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17:09 24.11.2016
Die Landwirte machen sich Sorgen um ihre Zukunft und demonstrieren, wie hier in Hannover. Quelle: Behrens

Thomas Bruns macht sich Sorgen. Als Anfang Mai plötzlich der Sommer ausbrach, die Menschen grillten und in die Freibäder stürmten, da machte er Fotos von Rissen in der Erde. Wie schon im vergangenen Jahr war das Frühjahr extrem trocken, die Weizenpreise sind seit Monaten im Keller. „Die wirtschaftliche Lage ist nicht so, dass wir Hurra schreien könnten“, sagt der Landwirt aus Steinbrück im Landkreis Hildesheim. Allenfalls eine durchschnittliche Ernte sei 2016 noch drin, sagt Bruns, was bedeutet, dass er bestenfalls die Chance hat, in diesem Jahr keinen Verlust zu machen. Bestenfalls. „Für Investitionen bleibt nichts mehr übrig.“

Nur noch der halbe Preis

Der Landwirtschaft in der Metropolregion geht es schlecht. Die Preise für beinahe alle wichtigen Agrarprodukte sind im Keller, viele Höfe arbeiten nicht mehr kostendeckend. „Milch, Getreide, Zuckerrüben, wir haben eine wirtschaftliche Krise in fast allen Bereichen“, sagt Werner Hilse, Präsident des niedersächsischen Landvolks und Interessenvertreter von 80 000 Landwirten.

Besonders schlimm trifft es die Milchbauern. Nur noch 21,5 Cent pro Liter zahlte die Molkerei Frischli in Rehburg-Loccum ihren Lieferanten im Mai – vor einem Jahr war es noch fast das Doppelte. Um Geld zu verdienen, brauchen selbst moderne Höfe wie der von Fred Arkenberg in Wunstorf aber mindestens 32 Cent. „Ein Preisverfall diesen Ausmaßes war nicht vorherzusehen“, sagt der Landwirt, der vor wenigen Jahren noch kräftig in den Ausbau seiner Kapazitäten investiert hat. Derzeit zahlt er wie alle Milcherzeuger in Niedersachsen drauf.

Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) fürchtet, dass viele der rund 11 000 niedersächsischen Milchbetriebe diese Durststrecke nicht durchstehen. Er fordert staatliche Hilfen und Mengenbegrenzungen. „Wir brauchen eine EU-weite konzertierte Aktion im europäischen Agrarmarkt, um den Preisverfall zu stoppen. Sonst wird das Höfesterben sich noch mehr beschleunigen.“ Allerdings: Der deutsche Bundeslandwirtschaftsminister lehnt einen derartigen Eingriff durch Brüssel bisher strikt ab.

Die Gründe für den Preisverfall sind vielfältig: das russische Embargo gegen europäische Nahrungsmittel, nachlassende Nachfrage in China, ein Überangebot auf den Weltmärkten. Zum Teil sind sie auch hausgemacht. Viel zu lange haben Bauern, Verbände und Agrarindustrie die wachsenden Vorbehalte in der Bevölkerung gegen Massentierhaltung und den ungezügelten Einsatz von Pestiziden und Antibiotika in der Lebensmittelproduktion ignoriert. Jetzt gelten sie in den Augen mancher Verbraucher als Tierquäler und Umweltverschmutzer, es gibt Bürgerinitiativen gegen neue Mastställe, Kinder von Landwirten werden in der Schule gemobbt.

Bio als lukrative Nische

Längst hat bei vielen Verantwortlichen ein Umdenken eingesetzt. „Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Welt nicht missbrauchen“, mahnt Bauernpräsident Hilse, der bisher eher nicht als oberster Naturschützer aufgefallen ist. Die Kühe in Fred Arkenbergs Großstall werden heute viel artgerechter gehalten als auf den kleinen Höfen der 1970er-Jahre. Thomas Bruns verzichtet auf seinen Äckern auf Pestizide wie Glyphosat und rückt dem Unkraut mit Egge und Grubber zu Leibe. „Das Nachhaltigkeitsprinzip muss für uns nicht erfunden werden“, sagt Arkenberg. Doch die wenigsten Verbraucher nähmen das zur Kenntnis. „Die Menschen haben sich von der Landwirtschaft entfremdet. Sie verurteilen die Massentierhaltung, aber kaufen Billigware beim Discounter.“

Biolebensmittel sind bis heute eine Nische geblieben – allerdings eine lukrative. An Ökobauern und Hofläden geht die aktuelle Krise weitgehend vorbei, ihre Kundschaft ist bereit, für regional und nachhaltig erzeugten Käse, Schinken oder Spargel auskömmliche Preise zu zahlen (siehe Beitrag Seite 23). Davon profitieren Landwirte, die ihre Produkte selbst vermarkten. Auch den Kartoffel- und Spargelbauern um Burgdorf und Lehrte geht es besser als den meisten anderen, hier sind – ähnlich wie beim Raps – die Preise und damit die Welt noch weitgehend in Ordnung.

Doch mehr als 40 Prozent der Agrarfläche in der Metropolregion wird für den Getreideanbau genutzt – überwiegend für Weizen. Ähnlich wie bei der Milch sind auch hier die Preise schon seit Monaten schlecht. In der Hoffnung auf Besserung hatte Landwirt Bruns wie viele seiner Kollegen im vergangenen Jahr einen Teil der Ernte nicht verkauft – und sich verspekuliert. Statt sich zu erholen, fielen die Preise nur noch weiter, von 160 auf 140 Euro pro Tonne.

Hinzu kommt die Trockenheit. „Schon seit Anfang Mai wächst der Weizen nicht mehr richtig“, so Bruns. Fällt auch demnächst nicht ausreichend Regen, verkümmern die Ähren und das Getreide taugt am Ende nur noch als Hühnerfutter. Dabei geht es Bruns und den anderen Bauern in der Region Hildesheim noch vergleichsweise gut. „Unsere Böden speichern das Wasser noch einigermaßen. Im Raum Peine und Gifhorn werden schon Beregnungsanlagen eingesetzt.“ Was die Kosten für die Landwirte weiter in die Höhe treibt.

Ein Ende des Preistiefs ist derzeit nicht abzusehen, im Gegenteil. „Wir befürchten, dass sich die Lage vor Jahresende nicht bessern wird, vielleicht auch erst Anfang 2017“, sagt Bauernpräsident Hilse. Die von der deutschen Regierung beschlossene Geldspritze von 100 Millionen Euro bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir rechnen durch den Preisverfall mit Einnahmeverlusten von mehreren Milliarden Euro – allein für Niedersachsen“, sagt Landesminister Meyer.

Mehr als 1000 Landwirte in Niedersachsen haben 2015 ihren Hof aufgegeben, schätzt der Bauernverband. In diesem Jahr dürften es mehr werden.

Von Claus Gorgs

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