate nahm seinen Anfang. Die Folgen werden Niedersachsen noch lange beschäftigen.

Voriger Artikel
Kaufst du noch oder wohnst du schon?
Nächster Artikel
Eine andere Liga
Quelle: Montage Stephanie Gehrke

Der Spruch mit dem Schnupfen hat wohl ausgedient. Wenn VW niese, habe Niedersachsen eine Erkältung, heißt es seit ewigen Zeiten. Aber mit welcher Krankheit müsste das Land jetzt darniederliegen, wo den Konzern selbst weit mehr plagt als ein kleiner Infekt? Seit zwei Monaten hat der Abgas-Skandal Volkswagen im Griff, und nach wie vor sind die Folgen in vielen Bereichen nicht einmal ansatzweise zu schätzen. „Keep calm and love VW“, verbreitete Wirtschaftsminister Olaf Lies auf seinem WhatsApp-Konto. Doch beides ist leichter öffentlich gesagt als hinter den Kulissen auch getan: „Ruhig bleiben“ ist schwierig geworden, seit VW die zweite Rückstellung in Milliardenhöhe ankündigte – und keinen Hehl daraus macht, dass wohl weitere folgen werden. Und „VW lieben“ fällt manchem in der Landesregierung nicht mehr ganz so leicht, seit das Unternehmen regelmäßig Altlasten zutage fördert.

Zuerst musste der Konzern eingestehen, dass seine US-Diesel manipuliert waren, um bei offiziellen Abgasmessungen viel bessere Werte zu zeigen als auf der Straße. Dann stellte sich heraus, dass die dafür verantwortliche Software weltweit in 11 Millionen Autos installiert ist, allein 2,4 Millionen Mal in Deutschland. Und schließlich rückte ein Ingenieur in den internen Untersuchungen damit heraus, dass auch die Kohlendioxid-Emissionen mit allen denkbaren Prüfstands- tricks manipuliert wurden.

Insgesamt 30 Milliarden Euro wird die Affäre VW nach Schätzung des Nord/LB-Analysten Frank Schwope letztlich kosten – für Strafen, Rückrufe, Entschädigungen und möglicherweise Schmerzensgeld. Es gibt durchaus noch höhere Schätzungen, und mögliche Folgen des Imageschadens wie Absatzrückgang oder höhere Rabatte sind dabei noch nicht eingerechnet. Zurückgestellt hat der Konzern in seiner Bilanz mangels sicherer Schätzungen bisher nur 6,5 Milliarden Euro, weitere 2 Milliarden sollen nach jetzigem Stand zum Jahresende folgen. Behielte Schwope recht, wären in den nächsten Jahren noch mehr als 20 Milliarden Euro aufzubringen und damit mindestens zwei Jahresgewinne. Die Schlussfolgerung des Nord/LB-Experten: „Sparen, sparen, sparen, und das in allen Bereichen.“ Ein Überblick über absehbare und mögliche Auswirkungen der VW-Krise auf Niedersachsen.

Händler

„VW wird ja nicht untergehen“, sagt ein Händler. An den Verkaufszahlen in Deutschland ist bisher tatsächlich nichts Katastrophales abzulesen. Mit dem Eingeständnis, dass auch Kohlendioxid-Werte manipuliert wurden, habe das Problem aber doch „eine neue Dimension“ bekommen. Damit sind nämlich zugesicherte Produkteigenschaften betroffen, ausgewiesen auf Tafeln an den Ausstellungsfahrzeugen – und nun in vielen Fällen falsch. Es kann mehr Kfz-Steuer fällig werden, Großkunden sehen ihre Richtlinien zum Flottenverbrauch verletzt, womöglich könnten Kunden auf Wandlung des Vertrags bestehen. Viele rechtliche Fragen seien ungeklärt, heißt es bei Händlern. Zum Ursprung des Skandals, den manipulierten Stickoxid-Werten, häufe sich bereits die Anwaltspost – in der Regel werde Verzicht auf die Einrede der Verjährung gefordert. Die Briefe werden zwar im Konzern-Clearing überprüft, für Forderungen von Privatkunden muss aber der Händler geradestehen.

Beim Neuwagengeschäft hielten sich die Auswirkungen noch in Grenzen, heißt es, bei Gebrauchtwagen zögerten aber die Kunden: Es wolle eben niemand ein Auto kaufen, von dem er nicht wisse, wann und wie genau es nachgebessert wird. Das drückt die Restwerte. Und allzu viele Informationen, mit denen man Bedenken zerstreuen könnte, gebe es aus Wolfsburg auch nicht: „VW ist extrem vorsichtig, irgendwann muss da mehr kommen.“ Zu allem Überfluss erleben Händler auch noch „Kollateralschäden“: Wer jetzt den Kulanzwunsch eines Kunden in einem anderen Zusammenhang ablehne, werde mittlerweile beschimpft, von „Beschiss“ sei jetzt schnell die Rede: „Die Streitkultur hat gelitten.“

Die eigentliche Rückrufaktion, die im Januar starten soll, gilt dagegen als beherrschbar: „Das werden wir hinkriegen, da bin ich optimistisch.“ Allerdings sei der Organisationsaufwand immens, eventuell werde man auch mobile Testgeräte nutzen. Händler, die nicht genug Tester haben, sehen jetzt allerdings alt aus: Die Geräte sind ausverkauft.

Standorte

Im November wird traditionell die mittelfristige Investitionsplanung im Aufsichtsrat beraten. Dieses Jahr könnte sich das hinziehen, denn alles steht auf dem Prüfstand. Im Herbst 2014 hatte der Konzern seine Pläne noch leicht aufgestockt und für die folgenden fünf Jahre 85,6 Milliarden Euro vorgesehen, davon 16 Milliarden Euro für die niedersächsischen Standorte. Auf diesen hohen Anteil legen Landesregierung und Gewerkschaft gleichermaßen Wert. Inzwischen heißt es allerdings, dass die jährlichen Investitionen um rund eine Milliarde Euro gekürzt werden sollen. „Da wird die Luft rausgelassen“, sagt ein Aufsichtsrat. Wen es wie hart trifft, ist noch offen. Gewinnen könnten alle Bereiche mit Elektromobilität. Jüngst neigte man hier wieder zum Sparen, weil sich die Technik nur mühsam durchsetzt. Nach Dieselgate hat auch VW wieder ehergeizigere Pläne in der E-Mobilität.

Landeshaushalt

„Insgesamt bestehen derzeit keine ernsthaften Risiken für den Landeshaushalt“, antwortete Wirtschaftsminister Lies Mitte Oktober auf entsprechende Fragen der FDP-Fraktion im Landtag. So äußerte sich auch Finanzminister Peter-Jürgen Schneider. Das stimmt zumindest bezogen auf den Aktienkurs, der sich in kurzer Zeit halbiert hat. Dass die 59 021 870 VW-Stammaktien im Landesbesitz zwischen dem 1. und dem 30. September mehr als 3 Milliarden Euro an Wert verloren haben, spielt vorerst tatsächlich keine Rolle: Das Land denkt nicht an Verkauf.

Folgen dürften allerdings im nächsten Frühjahr zu spüren sein, wenn die Dividende fällig wird. Nach neun Monaten lag der Nettogewinn des Konzerns in diesem Jahr mit 4 Milliarden Euro nur noch halb so hoch wie ein Jahr zuvor. Im Schlussquartal dürfte der Abstand noch weiter wachsen. Ob die Dividende dann schrumpft oder gleich ganz ausfällt, ist derzeit offen, in der Landesregierung rechnet man in jedem Fall mit „Schleifspuren“. Es wird also sicher nicht die 4,80  Euro des vergangenen Jahres geben. Das entsprach gut 280 Millionen Euro für den Landesanteil. Die Hälfte der Ausschüttungssumme steht allerdings der VolkswagenStiftung zu. Von der Dividende hängt also auch die Förderung wissenschaftlicher und kultureller Projekte ab.

Kommunen

Vier große Kommunen in der Metropolregion sind als VW-Standorte direkt von den Gewerbesteuerzahlungen des Konzerns abhängig. Extrem ist das in Wolfsburg, wo die Gewerbesteuer meist rund zwei Drittel der städtischen Einnahmen ausmacht. Im sehr guten Jahr 2012 kassierte man dort mehr als 400 Millionen Euro Gewerbesteuer, ein Jahr später waren es 227 Millionen. Jetzt hat Wolfsburg eine Haushaltssperre verhängt, mit der 30 Maßnahmen von Spielplatzsanierungen über Straßenerneuerung bis zu Planungskosten für Gewerbegebiete auf dem Prüfstand stehen. Braunschweig, wo die Gewerbesteuereinnahmen bei rund 170 Millionen Euro liegen, stoppte zunächst seine Haushaltsberatungen für 2016. Die Stadt hat mit dem VW-Komponentenwerk, der Zentrale der VW Financial Services und einer MAN-Fabrik gleich drei Konzernbetriebe vor der Tür. Etwas entspannter reagierte man in Hannover und Salzgitter, wo die VW-Betriebe die Wirtschaft nicht ganz so prägen.

Zulieferer

Niedersachsens größter Zulieferer zeigt sich entspannt. Der VW-Skandal stand schon in voller Blüte, da besserte Continental seine Jahresprognose jüngst noch etwas auf. Für Bremsspuren in der Zwischenbilanz war nicht Wolfsburg, sondern China verantwortlich. Und für die viel beschworene Abkehr der Kunden vom Diesel gibt es tatsächlich bisher keine Hinweise – weder bei den Zulieferern noch in der Zulassungsstatistik. Zulieferer, die für saubereres Fahren sorgen – vom Katalysatorhersteller bis zum Batteriebauer – könnten künftig sogar profitieren.

Mitte Oktober berichtete NiedersachsenMetall-Chef Volker Schmidt nach einer Betriebsumfrage noch von einer „gewissen Gelassenheit“ seiner Klientel. Mit der ist es inzwischen aber in vielen Betrieben vorbei – nicht unbedingt, weil die Aufräge ausblieben, sondern weil sparen bei VW immer zuerst sparen im Einkauf heißt. Die Einkaufstruppe von Vorstand Francisco Xavier Garcia Sanz gilt als die unangenehmste in der ganzen Branche. Wer einen Großteil seines Geschäfts mit ihnen abzuwickeln hat, steht vor schweren Monaten. In Niedersachsen gibt es Mittelständler, die sich deshalb schon früher geschworen haben, nie Geschäfte mit den Wolfsburgern zu machen. Und der Chef eines großen süddeutschen Zulieferers zog der Unabhängigkeit zuliebe eine klare Grenze: gute 10 Prozent vom Umsatz mit VW – mehr nicht.

Mitarbeiter

In der IG Metall gilt die Devise, dass die Belegschaft nicht für die Fehler des Managements büßen darf. Noch ist von Kurzarbeit oder gar Entlassungen keine Rede, die Produktion wurde aber in Erwartung schwächerer Nachfrage bereits drastisch gebremst: Während der Verkauf im dritten Quartal um knapp 4 Prozent zurückging, wurde die Produktion gleich um 12 Prozent heruntergefahren – und das, obwohl der Skandal erst zwei Wochen vor Quartalsende ausbrach. So ist es kein Wunder, dass konzernweit rund 7000 Leiharbeiter um ihre Stellen fürchten, größtenteils beschäftigt bei der VW-Tochter Autovision. Bisher übernimmt Volkswagen nach drei Jahren Leiharbeiter in die Stammbelegschaft. Der Betriebsrat hat bereits Alarm geschlagen und dem Vorstand vorgeworfen, seine Sparpläne im Stillen zu erarbeiten. In einer Aufsichtsratssitzung Anfang November verpflichtete man sich dann auf ein gemeinsames Vorgehen.

Niedersachsen und VW

Die Volkswagen AG war bis in die Siebzigerjahre hinein ein nahezu rein niedersächsisches Unternehmen. Bis heute arbeiten rund 120 000 Menschen im Land für den Konzern – im Unterschied zu früher ist allerdings eine halbe Million im Rest der Welt hinzugekommen. Wenn die Nord/LB einmal im Jahr die größten niedersächsischen Unternehmen nach ihrer Wertschöpfung sortiert, steht der Autobauer nicht nur automatisch vorn, er sorgt gleich für zwei Drittel der Wertschöpfung der 50 größten Unternehmen.

Das Land besitzt gut 20 Prozent der stimmberechtigten VW-Aktien. Das Paket wird von der Hannoverschen Beteiligungsgesellschaft (HanBG) gehalten und ist aktuell rund 7 Milliarden Euro wert. Niedersachsen ist damit nach Stimmrechten zweitgrößter Aktionär hinter den Familien Porsche und Piëch mit ihrer Holding Porsche SE, aber knapp vor dem Emirat Katar. Sollte im Lauf der aktuellen Krise eine Kapitalerhöhung nötig werden, würden wahrscheinlich neue Vorzugsaktien ausgegeben, die an den Stimmrechten nichts ändern.

Seit VW 1960 privatisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, gilt das VW-Gesetz. In seiner aktuellen Form enthält es nur noch zwei Vorschriften. Entscheidungen über Produktionsstätten brauchen im Aufsichtsrat eine ZweiDrittel-Mehrheit – also die Zustimmung der Arbeitnehmer. Und besonders wichtige Entscheidungen in der Hauptversammlung brauchen 80 statt der üblichen 75  Prozent Zustimmung – sind also nicht gegen den Landesanteil möglich.

Von Stefan Winter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaftszeitung
Dossiers

Wichtige Themen aus dem Bereich der Wirtschaft betrachten wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln und bündeln daraus für Sie informative Dossiers. mehr

DAX
Chart
DAX 10.529,50 +0,15%
TecDAX 1.687,00 +0,03%
EUR/USD 1,0673 ±0,00%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

DT. TELEKOM 14,69 +0,71%
BAYER 87,21 +0,71%
HEID. CEMENT 83,50 +0,67%
DT. BANK 14,73 -1,98%
VOLKSWAGEN VZ 118,37 -0,71%
LUFTHANSA 12,14 -0,50%

Aktienkurse regionaler Unternehmen

CEWE STIFT.KGAA... 78,90 -1,25%
CONTINENTAL 165,61 -0,46%
DELTICOM 16,30 -1,24%
HANNO. RÜCK 99,50 +0,47%
SALZGITTER 30,76 -1,03%
SARTORIUS AG... 68,75 -0,36%
SYMRISE 56,29 +1,17%
TALANX AG NA... 29,91 -0,02%
TUI 12,35 -0,80%
VOLKSWAGEN VZ 118,37 -0,71%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Bakersteel Global AF 166,72%
Structured Solutio AF 154,79%
Stabilitas PACIFIC AF 142,96%
AXA IM Fixed Incom RF 141,93%
Crocodile Capital MF 122,39%

mehr

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte