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17:10 24.11.2016
Für Thomas Rätzke, Gründer des Umweltdruckhauses, sind energiesparende Maßnahmen auch immer gute Aufhänger, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Quelle: Küstner

Längst verflogen ist der Beigeschmack von Ölkrise. Energiesparen hört heute auf den eleganteren Namen Effizienz – und ist für Unternehmen zu einem knallharten Wettbewerbsvorteil geworden. Wer Strom, Gas und Öl spart, senkt nicht nur Kosten und begrenzt Risiken, der nachhaltige Umgang mit Ressourcen trifft auch die Erwartungen von Geschäftspartnern und Kunden. Denn die machen ihre Geschäfts- und Kaufentscheidungen nicht mehr allein vom Preis abhängig, sondern auch davon, ob das Unternehmen dahinter verantwortungsvoll und nachhaltig wirtschaftet. Drei Beispiele aus der Metropolregion:

300 Euro pro Monat mehr in der Kasse dank LED

Seit Jahren krempelt die Digitalisierung ganze Branchen um. Die Drucker traf es mit als Erste. Wenn jeder Imbiss seine Speisekarte nicht nur selbst gestalten, sondern auch selbst drucken kann, wenn vom Flyer bis zum Buch alles über große Onlinedruckereien abgewickelt werden kann, was bleibt dann für den Mittelstand? Ohne eigenes Profil nicht viel, erkannte Thomas Rätzke, Gründer und Geschäftsführer der Umweltdruckhaus Hannover GmbH. Und stürzte sich 2007 auf die Möglichkeit, klimaneutral zu drucken. „Leider war es nicht so, dass uns allein dadurch alle Umweltbewegten die Bude eingerannt hätten“, erzählt Rätzke. Stattdessen passierte etwas anderes: Schrittweise identifizierte sich der Unternehmer mehr und mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit, auf das er sich ja spezialisieren wollte. Also stellte er auf Ökostrom um, optimierte die Produktion und schaffte die Verbrennungsmotoren im Fuhrpark ab. Und frei nach dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“ warb er offensiv mit all dem. Heute ist Rätzke überzeugt, dass Unternehmer nachhaltig mit Ressourcen wirtschaften müssen. „Aber natürlich müssen wir dabei auch was verdienen.“ Wie gut sich Effizienz und Wirtschaftlichkeit kombinieren lassen, zeigte sich, als das Druckhaus beim Umzug vor drei Jahren die Beleuchtung auf stromsparende LEDs umstellte. „Das hat uns damals 15.000 Euro gekostet. Aber inzwischen hat sich die Investition amortisiert – und wir sparen jeden Monat 300 Euro“, so Rätzke. So schnell wird das bei seinen BMW i3 nicht gehen. Doch dafür hat das Elektroauto andere Qualitäten: „Wenn ich damit beim Kunden lautlos vor die Tür rolle, haben wir immer ein spannendes erstes Thema: nicht das Produkt, sondern das Auto – und die Idee dahinter.“ Und damit ist Rätzke dann doch wieder bei seinem Produkt.

7000 Tonnen weniger CO2 dank effizienter Öfen

Wenn Sigmar Gabriel Anfang Dezember nach Hildesheim reist, dann nicht, um neue Klagen über die ach so teure Energiewende zu hören. Der Wirtschaftsminister besucht dort den Automobilzulieferer KSM Castings, einen klassischen Mittelständler: 3000 Mitarbeiter, 500 Millionen Euro Jahresumsatz und anders als viele Großkonzerne nicht befreit von der EEG-Umlage. Vor allem aber besucht Gabriel ein Unternehmen, das lieber handelt als jammert.

KSM stellt Gussprodukte aus Aluminium und Magnesium her. Zum Schmelzen der Leichtmetalle braucht das Unternehmen Energie. Und wenn die immer teurer wird, bleibt nur wettbewerbsfähig, wer sie sparsam einsetzt. Das erkannte die Geschäftsführung schon früh und nahm sich vor, den Energieverbrauch bis 2020 im Vergleich zu 2009 um ein Fünftel zu senken. Die alten offenen Tiegelöfen ersetzte die Firma durch effizientere Schachtschmelzöfen. Diese nutzen die entstehende Abwärme, um das Rohmaterial schon auf dem Weg in den Ofen vorzuwärmen. Mit der verbleibenden Abwärme heizt KSM seine Sanitärbereiche. Ein schlichtes Prinzip mit großer Wirkung: Die Heizkosten sind bereits spürbar gesunken, der Energieverbrauch im ganzen Unternehmen lag 2014 schon 13 Prozent unter dem Referenzwert, das Ziel für 2020 ist erreichbar. Und allein die neuen Öfen lassen den jährlichen CO2 -Ausstoß um 7000 Tonnen sinken. Schon nach kurzer Zeit profitierte nicht nur das Klima, sondern auch die Konzernbilanz. „Alle Investitionen in die Effizienz rechnen sich spätestens nach drei Jahren“, sagt Michael Eickenfonder, verantwortlich für das Umwelt- und Energiemanagement. Und wenn sich eines Tages noch ein Energieversorger findet, der auch die überschüssige Abwärme abnimmt, steht das Geld für die nächsten Effizienzmaßnahmen noch schneller bereit.

62 Kilowatt Strom dank eigener Produktion

Die fetten Jahre sind vorbei. Wer 2006 Solarstrom ins öffentliche Netz einspeiste, bekam pro Kilowattstunde etwa 50 Cent garantiert. Heute ist es kaum mehr als ein Fünftel davon. „Das lohnt sich nicht mehr“, hat Ralf Balzer, technischer Leiter beim Langenhagener Pharmaunternehmen Repha, erkannt. Was sich hingegen sehr wohl lohnt, ist: den eigenen Solarstrom selbst zu verbrauchen. Als der rasch wachsende Hersteller von Arzneimitteln auf rein pflanzlicher Basis 2014 einen Neubau plant, schlägt Balzer der Geschäftsführung eine eigene Solaranlage vor. Mit einer maximalen Leistung von 62 Kilowatt soll sie groß genug sein, um an sonnigen Tagen Rephas Strombedarf nahezu vollständig zu decken. Eine Idee, die Geschäftsführer Björn Bradtmöller einleuchtet: Wenn schon die Rohstoffe des Unternehmens durch die Kraft der Sonne wachsen, dann soll die Sonne auch die Energie für das ganze Haus liefern, findet der Chef.

Also wird der Neubau schon in der Planung auf maximale Sonnennutzung ausgerichtet. Schließlich ergänzt sich der Sonnenlauf perfekt mit dem Bedarf im Haus. Dort wird einschichtig tagsüber gearbeitet und im sonnenreichen Sommer brauchen die Kühlaggregate für die Medikamente mehr Strom als im Winter. Entsprechend wird nur ein Bruchteil des erzeugten Solarstroms ins Netz eingespeist, den Löwenanteil verbraucht Repha selbst. In etwa zehn Jahren wird die 90.000 Euro teure Solaranlage über die niedrigeren Stromrechnungen wieder eingespielt sein. Und bis dahin, ist Balzer sicher, können seine Kollegen auch die firmeneigene ETankstelle nutzen. Die gerade diskutierten Dienst-E-Bikes würden dann auch noch den letzten Rest überschüssigen Solarstroms verbrauchen.

Chefsache

Energieeffizienz war noch vor wenigen Jahren ein Thema, mit dem sich allenfalls die Werksleiter oder gar Hausmeister von Konzernen und Mittelständlern beschäftigt haben. Inzwischen ist es in den Chefetagen angekommen. Dafür sind vor allem drei Gründe verantwortlich: Die steigenden Energiekosten belasten viele Unternehmen inzwischen so stark, dass sie gezwungen sind, in effizientere Anlagen und Verfahren zu investieren. Die Verbraucher achten zudem stärker auf ökologische Aspekte bei den Herstellern der Produkte, die sie kaufen. und nicht zuletzt hat der Gesetzgeber die Regularien verschärft, sowohl auf europäischer Ebene als auch in Bund, Ländern und Kommunen.

Die Managementberatung Bain & Company kam in einer Studie vor knapp zwei Jahren zu dem Ergebnis, dass Firmen, die ihre direkten und indirekten Energiekosten senken, innerhalb von drei Jahren ihre Profitabilität um durchschnittlich 2 Prozent steigern können.

Gregor Kessler

Der Streit ums Fracking lähmte fünf Jahre lang Niedersachsens Erdgasindustrie, bis der Bund im Juni ein neues Gesetz erließ. Seither ist klar: Fracking bleibt erlaubt – aber nur unter strengen Auflagen. Wirklich zufrieden ist niemand damit. Zeit, bei Firmen und Naturschützern in der Metropolregion nachzubohren.

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