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Dossiers „Wir erleben an der Fakultät einen Boom“
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12:40 24.11.2016
Achim Spiller ist Professor für „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“ an der Georg-August- Universität Göttingen. Seit 2014 ist er zudem Mitglied im Kompetenzkreis Tierwohl des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Quelle: Pförtner

Die Landwirte darben, ein Krisengipfel jagt den nächsten. Will da überhaupt noch jemand Agrarwissenschaften studieren?

Es hat sich einiges verändert in den vergangenen Jahrzehnten. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten wir sehr viele Agrarstudenten: Grund war das starke Interesse junger Leute damals an Umweltschutzthemen. Allerdings handelte es sich dabei nicht um angehende Landwirte. Dann folgte eine Tiefphase: Mitte der Neunziger- bis Anfang der 2000er-Jahre ging die jährliche Zahl der Studienanfänger auf etwa 100 zurück. Wir dachten schon, jetzt geht es langsam zu Ende. Doch seit sechs, sieben Jahren verzeichnet die Fakultät einen regelrechten Boom. Durchschnittlich 400 Studierende schreiben sich jedes Jahr neu ein.

Sind das alles junge Leute, die den elterlichen Hof übernehmen wollen?

Nur zum Teil. Allerdings kommt die Mehrzahl aus dem ländlichen Raum. Unsere Studenten interessieren sich stark für Landwirtschaft und für Lebensmittel.

Wie ticken denn Ihre Studierenden? Sind das alles angehende Biobauern, die ökologisch wirtschaften wollen? Oder sind es eher Technikfans, die moderner Pflanzenbau fasziniert?

Die Fakultät der Uni Göttingen steht in ihrer Ausrichtung für das technik-affine Zielpublikum. Das sind Studierende, die sich für Landwirtschaft und Ernährung auch in globalen Zusammenhängen interessieren. Klar, einige wollen selbst als Landwirt arbeiten, weil es einen entsprechenden familiären Hintergrund gibt. Die Mehrzahl strebt jedoch ins Agro-Business: Sie werden nach ihrem Abschluss für große Landtechnikhersteller arbeiten, für Saatgutunternehmen, Lebensmittelverarbeiter bis hin zum Einzelhandel. Wer sich für den ökologischen Landbau interessiert, fühlt sich an unserer Partneruniversität Kassel besser aufgehoben.

Studieren eigentlich hauptsächlich Männer Agrarwissenschaften?

Nein, wir produzieren nicht massenhaft Kandidaten für das TV-Format „Bauer sucht Frau“. Früher kamen tatsächlich auf etwa 90 männliche Studierende nur zehn Frauen. Inzwischen ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen, schon seit einigen Jahren übrigens.

Schreiben sich bei Ihnen in erster Linie Überzeugungstäter ein oder geben auch viele wegen der unsicheren Perspektiven wieder auf?

Die Abbrecherquote ist bei uns mit 25 Prozent recht niedrig. In anderen Fächern wie beispielsweise Mathematik liegt sie doppelt bis dreimal so hoch. Auch in den Ingenieurswissenschaften bricht rund die Hälfte der Studierenden ab.

Lohnt es sich, nach dem Bachelor- noch einen Masterstudiengang anzuschließen?

Agrarwissenschaftler sind eigentlich Wirtschaftsingenieure. Vor der Bachelor- und Masterausbildung haben wir auch den Titel Diplom-Agraringenieur vergeben. Bei uns verbinden sich ökonomisch orientierte Fächer mit naturwissenschaftlichen Fächern. Das ist allein durch ein Bachelorstudium in drei Jahren nicht so einfach abzudecken. Agrarwissenschaftler arbeiten in einer Branche, die äußerst kapital- und technikintensiv ist. Das betrifft die Anschaffung eines Mähdreschers, das gilt aber auch für Saatgutunternehmen, die mehr als 20 Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung ausgeben – ein weitaus höherer Anteil als in anderen Branchen üblich.

Haben Ihre Studierenden ein klares Bild von den Anforderungen und Berufsfeldern?

Es ist ihnen bewusst. Wir haben eine relativ hohe Übergangsquote: Von 300 Bachelor-Absolventen wollen etwa 200 den Master machen. Wenn wir noch diejenigen dazurechnen, die von anderen Hochschulen kommen, haben wir jährlich 250 Masterstudenten.

In den Themen für Ihre aktuelle Ringvorlesung fällt oft der Begriff „zwischen Idyll und Hightech“: Geht beides zusammen?

Wissen angehende Agrarwissenschaftler überhaupt, wo sie sich verorten sollen? Wer sich für diesen Beruf entscheidet, muss sich positionieren. Ich selbst biete zum Beispiel ein Modul zu Corporate Social Responsibility an, also unternehmerische Verantwortung in der Landwirtschaft. Dort geht es auch um ethische Themen. Unsere Studierenden sollen sich beispielsweise der Frage stellen, wie man mit Tieren umgeht. Wir haben für eine der Veranstaltungen einen führenden Vertreter des Ökolandbaus geladen. In unserer Zeit ist Landwirtschaft begründungsbedürftiger, sie muss auch anders auf die Gesellschaft zugehen und deren Fragen beantworten können.

Beschäftigen Sie sich auch mit Trendthemen wie dem zunehmenden Interesse an vegetarischer Ernährung oder Veganismus?

Das Studium ist breit angelegt: Es gibt Veranstaltungen zu Agrarsoziologie oder zu Konsumforschung. Wenn sich die Anzahl der Vegetarier binnen weniger Jahre verdoppelt, ist das selbstverständlich ein Phänomen, mit dem wir uns auseinandersetzen. Da muss man sich Fragen stellen wie „Brauchen wir die Nutztierhaltung in 30 Jahren überhaupt noch? Oder benötigen wir eine andere Art von Tierhaltung?“

Sie sind auch Gründungsbeauftragter an Ihrer Fakultät: Mit welchen Geschäftsideen machen sich junge Landwirte heute selbstständig?

Angesichts schlechter Preise steigt eine ganze Reihe von Betrieben wieder in die Direktvermarktung ein. Das kann über das Internet geschehen, aber auch über Hofläden. Allerdings reicht es nicht, nur Spargel oder Eier anzubieten oder gar eine Kartoffelkiste. Wir sprechen über Hofläden 2.0, die professionell geführt sind, die ein breites Sortiment haben und denen es auch gelingt, die Verbraucher emotional anzusprechen – mehr noch als der Handel, der ja in jüngster Zeit ebenfalls gezielt regionale Produkte anbietet. Derzeit berate ich mehrere junge Leute, die alle etwas Unterschiedliches produzieren und sich zusammenschließen wollen, um mit einem neuen Hofladen-Konzept in der Stadt möglichst viel Auswahl zu präsentieren.

Ihre Fakultät bietet auch berufsbegleitende Weiterbildung an. Was verbirgt sich hinter AgriCareerNet?

Das ist derzeit in der Erprobung: Die Teilnehmer erwerben berufsbegleitend einen MBA. Unser Angebot zielt auf Absolventen, die bereits einige Jahre in mittleren oder großen Unternehmen des Agro-Business arbeiten. Denen wird nach einiger Zeit bewusst, dass sie zusätzliches ökonomisches Know-how benötigen. Wir haben da unter anderem Fächer wie Vertriebsmanagement oder internationale Agrarmärkte. Weil es sich um ein berufsbegleitendes Studium handelt, hat E-Learning einen hohen Anteil, dazu kommen Präsenzveranstaltungen wie Wochenendseminare. Diesen Studiengang bauen wir gerade auf.

Interview: Prem Lata Gupta