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12:03 23.11.2014
„Ein Unternehmen zu gründen, ist ja schon eine Herausforderung. Aber eine Industrieproduktion für ein innovatives Produkt aufzubauen – wow, das hat es in sich!“Anke Domaske, Gründerin der Qmilch Deutschland GmbH Quelle: von Ditfurth
Hannover

Es war ein Freitagabend im Jahr 2009. Anke Domaske hatte die Nase voll von skeptischen Experten und Instituten, die sie abwimmelten. Davon, dass alle Fachleute für abstrus hielten, was ihr selbst so naheliegend erschien: dass Textilfasern aus dem Milcheiweiß Kasein auch ohne chemische Nachbehandlung wasserfest, reißfest und waschbar gemacht werden können. Ohnehin hatte die damals 26-Jährige keine Wahl: Ihr Stiefvater war schwer erkrankt, und sein geschwächter Organismus reagierte auf alle marktgängigen Textilien mit heftigen Allergien. An diesem Freitagabend fasste die junge Unternehmerin den Entschluss, die Proteinfaser aus Biopolymeren selbst zu entwickeln – zusammen mit den Mitarbeiterinnen ihres kleinen Modelabels, das sie damals führte.

 

Kurz vor Ladenschluss kaufte sie in einem Supermarkt einen elektrischen Kuchenmixer, eine Campingkochplatte, ein großes Marmeladen-Thermometer und jede Menge Milch. „Das Milchprotein Kasein besteht aus 18 Aminosäuren. Die große Herausforderung war, dieses bakterienabweisende Material stabil zu machen – und zwar ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen“, erklärt die 31-Jährige. „Damals hatte ich null Ahnung, was ich mir da vorgenommen hatte. Ich hatte nur das Bauchgefühl, dass es irgendwie funktionieren müsste.“ Es funktionierte.

 

Heute schlägt die QMilk-Proteinfaser aus Biopolymeren Medienwellen bis weit über die Grenzen von Deutschland hinaus und treibt ein Produktionsunternehmen mit einer Investitionssumme von mehreren Millionen Euro an. Denn an den ungezählten Wochenenden, die die Frauen mit Mixen, Anrühren und Kochen in den Geschäftsräumen von Domaskes Modelabel Mademoiselle Chi Chi verbrachten, haben sie über 2000 Grundrezepturen für das innovative Biomaterial entwickelt. Im Frühsommer ist bei QMilk in einer 3000 Quadratmeter großen Gewerbehalle bei Hannover-Ricklingen die Fertigung in industriellem Maßstab angelaufen. Die Anlagen funktionieren ähnlich wie überdimensionale Nudelmaschinen. „Wie bei einem Backrezept kann ich die Eigenschaften meines Werkstoffes verändern“ , sagt Domaske.

 

Die weiße, knetgummiartige Grundmasse, die hier – frisch angemixt und noch heiß – aus einer fingerdicken Düse tritt, ist der Grundstoff für Hunderte Anwendungen – von Textilien über Kunststoffe bis hin zu Kosmetik.„Das alles verdanke ich meiner Familie, die mich immer unterstützt hat, und meinem Team, dem ich blind vertrauen kann“ , sagt die Jungunternehmerin. „Außerdem habe ich offensichtlich das Unternehmer-Gen. “ Schon im Alter von drei Jahren verkaufte die geborene Sachsen-Anhaltinerin für ihre Großmutter Kirschblüten am Straßenrand. Mit zehn Jahren begann sie, für den Forscher Robert Koch zu schwärmen. Weil sie seine Neugier auf das geheime Leben von Bakterien und Schimmelpilzen teilte, gewann sie als Schülerin bei „Jugend forscht“: Sie untersuchte die Krankheitskeime in öffentlichen Telefonzellen. Mehrmonatige Auslandsaufenthalte in den USA und Japan brachten sie auf neue Ideen: Inspiriert von der japanischen Manga-Kunst eröffnete sie mit finanzieller Hilfe von ihrer Familie mit gerade mal 19 Jahren ihr eigenes Modelabel. Mademoiselle Chi Chi (MCC) schaffte es bis nach Hollywood: Während Domaske in ihrer Göttinger Studentenwohnung für ihre Diplomprüfungen in Mikrobiologie paukte, trug das It-Girl Mischa Barton ihre Kollektionen durch Los Angeles.

Die 30-jährige Hannoveranerin, gebürtig in Sachsen-Anhalt, baut gerade eine Firma auf, die aus Milch Fasern für die Bekleidungsindustrie herstellt.

All dieses Rüstzeug sollte die Jungunternehmerin noch gut gebrauchen können. „Ein Unternehmen zu gründen ist ja schon eine Herausforderung. Aber eine Industrieproduktion für ein innovatives Produkt aufzubauen – wow, das hat es in sich!“ Auf die erste Entwicklungsphase, die Anke Domaske aus dem MCC-Budget querfinanzieren konnte, folgten Jahre des Klinkenputzens bei Investoren und Wirtschaftsförderern. „Es gibt keinen einzigen Businessplan-Wettbewerb oder Gründerpreis, den ich nicht abgeklappert habe“ , sagt Domaske. Doch mit diesen ersten, mühsam eingeworbenen Geldern kam das Medieninteresse. Mittlerweile finanziert sich QMilk aus Venture-Capital, stillen Beteiligungen, Fördermitteln und Bankenkrediten.

 

Eine Hautcreme auf Kuhmilch-Basis ist bereits auf dem Markt, für das Biokunststoff-Granulat interessieren sich Hotels, Medizintechnik- und Autohersteller.Für die Textilfasern aus Milchprotein gibt es mehr als 600 verschiedene Anfragen. Domaske sieht in dieser Branche das größte Potenzial. Denn die Milchprotein-Fasern besitzen die antiallergischen und antibakteriellen Qualitäten eines Naturstoffes, sind aber flexibel wie eine Industriefaser. Die junge Erfinderin sagt: „Es ist schockierend, wie schnell bei uns Allergien zunehmen. Kleidung für Allergiker, das ist eine große Nische, auf die die Textilindustrie bislang nicht reagiert.“

 

Heute ist Anke Domaske eine weltgewandte Unternehmerin und knallharte Verhandlerin, die weiß, was sie will: „Ich will etwas Nachhaltiges aufbauen. Denn QMilk ist für mich kein Investitionsobjekt, sondern ein Lebenswerk.“

Der weiße Allekönner

Der weiße Alleskönner

 

Ein Naturmaterial, das flexibel ist: Das Milchprotein Kasein kann als Werkstoff für Rohrleitungen, Textilien oder Kosmetik dienen.

 

9 Millionen Liter Milch werden jedes Jahr von Bauern, Molkereien und Supermärkten entsorgt, weil sie den Anforderungen des deutschen Lebensmittelrechts nicht entsprechen. Dabei besitzt Kasein, das rund 80 Prozent des Milcheiweißes ausmacht, viele Eigenschaften, die nicht nur in der Nahrung nützlich sind: Es ist ein ökologisch reiner Rohstoff, flexibel einsetzbar und mit antibakterieller Wirkung. Als Bindemittel und pharmazeutischer Hilfsstoff dient das Naturprodukt schon länger. Auch die Idee, aus Milch Textilfasern zu machen, stammt bereits aus den dreißiger Jahren. Damals aber hatte das Herstellungsverfahren seine Schwächen: Die Proteinfaser musste, um wasserfest und waschbar zu sein, in Fällungsbädern mit Acryl oder Formaldehyd stabilisiert werden – ätzende Chemikalien, die später mit hohem Wasserverbrauch wieder ausgewaschen wurden.

 

Die Qmilch Deutschland GmbH hat ein Verfahren entwickelt, das die Stabilität der Proteine mithilfe einer Mischung aus Naturstoffen erreicht. Das Unternehmen verzichtet auf den Einsatz von Chemikalien und Rohölen. Die Herstellung ist genial einfach. Wie bei einer Nudelmaschine wird die Masse durch eine speziell geformte Spinndüse gepresst. Da die Prozesstemperatur unter 100 Grad Celsius liegt, bleiben die besonderen Eigenschaften der Milch erhalten. Die Herstellung von einem Kilogramm Biopolymer benötigt fünf Minuten und maximal zwei Liter Wasser.

 

Als Granulat oder Mahlgut eignet sich QMilk zur Herstellung von harten oder weichen Kunststoffen für Folien, Verpackungsmaterial, Spielzeugen und Rohrleitungen. Das Material ist auch strapazierfähig genug, um als Textilfaser verwendet zu werden: Die Milchproteinfaser ist dünner als ein Haar und fühlt sich nach Angaben des Unternehmens  wie Seide an. Sie ist waschbar und so reißfest, dass sie auf der Spinnmaschine mit hohen Geschwindigkeiten gewickelt werden kann. Die Form der Spinndüse bestimmt die Eigenschaft des Textils: glatt oder rau, matt oder glänzend, oder – wenn die Faser mit Hohlraum gesponnen wird – besonders wärmend.

Von Andrea Rehmsmeier

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