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Externe Betriebsnachfolger Neu lackiert

Nicht alles bleibt in der Familie. Jeder zweite inhabergeführte Betrieb wird von einem externen Nachfolger übernommen.

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Tino Menge kommt aus einer Unternehmerfamilie. Sein Bruder hat die Lackierei vom Vater 
übernommen. Tino Menge selbst entschied sich, ein fremdes Unternehmen zu kaufen.

Quelle: Pförtner

Auf dem Hof der Lackiererei Anhalt gibt es bisweilen Ungewöhnliches zu sehen: Kleinflugzeuge, Rettungshubschrauber oder auch Helikopter der Luftwaffe. Anders als bei den meisten Betrieben der Branche bekommen bei dem Mittelständler in Hann. Münden nicht nur Autos ein neues, glänzendes Äußeres. Das Unternehmen hat sich über Jahrzehnte einen Ruf als Spezialist erarbeitet. Gerade versehen Mitarbeiter in der Lackierhalle Werkteile für ein Industrieunternehmen mit einer Spezialbeschichtung. „Wir waren eine der ersten Lackierereien in der Gegend“, sagt Inhaber Tino Menge stolz. „Die Kunden wissen, dass wir Qualität liefern.“

Anhalt ist ein Familienbetrieb in dritter Generation, gegründet in den Fünfzigerjahren. Wobei das streng genommen nicht ganz stimmt. Denn Menge, sein Name lässt es erahnen, gehört nicht zur Gründerfamilie. Vor zwei Jahren hat er das Unternehmen samt der zehn Mitarbeiter von Peter Anhalt übernommen. Das wiederum ist in Deutschland inzwischen alles andere als ungewöhnlich.

Was kostet die Firma?

Jeder zweite inhabergeführte Betrieb wird dem Nachfolgereport des DIHK-Verbands zufolge inzwischen an einen externen Nachfolger übergeben. Tendenz steigend. Die Gründe dafür sind vielfältig, sagt Katrin Rolof, die als Steuerreferentin bei der Industrie- und Handelskammer Hannover zahlreiche Übernahmen begleitet hat. Einer davon ist der Fachkräftemangel, der dafür sorgt, dass viele Unternehmerkinder attraktive Jobs und gute Verdienstchancen auch außerhalb des elterlichen Betriebes finden – ohne dabei ein unternehmerisches Risiko eingehen zu müssen. Außerdem habe sich das Bewusstsein geändert, sagt Rolof: „Die heutige Generation ist meist gut ausgebildet und will nicht mehr an einem Ort bleiben, nur weil sie das Unternehmen der Eltern weiterführen muss. Und auch bei den Eltern ist heute größeres Verständnis dafür vorhanden, dass die Kinder ihre eigenen Wege gehen.“

1982, als Peter Anhalt den Betrieb seines Vaters übernahm, war das noch anders. Eigentlich hätte der heute 68-Jährige lieber einen kaufmännischen Beruf ergriffen, aber dann machte er doch eine Ausbildung zum Lackierer. Sein Vater habe ihn zwar nicht gedrängt, den elterlichen Betrieb weiterzuführen, sagt er. „Aber ich hatte das Gefühl: Ich muss das machen.“ Und das, obwohl das Geschäft zu der Zeit nicht besonders gut lief. Gemessen am damaligen Unternehmenswert sei die Rentenzahlung, die er damals mit seinem Vater vereinbarte, darum zu hoch gewesen, sagt Anhalt heute: „Einem Fremden hätte ich weniger gezahlt.“

Übernahme-Expertin Rolof kennt viele Fälle familieninterner Übernahmen, bei denen die finanzielle Seite nicht realistisch kalkuliert wurde. „In einem Familienbetrieb ist nie richtig Feierabend, oft wird auch an Wochenenden bis spät in den Abend gearbeitet. Wenn man das durchrechnet, kommt meist kein adäquates Gehalt dabei heraus.“

Der größte Nachteil bei Übergaben innerhalb der Familie aber sei, dass die scheidenden Inhaber oft nicht loslassen könnten, sagt Rolof. Manchmal sei dies schon vor der eigentlichen Übernahme zu sehen – wie im Fall eines Großhändlers, den sie aus ihrer Praxis kennt. Dort ist der Sohn bereits jahrelang als Außendienstler im elterlichen Betrieb tätig, in den Ferien überlässt sein Vater ihm auch die Geschäftsführung. „Aber kaum kommt der Vater aus dem Urlaub zurück, macht er dessen Entscheidungen wieder rückgängig“, so Rolof. Ein Verhalten, das nicht nur der Beziehung zwischen Eltern und Kindern schadet, sondern auch dem Unternehmen. Denn wer schon vor der Übernahme der Verantwortung derart gegängelt wird, wird sich später kaum trauen, neue Wege zu gehen. „Ein Externer sieht oft eher, wie ein Unternehmen sich strategisch neu ausrichten lässt und wie neue Geschäftsfelder erobert werden können. Diesen Nachteil können Sohn oder Tochter allerdings wettmachen, wenn sie außerhalb des elterlichen Betriebs ihre Ausbildung machen und Berufserfahrung sammeln.“

Für den Lackierereibesitzer Anhalt stellte sich die Frage einer familieninternen Lösung nicht: Er ist kinderlos. Sein Nachfolger dagegen kennt die Situation nur zu gut, denn auch seine Familie betreibt eine Lackiererei – dort übernahm sein Bruder die Führung. Und das war gut so, meint der 39-Jährige heute. In der Firma hätte er selbst viele Abläufe verändern wollen, um höhere Umsätze zu erwirtschaften. „Ich weiß, dass mein Vater und ich deswegen viele Auseinandersetzungen gehabt hätten.“ Als Menge hörte, dass nicht weit entfernt in seiner Branche ein Betriebsnachfolger gesucht wurde, griff er zu. Denn mit der neuen Firma konnte er auch in anderen Geschäftsfeldern tätig werden – was Peter Anhalt mit den Flugzeugen, Hubschraubern und Industrieaufträgen bereits tat. „Das wollte ich ausbauen. Darum war die Übernahme für mich perfekt.“

Natürlich hätten externe Nachfolger im Vergleich zu Familienmitgliedern auch Nachteile, sagt IHK-Expertin Rolof. Eigene Kinder würden im Idealfall über Jahre auf ihre Aufgabe vorbereitet, kennen die Branche, die betrieblichen Abläufe, die Kunden und Mitarbeiter. Übernehme ein Externer, sei es darum wichtig, dass es eine Übergangszeit gebe, in der der Altinhaber noch beratend zur Seite steht.

Vorgänger hilft Nachfolger

So war es bei Ralf Krömer, der vor fünf Jahren in Cremlingen bei Braunschweig den Gravurbetrieb G+F Technik übernahm. Sein Vorgänger stellte ihn Lieferanten und Kunden vor und führte noch ein halbes Jahr die Geschäfte, während Krömer sich einarbeitete. „Das war eine riesengroße Hilfe“, sagt der Nachfolger. „Sonst hätte ich am ersten Tag gar nicht gewusst, was ich tun sollte.“ So gelang es ihm, die Stammkundschaft fast vollständig bei der Stange zu halten.
Wichtig sei aber auch, dass der Zeitraum, in dem der alte Chef noch aktiv ist, zeitlich klar begrenzt werde, sagt Rolof: „Sonst ist die Gefahr zu groß, dass der frühere Inhaber weiter mitmischen möchte. Der Zeitraum, der sich in der Praxis bewährt hat, liegt bei einem Jahr, manchmal reichen auch sechs Monate.“ Krömer wählte eine Mischvariante: Ein halbes Jahr blieb sein Vorgänger noch Geschäftsführer, anschließend unterstützte er seinen Nachfolger ein halbes Jahr als bezahlter Berater. Erst danach änderte Krömer in sanften Schritten Abläufe und Strukturen im Betrieb. So erhalten die Mitarbeiter in der Fertigung statt handschriftlicher Zettel nun den kompletten Auftrag als Ausdruck, um etwa nachträgliche Änderungswünsche besser nachvollziehen zu können. Im Teilelager räumte Krömer buchstäblich auf, indem er 90 Prozent der nie wieder genutzten Musterstücke entsorgte.

Auch in der Lackiererei Anhalt hat sich einiges verändert, seit Tino Menge die Geschäfte führt. So weichte er die Maxime seines Vorgängers auf, Kunden lieber abzuweisen, als von den vorgegebenen Fixpreisen abzuweichen. „Ich habe ja auch eine andere Ausgangsposition, weil ich einen Kredit abtragen muss“, sagt er. Letztlich habe sich das bewährt: „In den zwei Jahren habe ich den Umsatz schon gesteigert.“ Einwände von Peter Anhalt bekam er nicht zu hören. „Wir haben ein tolles Verhältnis“, sagen beide. Auch wenn Anhalt zugibt, dass ihm nicht alle Ideen des Neuen schmecken. Hätten die maßgeschneiderten Gestänge in der Lackierstraße wirklich ausgetauscht werden müssen? Sieht die Werkshalle mit der neuen schwarzen Lackierung wirklich besser aus als früher in Weiß? Anhalt zieht die Augenbrauen hoch. Egal. „Das ist jetzt nicht mehr meine Aufgabe“, sagt er und grinst. „Aber wenn es mein Sohn gewesen wäre, hätte ich sicherlich etwas gesagt.“

Von Claus Hornung

„Übernehmer haben Vorteile gegenüber Gründern“

 Kann man eigentlich auch ein Unternehmen erwerben, ohne einen Kredit aufzunehmen?

Theoretisch schon, aber wenn der Übernehmer kein größeres privates Vermögen mitbringt, ist das mit einem hohen Risiko verbunden. In der Praxis ist dies darum eher die Ausnahme.

Wie vielen Unternehmensnachfolgern hat die KfW den Start in die Selbstständigkeit finanziert?

Bundesweit waren es vergangenes Jahr rund 24 000 Fälle mit einem Gesamtvolumen von 3,6 Milliarden Euro. Wohlgemerkt: Wir können Kredite nur an Übernehmer vergeben, die bereits von ihrer Hausbank für kreditwürdig befunden wurden.

Wie viel Eigenkapital muss ein Unternehmenskäufer mitbringen, damit er bei Ihnen einen Kredit bekommt?

Das kommt auf den Einzelfall an. Übernehmer haben gegenüber Gründern den Vorteil, dass es bereits eine Firmenhistorie gibt. Banken mögen es, wenn sie die Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre einsehen und darauf aufbauend eine Entscheidung fällen können.

Welchen Vorteil hat ein angehender Unternehmer, wenn er einen Kfw-Kredit aufnimmt?

Es gibt verschiedene Programme. Bei der Variante „Startgeld“ vergeben wir Kredite von bis zu 100 000 Euro. Wird der Kredit nicht getilgt, übernehmen wir 80 Prozent des Risikos. Das vermindert zwar in erster Linie das Risiko für die Bank – aber diese hat dadurch einen größeren Anreiz, überhaupt einen Kredit an den Antragsteller zu vergeben. Bei einem Kreditbedarf von bis zu 25 Millionen Euro gibt es die Variante „Universell“. Dabei trägt die Bank das volle Risiko. Der Vorteil für den Gründer besteht neben niedrigen Zinsen darin, dass er erst nach einer Anlaufzeit mit der Tilgung beginnen muss. In beiden Fällen braucht es übrigens von unserer Seite aus kein Eigenkapital. Zudem bieten wir noch Kredite als „Kapital für Gründung“ an, bei denen wir verlangen, dass der Gründer oder Übernehmer 10 bis 15 Prozent Eigenkapital aufbringt.

Verglichen mit den anderen Varianten klingt das wenig attraktiv. Warum sollte ein Unternehmensnachfolger letztere Variante wählen?

Weil das Geld in der Bilanz wie Eigenkapital behandelt wird. Damit sieht die Gewinn-Verlust-Rechnung des Unternehmens wesentlich besser aus.

Welche weiteren staatlichen Förderungsmöglichkeiten gibt es?

Zum einen gibt es in allen Bundesländer Bürgschaftsgemeinschaften. Wenn sie vom Konzept des Übernehmers überzeugt sind, übernehmen sie das Risiko für den Fall, dass der Bankkredit nicht zurückgezahlt wird – gegen eine Gebühr. Außerdem gibt es die Beteiligungsgesellschaften der Bundesländer. Diese vergeben aber keine Kredite, sondern beteiligen sich an der Firma. Das heißt: Sie kaufen einen Anteil – und haben darum auch Mitspracherechte.
Interview: Claus Hornung

Marcus Kaufmann ist KfW-Berater und hilft externen Unternehmensnachfolgern, den Firmenkauf zu finanzieren.

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