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Oberflächlich betrachtet nur Folie
HAZ Wirtschaftszeitung

Benecke-Kaliko Oberflächlich betrachtet nur Folie

Folien von Benecke-Kaliko sorgen in Autos fast aller Marken dafür, dass es edel, bunt oder einfach praktisch zugeht.

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Das Stammwerk läuft rund um die Uhr – nur Feiertage sind produktionsfrei.

Quelle: Körner

Die neuen Backsteine haben sie eigens brennen lassen. Der Farbton muss genau passen zum Stil des Gebäudes – so will es nun mal der Denkmalschutz. Und der hat einiges mitzureden, wenn es um die Firmenzentrale von Benecke-Kaliko geht. Als das Unternehmen 1901 vom Judenkirchhof hierherzog, da lag Vinnhorst noch vor den Stadtgrenzen Hannovers. Und die neue Folienfabrik war das, was Manager heute ein „Greenfield“ nennen würden – ein Werk auf der grünen Wiese.

Das ist längst Geschichte. Heute ist jeder der 165 000 Quadratmeter Fabrikfläche in Benutzung – oder steht eben unter der Obhut der Denkmalschützer. Auch die jüngsten Ausbesserungsmaßnahmen an der Fassade musste sich Benecke-Chef Dirk Leiß von ihnen absegnen lassen. Billiger und schneller werden Sanierungsmaßnahmen dadurch nicht, aber daran haben sie sich gewöhnt in Vinnhorst. Kein Wunder: Kaum ein Unternehmen in der Region kann auf eine so lange Tradition verweisen. Die Wurzeln reichen zurück bis 1718 – in zwei Jahren feiert Deutschlands ältestes Kunststoff verarbeitendes Unternehmen seinen 300. Geburtstag.

Die Fahrer wollen ein individuelles Auto

Leiß weiß die Geschichte gut fürs Geschäft zu nutzen. „Vor allem in Asien ist eine solche Tradition ein unglaubliches Pfund“, berichtet der gebürtige Hesse. „Die Chinesen fallen bei der Besichtigung unserer Gebäude schier um vor Begeisterung.“ Zumal der Standort alles andere als ein Museum ist. Die Produktion läuft rund um die Uhr – man ist schon stolz darauf, sich die Feiertage als produktionsfreie Tage erarbeitet zu haben. „Die Fabrik stößt an natürliche Grenzen“, sagt Leiß. Längst haben sie weitere Kapazitäten an andere Werke abgegeben. Viel mehr geht nicht für die gut 1050 Beschäftigten in Hannover. Was einst als „Königlich privilegierte Wachstuchmacherey“ begann, zählt heute zu den weltweit größten Spezialisten für Innenraumfolien im Auto. Ob Cockpit, Tür- oder Seitenverkleidung, Sitzbezüge, Sonnenblende oder Türablage – gerade in Europa gibt es kaum eine Automarke, deren Innenleben nicht in Hannover designt wurde. Aber auch die Absatzmärkte jenseits des Autos sollen gestärkt werden. Der nächste Schritt ist absehbar: Die Übernahme des baden-württembergischen Folienspezialisten Hornschuch werde vorbereitet, heißt es in Konzernkreisen. Rund 400 Millionen Euro dürfte der Zukauf kosten. Hornschuch, ebenfalls über 100 Jahre alt, würde vor allem Folien für Möbel, Fenster, Türen und Fassaden, aber auch für Schwimmbäder und medizinische Anwendungen mitbringen.

Im Auto profitiert Benecke-Kaliko vom Trend zu hochwertigen Innenräumen. Selbst ihre kleinsten Modelle bieten die Autobauer inzwischen mit Verkleidungen in edlem Design an. Die geländegängigen SUV – das wachstumsstärkste Segment in Europa – werden gern mit einer Ausstattung in Leder-Optik bestellt. Auch hierfür liefert Benecke die Kunststofffolien. Hinzu kommt die „Individualisierung im Innenraum“, wie es Leiß umschreibt. Die Autokäufer wollen sich in ihrem Massenmobil durch das Interieur unterscheiden – und die Hersteller müssen immer mehr Varianten vorhalten. So wächst Benecke selbst auf dem gesättigten Heimatmarkt mit zweistelligen Raten. „Das schafft nicht jeder“, sagt der Firmenchef. Vor einem Jahr hat Leiß von einem belgischen Konkurrenten zwei Werke in Polen und Spanien mit zusammen gut 150 Beschäftigten übernommen, um die zusätzlichen Folien produzieren zu können. Sie sollen die deutschen Standorte in Hannover und dem schwäbischen Eislingen entlasten. In Mexiko wurde für mehr als 10 Millionen Euro gerade die Kapazität verdoppelt, um die USA aus der Nähe versorgen zu können. Dort hat Benecke längst nicht die herausgehobene Position wie in Europa. Allerdings waren die „Big Three“ in Detroit, General Motors, Ford und Chrysler, auch lange Hartplastik-Verfechter. Erst nach und nach setzen sich dort höherwertige Materialien durch. „Das Potenzial für uns ist riesig“, sagt der 52-jährige Leiß.

Die Folie wird zum 
Wärmestrahler

Noch kräftiger hat die Tochter des Continental-Konzerns in China investiert. Im vergangenen Herbst ist die Produktion des zweiten Benecke-Werks auf dem größten Automarkt der Welt angelaufen. 40 Millionen Euro haben sich die Hannoveraner das kosten lassen. Der neue Standort in Changzhou produziert ausschließlich Folien mit dem „Öko-Tex Standard 100“ und erfüllt alle EU-Ökostandards – mit geschlossenen Kühlwasserkreisläufen und Hightech-Filtern. Dass
Benecke Beschichtungen allein auf Basis von Wasserlacken herstellen kann, kommt dem Unternehmen dort zugute, denn ausgerechnet im Land der Smogalarme gelten scharfe Richtlinien für die Luftqualität im Innern der Fahrzeuge.
Dass der chinesische Automarkt derzeit „eine gewisse Beruhigung erfährt“, wie es der promovierte Chemiker Leiß beschreibt, spürt auch Benecke. An der Grundtendenz, dass der Markt über Jahre noch einen gewaltigen Nachholbedarf habe, werde das aber nichts ändern. In China profitiert Benecke von seinem Status als Zulieferer der Zulieferer. Über die Cockpit- und Sitzlieferanten sind die Folien nicht nur in deutschen Automarken vertreten, sondern auch bei vielen chinesischen Herstellern. Und gerade die günstigeren Modelle der heimischen Industrie waren bei den Chinesen zuletzt stärker gefragt. Von seinem Ziel, in diesem Jahr zweistellig zuzulegen und erstmals in der Firmengeschichte mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz zu erzielen, muss Leiß nicht abrücken.

Mittelfristig wollen sich die Hannoveraner mit ihrer dekorativen Aufgabe nicht abfinden. „Die Tendenz geht dahin, Funktionen in die Folie zu bringen“, sagt der Alleinvorstand. Auf der Hannover Messe präsentierte das Unternehmen bereits eine synthetische Polymermischung, die Wärme abstrahlen kann. Sie verbraucht deutlich weniger Energie als Heizdrähte und könnte leicht in Sitze, Armlehnen oder Fußraumverkleidungen integriert werden. Dass die Paste in den Elektrokreislauf eingebunden wäre, könnte sie für E-Autos interessant machen. Derzeit tüftelt man noch an der richtigen Technik und dem Geschäftsmodell. Spätestens zum 300. Jubiläum werden sie etwas Vorzeigbares präsentieren müssen.

Von der Kutsche 
zum Automobil

Benecke-Kaliko gehört zu den traditionsreichsten Industrieunternehmen Niedersachsens. 1718 als „Wachstuchmacherey vor dem Steinthore“ gegründet, firmierte das Unternehmen über Jahrhunderte unter J. H. Benecke und produzierte Am Judenkirchhof zunächst Wachstücher auf Leinölbasis für Wandbekleidungen, Fußböden und Verpackungszwecke, aber auch schon für die Innenausstattung von Fahrzeugen – damals allerdings mit deutlich weniger PS: Kutschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das hannoversche Familienunternehmen zum größten Kunststoff produzierenden Unternehmen in Europa auf. 1993 schließlich übernahm ein benachbarter Konzern Benecke von der Deutschen Genossenschaftsbank: Continental. Die Hannoveraner fusionierten Benecke mit ihrer Eislinger Tochter Kaliko. Benecke-Kaliko kommt heute auf 2500 Beschäftigte an Standorten in Europa, China und Mexiko. Rund 1000 davon arbeiten in Vinnhorst.

 

Überall Acella

Nicht nur Bahlsen hat ein Produkt aus Hannover in den Duden gebracht (den Keks), auch Benecke-Kaliko. Die Marke Acella steht dort für „eine aus Vinylchlorid hergestellte Kunststofffolie“. Schon vor 120 Jahren hatte Benecke den Produktnamen als Warenzeichen eintragen lassen – damals noch beim Kaiserlichen Patentamt. Das Kunstleder war deutlich widerständsfähiger und kältebeständiger als das Wachstuch und wurde vor dem Ersten Weltkrieg vor allem als Möbelüberzug und zur Ausstattung von Wagen und Zügen eingesetzt. Ihren Weg in unzählige Haushalte fand die Acella-Folie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als der Kunststoff PVC seinen Siegeszug antrat. Dessen Eigenschaften machte sich
Benecke geschickt zunutze: Acella als Sonnen-, Sicht- und Wetterschutz, für Sport- und Freizeitschuhe, Sitz- und Polstermöbel sowie TV- und Hi-Fi-Gehäuse. Und kaum ein Kino, das ohne Acella-Wandbespannung auskam. Auch heute nutzt Benecke die Marke – aber nur für Autoinnenausstattung.

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