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12:39 24.11.2016
Ein optischer Sensor vorn am Traktor berechnet für Landwirt Hubertus Glitz aus Rosdorf die optimale Düngermenge. Auch seine Erntemaschinen sind mit technischen Raffinessen ausgestattet, sie arbeiten satellitengestützt und zentimetergenau. Die Daten funken sie an den Rechner auf dem Hof. Quelle: Pförtner
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Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, hieß es früher. Heute gelten Landwirte vielen als ertragsfixierte Umweltsünder, die ihre Böden mit Chemie überfrachten. Hubertus Glitz kennt solche Vorurteile. „Nichts davon stimmt“, sagt der 55-Jährige. Für den studierten Agraringenieur ist die Landwirtschaft eine moderne, verantwortungsbewusste Branche, die die Lebensbedingungen der Menschen verbessert. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Anette führt er die Glitz und von Stockhausen GbR, eine Betriebsgemeinschaft von drei Höfen in Rosdorf (Landkreis Göttingen) mit insgesamt 780 Hektar Land. Laptop, Internet und GPS gehören für sie längst ebenso selbstverständlich zum Alltag wie Traktoren, Düngerstreuer und Mähdrescher.

Das Ehepaar Glitz zählt zu den 20 bis 25 Prozent der Landwirte, die sich nach Schätzung der DLG Deutsche Landwirtschafts- Gesellschaft schon heute den digitalen Fortschritt zunutze machen. Ihre Maschinen arbeiten vernetzt, satellitengesteuert, vollautomatisch. Dank moderner Technik kann ein Landwirt heute 144 Menschen ernähren, hat der Deutsche Bauernverband errechnet – mehr als dreimal so viele wie 1980. Wer heute im Ackerbau erfolgreich sein will, muss effizient arbeiten, exakt und möglichst sparsam.

Hubertus und Anette Glitz bauen Getreide, Zuckerrüben, Raps und Mais an. Weil Bodendichte, Nährstoffgehalt und Wasserspeicherkapazität auf jedem Acker unterschiedlich sind, haben die Landwirte die Beschaffenheit der einzelnen Schläge mit einem Scanner messen lassen. So wurden Zonen bestimmt, die für die Grundbodenuntersuchung genutzt wurden. „Hier“, Hubertus Glitz deutet auf eine tiefrot eingefärbte Teilfläche auf der Karte, „da fehlt besonders Magnesium.“ Statt einer Fertigmischung streut er nur einzelne Düngerkomponenten auf seine Felder. Magnesium, Phosphor, Kalium oder Kalk – je nach Nährstoffbedarf des Bodens. „Das ist ökologischer und ökonomischer.“

Eine spezielle Software errechnet die optimalen Mengenvorgaben für den Dünger. Per USB-Stick überträgt Glitz die Daten auf den Rechner in seinem Traktor, unter Landwirten Schlepper genannt. Dank eines GPS-Signals weiß die Maschine stets, wo sie ist, und so bekommt jede Fläche die erforderliche Menge an Nährstoffen. „Das ist nachhaltiger und somit auch in unserem eigenen Interesse“, erklärt Anette Glitz. Zu viel Dünger würde die Böden überbeanspruchen und das Grundwasser belasten. Landwirtschaft ist ohne Informationstechnik nicht mehr denkbar. Landmaschinenhersteller arbeiten mit Softwareunternehmen, um sämtliche Arbeitsabläufe zu digitalisieren und die Systeme untereinander kompatibel zu machen. „Precision Farming“ heißt das Schlagwort: Säen, düngen, ernten, alles wird optimiert.

Genauer als das Auge

Vorn am Schlepper von Hubertus Glitz ist ein optischer Sensor montiert. Das Gerät misst im Sekundentakt die Grünfärbung der Pflanzen und ihre Biomasse. „Solch eine Technik erfasst mehr, als das menschliche Auge sehen kann“, erläutert er. In Echtzeit errechnet die Software daraus die notwendige Menge an Stickstoffdünger. Auf einem Monitor in der Fahrerkabine kann Glitz die Werte verfolgen – und falls nötig manuell eingreifen. Die Technik allein könne nicht alles leisten, sagt er. Es komme auch auf Erfahrung an, auf Niederschläge oder Trockenheit.

Für den Verkauf ist Anette Glitz zuständig. Selten nur noch setzt sie sich selbst auf den Traktor. Und wenn, ist es ein anderes Erlebnis als früher. Dank GPS-überwachter Spurführungssysteme zieht die Maschine ihre Bahnen wie von Zauberhand. „Man muss nicht selber lenken.“ Auch diese Neuerung ist keine technische Spielerei die Felder werden auf bis zu zwei Zentimeter genau bearbeitet, Überlappungen beim Hin- und Herfahren kommen nicht mehr vor. Seither kann auch nachts gearbeitet werden, was Kosteneinsparungen von bis zu 20 Prozent ermöglicht.

Wenn sein Mähdrescher auf dem Feld unterwegs ist, sitzt Hubertus Glitz am Schreibtisch. „Ich kann auf dem Bildschirm sehen, wo sich der Drescher gerade befindet und wie voll sein Korntank ist.“ Die Hightech-Maschine des Herstellers Claas ist wie ein Datenstaubsauger, der unzählige Informationen speichert: die Feuchtigkeit des Korns, den Kraftstoffverbrauch, die Höhe des Ertrags pro Fläche. Am Ende der Saison überprüft Glitz, ob die verwendete Menge an Dünger und Pflanzenschutzmittel das gewünschte Ernteergebnis gebracht hat.

Doch so weit ist es noch nicht. Erst bringen die beladenen Fahrzeuge das Getreide auf den Hof zurück. Eine Brückenwaage berechnet die Kornmenge und schickt das Ergebnis per WLAN an den Rechner des Landwirts. Natürlich koste diese Technik viel Geld: der Mähdrescher etwa 440 000 Euro, ein Schlepper etwa 330 000. Dazu kommen Ausgaben von 35 000 Euro für den Sensor. „Aber die Anschaffung rechnet sich“, sagt Glitz. Der Branchenverband der deutschen IT-Industrie geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren 3 Milliarden Euro mit digitalen Anwendungen für Landwirte umgesetzt werden.

Der Bauer aus Rosdorf und seine Frau glauben an die digitale Zukunft. Ihre Kinder im Alter von 14 bis 23 Jahren ebenfalls: Alle vier wollen in die Fußstapfen der Eltern treten.

Betriebsmanagement in der Hosentasche

Thomas Böck, Leiter Technologie und Systeme des Landmaschinenherstellers Claas, spricht im Interview mit der Wirtschaftszeitung über die Digitalisierung der Landwirtschaft.

Wie bereitet sich Claas auf die digitale Zukunft vor?

Wir rüsten Landmaschinen verstärkt mit intelligenten Technologien aus, um Produktivität und Effizienz zu verbessern. Wir haben unsere Elektronikkompetenz in einer Tochtergesellschaft gebündelt, in der mehr als 150 Mitarbeiter Elektronik-Architekturen und Lösungen für eine digital vernetzte Landwirtschaft entwickeln. Demnächst werden wir im südniedersächsischen Dissen mit dem Bau eines neuen Entwicklungszentrums beginnen.

Was haben die Landwirte davon?

Es geht immer darum, den Landwirt produktiver zu machen. Mit der Softwareplattform 365 FarmNet können etwa Maschinendaten von Claas und anderen Agrardienstleistern sinnvoll zusammengeführt werden. Der Landwirt hat sein Betriebsmanagement via Smartphone immer in der Hosentasche. Und er bekommt seine gesetzlichen Dokumentationspflichten problemlos in den Griff.

Selbstfahrende Traktoren sind keine Vision mehr. Sind Sie weiter als die Autoindustrie?

Der selbstfahrende Traktor ist Realität und zwar auf zwei Zentimeter genau. Der Fahrer kann sich auf die Überwachung der Anbau- und Ernteprozesse konzentrieren. Die Autoindustrie wird aber der Entwicklung des autonomen Fahrens in den nächsten Jahren noch einen wichtigen Schub geben.

Welche Innovationen kommen als Nächstes?

Vieles ist möglich: Drohnen, Fütterroboter oder automatisierte Melkkarussells: Die Vernetzung über eine gemeinsame Datendrehscheibe wird immer wichtiger, damit der Landwirt vor Ort sofort entscheiden kann.

Prem Lata Gupta

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