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Dossiers Magermilch statt Sahne
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12:40 24.11.2016
Eine Million Euro investiert: Für modernste Technik und glückliche Kühe. Quelle: Küstner

Eva sieht zufrieden aus. Gemächlichen Schritts trabt sie in die Box, hinter ihr schließt sich die automatische Tür. Zwei orange-weiß gestreifte Bürsten säubern und desinfizieren das Euter der schwarz-bunten Milchkuh, bevor ein roter Laserstrahl es abtastet, um die Lage der Zitzen präzise zu verorten. Eins, zwei, drei, vier – innerhalb von Sekunden ist das Melkgeschirr angelegt und die Rohmilch läuft durch transparente Schläuche in einen Kühltank im Nebenraum. Kommt nichts mehr, wird abgedockt, erneut desinfiziert und wenn sie nicht von selbst geht, gibt der Roboter Eva einen Klaps auf den Po. Die Nächste bitte.

Die Melkroboter und sein neuer Kuhstall sind Fred Arkenbergs ganzer Stolz. Rund eine Million Euro hat der Landwirt aus Wunstorf-Kolenfeld 2013 investiert, um bei der Milcherzeugung auf dem neuesten Stand zu sein. Seither können sich seine 130 Milchkühe frei im Großstall bewegen, fressen, wiederkäuen oder am Salzstein lecken, wann es ihnen passt. Wird der Druck im Euter zu groß, stehen die beiden vollautomatischen Melkmaschinen parat – zu jeder Tages- und Nachtzeit. „Nur eine glückliche Kuh gibt viel Milch“, sagt Arkenberg. Zufrieden sieht er dabei nicht aus.

Das Problem des 45-Jährigen ist eine Zahl: 21,5. Das ist der Centbetrag, den ihm sein Abnehmer, die Molkerei Frischli in Rehburg-Loccum, pro Liter Milch auszahlt. Im März waren es noch 24 Cent, vor einem Jahr 36. Geld verdient Arkenberg erst ab einem Milchpreis von 32 Cent. „Mit 25 Cent kommt man eine Zeitlang klar, darunter wird es kritisch“, sagt Arkenberg.

Zusammensetzung Milchpreis (pro Liter) Quelle: Quelle: ife Institut für Ernährungswirtschaft, Kiel

Will heißen: Es ist kritisch. Sehr kritisch. Viele der rund 11 000 Milchbetriebe in Niedersachsen kämpfen angesichts der Niedrigpreise ums Überleben, Tausende mussten in den vergangenen Jahren bereits aufgeben. Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) spricht von einer „existenziellen Krise“: „Fällt der Milchpreis um 10 Cent, kommen pro Jahr 800 bis 900 Millionen Euro weniger auf unseren Höfen an.“ Ein Desaster.

Niedrigpreisphasen gab es schon immer, doch keine dauerte bisher so lange wie diese. Dabei hatte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt der Branche noch vor gut einem Jahr goldene Zeiten prophezeit. Im März 2015 lief die Milchquote aus, die mehr als 30 Jahre lang die erzeugte Menge pro Betrieb strikt reglementiert hatte. Der CSU-Politiker feierte das Ende der staatlichen Mengenregulierung als „Chance für die Milchwirtschaft, die Potenziale der internationalen Märkte gezielt zu nutzen“. Viele Landwirte investierten wie Arkenberg in größere Ställe, verschuldeten sich, um mehr Milch zu produzieren und im vermeintlich lukrativen Auslandsgeschäft den Rahm abzuschöpfen. Stattdessen erlebten sie einen Preissturz ungeahnten Ausmaßes. Magermilch statt Sahne. Wie konnte das passieren?

Flaute an den Exportmärkten

Für Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer ist die Lage klar: Wenn alle Milcherzeuger gleichzeitig ihre Kapazitäten hochfahren, kann das nicht gut gehen. Der Grünen-Politiker, schwarzer Pullunder, schwarzes Sakko, randlose Brille, stützt den rechten Ellenbogen auf den Konferenztisch und doziert: „Die Milchproduktion in Niedersachsen ist innerhalb eines Jahres um 14 Prozent gestiegen. Da ist es nur logisch, dass der Preis fällt, das ist in der Marktwirtschaft so.“ Und nicht nur die niedersächsischen Bauern melken, was das Zeug hält. Verglichen mit 2013 produzieren die Niederländer 16 Prozent mehr Milch, Irland erhöhte seinen Ausstoß gar um 33 Prozent. Doch statt des erwarteten Booms an den Exportmärkten herrscht Flaute. Russland verhängte ein Embargo gegen europäische Agrarprodukte als Reaktion auf die EU-Sanktionen wegen der Krim- Annexion. Die Nachfrage im Riesenreich China schwächelt. Die Folge: Der Milchpreis hat sich nahezu halbiert. „Ich glaube, dass wir im Milchsektor einen staatlichen Eingriff brauchen, um die Menge zu senken“, sagt Meyer. „Ich kann doch nicht auf die Pleite vieler Milchviehbetriebe zur Marktbereinigung kalkulieren. Das ist verantwortungslos und für den ländlichen Raum fatal.“

Der Minister will eine grundlegende Wende in der Agrarpolitik: weg von der Massenproduktion, hin zu mehr Nachhaltigkeit und Qualität. „Deutschland ist immer dort stark im internationalen Wettbewerb, wo es besonders hochwertige Produkte anbietet – einen besonders hochwertigen Käse, einen regional erzeugten Schinken. Damit können wir auf den Weltmärkten reüssieren, nicht mit dem billigsten Molkepulver. Wir bauen ja auch nicht die billigsten Autos, sondern die besten.“ Er fordert finanzielle Hilfe aus Brüssel für Landwirte, die ihre Milchmenge freiwillig reduzieren, und will mehr Erzeuger dazu bewegen, auf ökologische Produktion umzusteigen. Hier seien die Preise auf hohem Niveau stabil und der Nachholbedarf groß: Nur 6 Prozent der in Deutschland verbrauchten Bio-Milch stamme aus Niedersachsen.

Milchbauer Arkenberg kann mit solchen Ratschlägen wenig anfangen. „Meine Melkroboter und Mitarbeiter kosten Geld, egal wie viele Kühe sie melken. Warum sollte ich die Milchmenge reduzieren?“ Und selbst, wenn er wollte: Die Preise für Milchkühe sind im Zuge der Krise derartig gefallen, dass er sie nur mit hohem Verlust verkaufen könnte. Der Umstieg auf Bio-Milch ist für den Landwirt in vierter Generation ebenfalls keine Option. Zwei Jahre müsste er das teurere Ökofutter verwenden, bevor er seine Milch unter dem Bio-Label verkaufen könnte. „Höhere Kosten und das bei den aktuellen Preisen, den finanziellen Puffer habe ich nicht.“ Zudem gibt es in der Metropolregion Hannover weit und breit keine Bio-Molkerei. Die nächstgelegene befindet sich in Nordrhein-Westfalen.

Daran wird sich auch so bald nichts ändern. „Wir halten die Ausrichtung auf den Weltmarkt weiterhin für richtig“, sagt Hans Holtorf, Geschäftsführer der Frischli Milchwerke. Der Aufbau einer eigenen Bio-Sparte, wie ihn etwa die Molkerei Ammerland in Oldenburg plant, ist für ihn keine Option. Auch eine Rückkehr zur Quote hält er für den falschen Weg, doch er gibt zu: „Wir haben die Stärke der Preisschwankungen und die Länge der Täler unterschätzt.“ Auch Frischli arbeitet momentan nicht kostendeckend, intern hat die Firmenleitung einen Sparkurs verkündet, selbst die Betriebsfeier fällt aus. In einem Brief an Arkenberg und die anderen Milchbauern der Region hat Holtorf für den Sommer Preise unterhalb von 20 Cent in Aussicht gestellt, die letzten Abschlüsse mit dem Einzelhandel waren schlecht. Erst vor wenigen Wochen hatte Aldi den Preis für einen Liter Trinkmilch von 59 auf 46 Cent gesenkt. Eine Prognose, wie es weitergeht, wagt Holtorf nicht.

Öko ist keine Patentlösung

Werner Hilse empfängt in seinem Büro im zweiten Stock der Landvolk-Zentrale in Hannover unweit des Aegi. Massiver Schreibtisch, Ledersessel, der Bauernpräsident hat wenig Zeit, ein Termin mit dem Minister, vor dem Haus wartet der VW-Phaeton-Dienstwagen mit abgedunkelten Scheiben. In seinem blauen Anzug mit weißem Hemd und perfekt gebundener Krawatte wirkt der 64-Jährige mehr wie ein Minister als der Minister selber. Und er lässt wenig Zweifel daran, dass er den Job auch besser könnte. Christian Meyer ist für ihn ein Träumer, ein Fantast, der von der Wirklichkeit draußen auf den Höfen keine Ahnung hat. „Kleinteilige und ökologische Landwirtschaft wird immer eine Nische bleiben“, sagt Hilse. Niedersachsen sei das Agrarland Nummer eins in Deutschland und produziere das Dreifache des eigenen Verbrauchs. „Unser Wohlstand in der Gesellschaft ist nur über den Export aufrechtzuerhalten.“

Selbstverständlich ist auch er „sauer, dass die Preise im Keller sind“, aber von staatlicher Regulierung, wie Meyer und auch ein Teil der Milchbauern sie fordern, hält er nichts. „So etwas ginge nur über eine europäische Lösung, und für die gibt es keine Mehrheiten. Das würde länger dauern als die Krise selbst.“ Gleichwohl macht er sich große Sorgen. „95 Prozent der Milchbauern, die investiert haben, haben das mit Fremdkapital gemacht. Es gibt die Ersten, die aufgeben und ihre Höfe verkaufen mussten. Die Krise hat ein Ausmaß erreicht, das große Existenzängste unter unseren Bauern auslöst.“

Doch wie könnte eine Lösung aussehen? Hilse schlägt vor, staatliche Bürgschaften für bedrohte Betriebe bereitzustellen und sie befristet steuerlich zu entlasten, bis die Krise vorbei sei. Das allerdings, räumt er ein, könne sehr lange dauern.

Trübe Aussichten für Fred Arkenberg und seine Kollegen. Um nicht zu stark vom unberechenbaren Milchpreis abhängig zu sein, hat er gemeinsam mit drei Nachbarhöfen 3 Millionen Euro in eine Biogasanlage investiert. Sie produziert aus der Gülle seiner Kühe Wärme für 50 Haushalte und genug Strom für das ganze Dorf. Nur ist der Preis für die Bioenergie vertraglich an den Ölpreis gekoppelt – und auch der war monatelang auf Rekordtief. Jetzt macht er nicht nur mit seinen Milchkühen Verlust, sondern auch mit der Biogasanlage.

Fred Arkenberg will den Hof an seine Kinder weitergeben. Noch versucht er, sich seinen Optimismus zu bewahren. Doch derzeit macht der Landwirt aus Wunstorf-Kolenfeld ein dickes Minusgeschäft. Quelle: Küstner

Die nächste Kuh trabt in die Melkroboterbox. Bürsten, Laserstrahl, Melkgeschirr. Draußen im Stall sind die Stimmen von Arkenbergs Söhnen zu hören, zehn und sieben Jahre alt. Nach der Schule helfen sie nach Kräften mit, „das macht mich schon stolz“, sagt der Vater. Den Hof für seine Kinder zu erhalten, das sei sein Ziel. Wie lange kann er eine solche Durststrecke finanziell durchhalten? „Ein halbes Jahr ungefähr“, sagt Arkenberg.

Claus Gorgs