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12:42 24.11.2016
Jan Steuer führt die Telekommunikationsberatung DOK Systeme, die sein Vater gegründet hat. Das ist nicht mehr selbstverständlich: Viele Firmen tun sich schwer, einen Nachfolger zu finden. Quelle: Kutter
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Die Wende kam an jenem Tag, an dem Jan Steuer seinen Vater aus dem Büro warf. Sie hatten sich gestritten, es ging um Finanzen und um Personalfragen – und irgendwann reichte es dem Junior. „Das Kaufmännische war mein Gebiet, ich war es leid, darüber zu diskutieren“, sagt der Geschäftsführer der Telekommunikationsberatung DOK Systeme aus Garbsen bei Hannover. „Danach waren die Dinge klar geregelt: Das macht er, das mache ich.“ Mehr als zehn Jahre ist der Generationswechsel in dem Familienunternehmen jetzt her, „aber im Grunde verarbeite ich das Ganze erst jetzt“, sagt der heute 47-Jährige. Nach dem Streit konzentrierte sich der Vater auf die Technik, der Sohn kümmerte sich um Zahlen und Personalwesen. Heute floriert das Unternehmen mit seinen 44 Mitarbeitern wieder, auch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist intakt. Damit ist DOK Systeme ein Musterbeispiel für eine gelungene Unternehmensnachfolge. Doch Jan Steuer weiß, dass die Sache auch ganz anders hätte ausgehen können.

Weniger Macht über die eigenen Kinder

Jedes Jahr stehen in Deutschland 27 000 mittelständische Betriebe vor der Übergabe an die nächste Generation, mehr als 300 sind es allein in der Region Hannover. Gleichzeitig wird es für alternde Unternehmer immer schwieriger, einen Nachfolger zu finden. Schuld ist der demografische Wandel: Während die Zahl der 50- bis 65-Jährigen bis 2020 um 25 Prozent wächst, schrumpft die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen im selben Zeitraum um 18 Prozent. Genau jene Gruppe also, aus der die nächste Unternehmergeneration hervorgehen müsste. Hinzu kommt, dass familiäre Bindungen an Kraft verlieren. War es früher selbstverständlich, dass Sohn oder Tochter den elterlichen Betrieb weiterführte, wird heute nur noch jeder zweite Familienbetrieb innerhalb der eigenen Verwandtschaft übergeben. „Früher hatten die Eltern mehr Macht über die Kinder“, sagt Rosemarie Kay, stellvertretende Leiterin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. „Heute hat die jüngere Generation häufig eigene Pläne und lässt sich nicht mehr so leicht in die Pflicht nehmen.“

Die Folge: Kerngesunden Firmen droht das Aus, weil sich niemand findet, der sie weiterführt. „Die Unternehmensnachfolge ist in der Tat ein Problem“, sagt Thomas Löhr, Nachfolgebeauftragter der Region Hannover. „Für uns ist es wichtig, gerade kleinere Unternehmen beim Generationswechsel zu unterstützen. Schließlich hängen für die Kommunen Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen davon ab.“ Seit zweieinhalb Jahren kümmert sich die Wirtschaftsförderung in der Region Hannover darum, Unternehmer, die sich zurückziehen wollen, mit potenziellen Nachfolgern zusammenzubringen. „Wir haben sogar einen Überhang an Leuten, die eine Firma suchen“, sagt Löhr. Es seien meist die Altunternehmer, die nicht loslassen könnten, unrealistische Preisvorstellungen hegten oder den Nachfolgeprozess viel zu spät starteten. Löhrs Fazit: „Die meisten Probleme sind hausgemacht.“

Diese Erfahrung musste auch Jan Steuer machen, als er 2004 bei DOK Systeme einstieg. Er hatte Nachrichtentechnik studiert und nebenbei BWL-Vorlesungen besucht, hatte für Siemens in Großbritannien gearbeitet und wollte eigentlich noch Erfahrung in einem großen Beratungshaus sammeln. Doch daraus wurde nichts. Nach dem Platzen der Dotcom- Blase war auch die Telekombranche in Nöte geraten – und mit ihr das väterliche Unternehmen. Der Junior wurde gebraucht, und zwar schnell. Damals war die Firma aus Garbsen noch organisiert wie die meisten Familienbetriebe: Der Vater war ein patriarchalischer Chef, um die Buchhaltung kümmerte sich die Mutter, der Steuerberater war ein Freund der Familie. Dabei war das Unternehmen längst zu groß für solche Strukturen. „Ich hätte mir am Anfang gewünscht, besser informiert zu sein“, sagt Jan Steuer heute. „Auch ein Coach wäre nützlich gewesen, um beim Übergang zu helfen. Aber dafür war keine Zeit.“

Gemeinsam mit der Hausbank stellte der Junior-Chef einen Sanierungsplan auf. Unprofitable Geschäftsbereiche wie die Softwareentwicklung wurden aufgegeben, Personal abgebaut. Sein Vater habe auf manches zunächst mit Unverständnis reagiert, erinnert sich Steuer, ihn dann aber gewähren lassen. Damit rettete er nicht nur ihr Verhältnis, sondern vermutlich auch die Zukunft des Unternehmens.

„Viele Unternehmensübergaben werden mangelhaft oder zu spät geplant“, sagt Lars Baumann, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Hannover und Leiter des Studiengangs Mittelständische Unternehmensführung. Er kann von Fällen berichten, wo weißhaarige Gründer sich selbst für unersetzlich hielten – um dann jenseits der 70 festzustellen, dass die Kinder eigene Karrieren eingeschlagen hatten und keines mehr den Familienbetrieb übernehmen wollte. Oder Unternehmer, die ihr umfangreiches Wissen und die Kundenkontakte mit niemandem teilten – und deren Unternehmen Insolvenz anmelden mussten, als die Patriarchen plötzlich verstarben. „Wenn die Nachfolge nicht geregelt ist, kann das ein ganzes Unternehmen lähmen“, warnt Baumann. „Da kommt Unsicherheit auf, die sich auf Kunden und Mitarbeiter überträgt. Daraus kann ein Abwärtsstrudel entstehen.“ 2 Handwerksbetriebe tun sich besonders schwer Damit es dazu gar nicht erst kommt, haben es sich Baumann und sein Team zur Aufgabe gemacht, Fachleuten, die in den Firmen arbeiten, das nötige Rüstzeug in Betriebsführung beizubringen. Sie werden zu Unternehmern gemacht. Die Seminare finden berufsbegleitend statt, „damit ist das Pensum auch leistbar für Leute, die beruflich stark eingebunden sind“, sagt Baumann. So werden aus Fachleuten Führungskräfte, die eines Tages das Unternehmen, in dem sie arbeiten, weiterführen können.

„Um die Perlen des deutschen Mittelstands müssen wir uns keine Sorgen machen“, glaubt IfM-Expertin Kay. „Gut gehende Unternehmen finden in der Regel immer einen passenden Nachfolger. Schwieriger ist es dagegen im ländlichen Raum, besonders im Handwerk, wo die Bedingungen in den vergangenen Jahren zunehmend unattraktiver geworden sind.“ Jan Steuer hat es trotz aller Startschwierigkeiten nicht bereut, sich auf die Unternehmensnachfolge eingelassen zu haben. Angehenden Firmenerben rät er, den Übergangsprozess rechtzeitig zu planen, Zuständigkeiten klar zu definieren und sich professionelle Hilfe zu holen. „Die Wahl der Berater ist ein extrem wichtiger Faktor“, sagt er. Sein Vater Dieter Steuer ist heute 76 Jahre alt – und immer noch als Berater und Projektleiter für die Firma tätig, die er einst selbst gründete. „Die Arbeit hält ihn ein Stück weit jung“, sagt sein Sohn. „Und schließlich geht es ja auch um die Anerkennung einer Lebensleistung.“

Claus Gorgs

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