Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Heute schon ein Übermorgenland
HAZ Wirtschaftszeitung

Dossier Voll automatisch Heute schon ein Übermorgenland

Niedersachsen übernimmt die Führungsrolle bei der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft. Ausgehend von der Metropolregion Hannover entsteht ein Netzwerk für Mittelständler, das Vorbild für ganz Deutschland werden könnte.

Voriger Artikel
Bloß nicht von der Stange
Nächster Artikel
Die Überzeugungsarbeiter

Für Bornemann-Inhaber Moritz von Soden aus Delligsen ist digitalisierte Arbeitsprozesse schon Alltag.

Quelle: Küstner

Das Ambiente passte zur Veranstaltung: Roboter, Fließbänder, Mess- und Prüfgeräte stehen rings um die Stuhlreihen. Der nach allen Seiten offene Saal vermittelte den Teilnehmern das Gefühl, in einer modernen Fabrikhalle zu sitzen. Ein Vorgeschmack auf das, was bald kommt: Beim Workshop hier in der Robotation Academy auf dem Messegelände stellte sich Ende des Jahres das neu gegründete Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0 vor. Sein Ziel: Es will kleine und mittlere Firmen fit für Industrie 4.0 machen. In wenigen Monaten entsteht hier im Schulungszentrum die erste voll vernetzte Lernfabrik, eine von zehn in ganz Niedersachsen. Das Konzept könnte zum Vorbild für Technologieförderung in ganz Deutschland werden.

Für viele Mittelständler sind „Industrie 4.0“ oder „Internet der Dinge“ bis heute abstrakte Schlagworte, die viel mit Google oder Amazon zu tun haben mögen, aber wenig mit der Realität in ihren eigenen Betrieben. Doch das ändert sich gerade. Schon bald dürften die großen Unternehmen von ihren Zulieferern digitale Schnittstellen und intelligente Qualitätskontrollen verlangen. Bei öffentlichen Ausschreibungen könnten 3-D-Modelle und digitale Planungsunterlagen vorgeschrieben werden. Und was dann? „In vielen Betrieben herrscht ein großes Defizit, was das Thema Digitalisierung betrifft“, sagt Oliver Ilnicki, Berater der IT-Firma Carus aus Hannover. „Viele Entscheider trauen sich aber nicht, ihre Unwissenheit zuzugeben. Es ist höchste Zeit für mehr Information.“ Genau dafür sind an diesem Dezemberabend etwa 80 Unternehmer, Abteilungsleiter und Verbandsvertreter in die Robotation Academy gekommen, und sie hatten viele Fragen. „Wie können Maschinendaten genutzt und gesichert werden?“, „Wie fertigt man auf einer Anlage verschiedene Einzelstücke?“, „Wie motiviert man seine Mitarbeiter, bei der Digitalisierung mitzuziehen?“

Sigmar Gabriels Idee

Karls Doreth, Geschäftsführer des neuen Kompetenzzentrums, will jeden Mittelständler dort abholen, wo er steht. „Einige sind sehr aufgeschlossen für das Thema, andere sehr konservativ“, sagt der Experte für Produktionstechnik. „Auf Dauer wird nur wettbewerbsfähig bleiben, wer effizient bleibt.“ Das bedeute nicht, dass sich jede Firma gleich eine voll vernetzte Produktion zulegen müsse. „Aber schon eine elektronische Auftragsverfolgung kann für die meisten sehr nützlich sein“, sagt Doreth. Die Idee, dem für die Wirtschaft bedeutenden Mittelstand Einstiegshilfen in Industrie 4.0 zu geben, stammt von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Im vergangenen Sommer kündigte er an, bundesweit fünf Kompetenzzentren zu schaffen. Die Niedersachsen schalteten am schnellsten. Noch bevor das Projekt offiziell ausgeschrieben wurde, begann das Produktionstechnische Zentrum an der Leibniz Universität (PZH) ein Konzept auszuarbeiten. „Wir arbeiten schon seit Jahren an der Idee von intelligenten Bauteilen, die mit den Produktionsmaschinen kommunizieren“, sagt Doreth, der bis vor Kurzem wissenschaftlicher Mitarbeiter am PZH war.

Innerhalb weniger Monate entstand mit Rückenwind aus der Landesregierung zwischen Braunschweig, Oldenburg und Göttingen ein interdisziplinäres Netzwerk an Partnern; im Herbst erhielt das PZH als Erster unter mehr als 30 Bewerbern den Auftrag, ein Kompetenzzentrum in Hannover aufzubauen. Als weitere Standorte folgen im Laufe des Jahres Berlin, Darmstadt, Dortmund und Kaiserslautern. „Wir haben superqualifizierte Forschungseinrichtungen im Land. Alles, was wir brauchten, war schon da“, sagt Marian Köller vom landeseigenen Innovationszentrum Niedersachsen, das neben der Robotation Academy, den Industrie- und Handelskammern und anderen zu den Partnern der Initiative gehört. „Das Kompetenzzentrum wird die Sichtbarkeit Niedersachsens als Technologiestandort erhöhen – bundesweit“, ist sich Köller sicher.

5,4 Millionen Fördermittel

Tatsächlich pilgern zurzeit Unternehmer, Politiker und Verbandsvertreter aus ganz Deutschland nach Hannover, um sich Ideen abzuschauen – „sogar aus den Hightech-Ländern Bayern und Baden-Württemberg“, wie man an der Leibniz Universität mit Genugtuung registriert. Im Kern geht es darum, den Firmen zu zeigen, wie sie konkret von der Digitalisierung profitieren können. Oft lassen sich schon ältere Maschinen mithilfe moderner Sensoren nachträglich „intelligent“ machen.

Mit 5,4 Millionen Euro Fördermitteln aus dem Wirtschaftsministerium wird zudem der Aufbau der zehn Lernfabriken unterstützt, jede mit einem individuellen Schwerpunkt. Während sich Hannover um Produktionstechnik und IT-Sicherheit kümmert, geht es in Braunschweig um Energieeffizienz, in Göttingen um Ergonomie und Arbeitsschutz. Darüber hinaus wird es eine mobile Lernfabrik geben, die jeden Mittelständler vor Ort schult. „Technologie zum Anfassen ist eine der Stärken des Konzepts“, sagt Volker Pape, Vorstand und Gründer des Inspektionssystemherstellers Viscom aus Hannover. Er sieht in der Digitalisierung die große Chance für den Mittelstand, seine weltweit führende Position auszubauen und zumindest Teile der in Niedriglohnländer abgewanderten Produktion zurückzuholen.

Nicht nur in der Industrie, auch im Handwerk werden digitalisierte Prozesse zunehmend wichtiger. Für diesen Wirtschaftszweig entsteht ebenfalls ein Kompetenzzentrum in Hannover – als einziges bundesweit. Die Federführung liegt beim Heinz-Piest- Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität (HPI). Das Konzept ähnelt dem für den Industriesektor. Ob 3-D-Druck, digitale Geschäftsprozesse oder Kundenkommunikation: „Auch im Handwerk gibt es ein großes digitales Optimierungspotenzial. Dafür wollen wir der Ansprechpartner sein“, sagt Institutsleiter Christian Welzbacher.

Wird Niedersachsen jetzt zum Übermorgenland? Für Viscom-Vorstand Pape hängt der Erfolg vor allem von der Nachhaltigkeit des Projekts ab. „Für so was muss man einen langen Atem haben und es mindestens zehn Jahre vorantreiben“, sagt der Unternehmer. Die Kompetenzzentren seien ein Schritt in die richtige Richtung, aber kein Allheilmittel. „Blühende Landschaften sollten wir davon nicht erwarten.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Dossiers

Wichtige Themen aus dem Bereich der Wirtschaft betrachten wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln und bündeln daraus für Sie informative Dossiers. mehr

DAX
Chart
DAX 11.236,50 +0,29%
TecDAX 1.756,50 +0,18%
EUR/USD 1,0562 ±0,00%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

FMC 77,20 +3,47%
FRESENIUS... 69,87 +2,31%
BEIERSDORF 78,43 +1,86%
DT. BANK 17,32 -3,34%
THYSSENKRUPP 23,48 -2,44%
INFINEON 16,20 -1,12%

Aktienkurse regionaler Unternehmen

CEWE STIFT.KGAA... 81,65 -0,83%
CONTINENTAL 182,49 +0,26%
DELTICOM 17,76 -1,60%
HANNO. RÜCK 103,37 +0,17%
SALZGITTER 34,25 -2,47%
SARTORIUS AG... 70,18 +2,42%
SYMRISE 57,93 +3,89%
TALANX AG NA... 31,87 +1,04%
TUI 12,94 -1,36%
VOLKSWAGEN VZ 127,73 -0,29%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Structured Solutio AF 170,60%
Crocodile Capital MF 121,61%
Polar Capital Fund AF 106,75%
Fidelity Funds Glo AF 100,02%
Morgan Stanley Inv AF 96,13%

mehr

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte