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HAZ Wirtschaftszeitung

Neues Ökostromgesetz Es gärt im Bottich

Die Reform des Ökostromgesetzes bringt niedersächsische Bauern in Bedrängnis. Für viele ist die Produktion von Strom aus Biogas eine wichtige Einkommensquelle. Doch die ist in Gefahr. Ein Besuch bei Landwirt Henning Schütze in Eschede.

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Ein bisschen Gas muss sein

Henning Schütze ist zuversichtlich, dass sich die Biogasanlage auch künftig rechnen wird. Viele seiner Kollegen müssen aber um ihre Existenz fürchten.

Quelle: Küstner

Henning Schütze ist Landwirt. Doch wer mit ihm spricht, gewinnt schnell den Eindruck, es mit einem gewieften Banker oder Broker zu tun zu haben. Routiniert spricht er über die Preise an der Leipziger Strombörse, über den Marktwert von Abwärme und das Verhältnis von produzierten Kilowattstunden zu investiertem Rohstoff. Er sagt Sätze wie: „Eine abgeschriebene Biogasanlage kann zu variablen Kosten produzieren.“ Dann bricht er das Gespräch ab. Er muss zu den Kartoffeln aufs Feld.

Schütze betreibt in Eschede eine Biogasanlage – als Nebenerwerb, zusätzlich zu seinem landwirtschaftlichen Betrieb. hat er den ersten Gärbehälter aufgestellt, bereits ein Jahr später erweiterte er die Anlage zum ersten Mal. Heute ist sie fester Bestandteil der Infrastruktur von Eschede: Schütze verkauft seinen Strom über den Stromvermarkter Energy Market und demnächst auch an Gewerbetreibende und Privatleute im Ort. Mit der Abwärme, die bei der Vergärung entsteht, beheizt er zwölf kommunale Gebäude, darunter Schulen, Sporthallen und das Rathaus von Eschede. Schütze ist ein erfolgreicher lokaler Stromproduzent, ganz im Sinne der Erfinder der Energiewende. Und dennoch blickt er mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Denn sein Geschäftsmodell ist in Gefahr.

Schuld daran sind ausgerechnet diejenigen, die ihm seine Karriere als Energieerzeuger einst ermöglichten: die Politiker. Im kommenden Jahr tritt die vom Bundestag beschlossene Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) in Kraft – und das regelt die Finanzierung von Biogasanlagen ab 2020 vollkommen neu. „Nur die erfolgreichsten 25 Prozent der Betreiber haben langfristig eine Überlebenschance“, prophezeit Jürgen Oestmann, Leiter des Ausschusses regenerative Energien beim Landvolkverband Niedersachsen in Hannover.

In Biogasanlagen wird, verkürzt gesagt, aus Getreide, Gülle und Bioabfällen Strom produziert. Gerade in Niedersachsen haben sich in den vergangenen Jahren viele Landwirte mit Gärbehältern ein lukratives zweites Standbein aufgebaut. Die mehr als 1500 überwiegend landwirtschaftlichen Biogasanlagen im Land liefern rund ein Viertel des hier produzierten Ökostroms. Mit knapp 900 Megawatt installierter Leistung ist Niedersachsen bundesweit der Biogasproduzent Nummer eins. Rund Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche von 2,5 Millionen Hektar werden inzwischen für den Anbau von Energiepflanzen genutzt, vor allem für Mais und Zuckerrüben

Die Betreiber der großen grünen Bottiche können ihre Einnahmen gut kalkulieren: Sie bekommen einen staatlich garantierten Festpreis für den Strom, den sie ins Netz einspeisen, derzeit mehr als 20 Cent pro Kilowattstunde. Noch. Denn die staatliche Förderung gilt nur für 20 Jahre, ab 2020 läuft für die ersten Landwirte die Festpreisbindung aus. Und danach – so regelt es das neue EEG – gibt es keine feste Vergütung mehr.

Der Grund: Der Ökostrom vom Bauernhof ist zu teuer geworden. Der Erfolg der erneuerbaren Energien hat den Strompreis an der Leipziger Börse einbrechen lassen, die Differenz zwischen dem Markt- und dem Garantiepreis wird über die Ökostromauflage dem Verbraucher aufgebrummt. Deshalb hat der Gesetzgeber entschieden, den Ausbau der Biogasanlagen von bis auf jährlich Megawatt zu begrenzen. Um diese Strommenge können sich die Betreiber bei der Bundesnetzagentur bewerben. Wer seine Anlage nach 20 Jahren zu geförderten Konditionen weiterbetreiben will, muss künftig an diesem Bieterverfahren teilnehmen – und sich auf neue Preise einstellen.

Viehbauern im Vorteil

16 ,8 Cent pro Kilowattstunde soll dann der Höchstbetrag sein, den ein Betreiber für seinen Strom bekommt. Wer eine neue Anlage installieren will, bekommt noch maximal 14,88 Cent. Und auch diese geringeren Beträge sind nicht garantiert: Bei der Bewerbung muss jeder Betreiber selbst einen Preisvorschlag vorlegen. Wer das günstigste Angebot macht, gewinnt. Wer zu hohe Kosten hat und seine Anlage für diesen Preis nicht rentabel betreiben kann, ist raus.

„Das EEG bietet künftig nur noch für Anlagen mit optimaler Kostenstruktur eine Chance“, sagt Landvolkfunktionär Oestmann. Zuversichtlich seien zum Beispiel Landwirte, die Viehwirtschaft betreiben und Gülle zu Biogas vergären können. Schwieriger werde es für die, die für die Stromproduktion Pflanzen anbauen und dadurch hohe Rohstoffkosten haben. Dennoch sind viele Landwirte erleichtert, dass es überhaupt eine Anschlussperspektive für sie gibt, wenn die 20-jährige Förderung ausläuft. „Dafür haben wir gekämpft“, sagt Oestman.

Energiegewinnung mit Biogas

Energiegewinnung mit Biogas

Quelle: Fachverband Biogas e. V.

Der Experte ist selbst Landwirt in Rethem und produziert Biogas. Vor mehr als zehn Jahren hat er damit angefangen, damals waren die Getreidepreise historisch niedrig. Viele Landwirte waren darauf angewiesen, zusätzliche Einnahmequellen zu finden. Biogas war dank der staatlichen Förderung ideal – und zwar nicht nur für die Produzenten selbst. Auch viele Landwirte aus der Umgebung verdienen mit, weil sie zum Beispiel Mais für die Stromproduktion verkaufen konnten. „Jeder dritte Betrieb bei uns im Heidekreis profitiert unmittelbar oder mittelbar vom EEG“, sagt Oestmann. Gleichzeitig haben die Betreiber mit ihren Anlagen viel für die jeweilige Region getan: Der erzeugte Strom wird lokal verbraucht, viele verkaufen zusätzlich zusätzlich Heizwärme an Unternehmen oder kommunale Einrichtungen in der Nachbarschaft. Und zahlen in ihrer Gemeinde natürlich auch Gewerbesteuer.

Wird das so bleiben? Landwirt Schütze aus Eschede ist zuversichtlich, dass seine Biogasanlage auf lange Sicht rentabel bleiben wird. Nach 20 Jahren Laufzeit sei seine Anlage bezahlt und abgeschrieben, dann könne er zu laufenden Kosten produzieren, was bei guter Kalkulation möglich sei. Außerdem hat er seine lokalen Abnehmer vor Ort. Auch Oestmann macht sich persönlich wenig Sorgen. Bei vielen anderen Landwirten aber gärt es. Besonders für kleine Produzenten bedeute das neue Gesetz das wirtschaftliche Ende ihrer Biogasanlagen, ist sich der Landvolkvertreter sicher. „Das neue EEG wird die Wertschöpfung in der Landwirtschaft deutlich verändern.“

Elke Spanner

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