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Dossiers Schwerter zu Pflugscharen
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12:41 24.11.2016
Sven Ryssel in der Endmontage: Knoche fertigt Geräte wie den Grubber nur auf Bestellung. Die Herstellung dauert drei bis vier Wochen. Quelle: Küstner
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Maschinenbau ist laut. Jörg Knoche schreit gegen den Lärm in seiner Fertigungshalle an, als er die Produktion seiner Landmaschinen erklärt. Ein Mitarbeiter schweißt gerade ein Stück Stahl, dass die Funken stieben, ein anderer stanzt Löcher in fingerdicke Metallplatten, wenige Meter weiter kreischt sich eine Flex in ein Stück Flachstahl. Die Beschäftigten tragen Gehörschutz, der Geruch von heißem Metall und Staub liegt in der Luft. Hier bei Knoche Maschinenbau in Bad Nenndorf entstehen Geräte, die jeder Ackerbauer braucht: Eggen, Grubber, alles, was den Boden locker macht, für die Aussaat vorbereitet und Unkraut bekämpft.

Milliardenmarkt Landmaschinenbau

Jörg Knoche führt das Unternehmen in siebter Generation. Auf der überdachten Fläche von mehr als 5000 Quadratmetern im Industriegebiet neben der S-Bahn- Strecke in Richtung Haste arbeiten rund 40 Beschäftigte. Damit gehört Knoche zu den kleinen, dafür hoch spezialisierten Nischenanbietern im Landmaschinenbau, einer Branche, die für Niedersachsen von herausragender Bedeutung ist.

Die Agrarwirtschaft ist der zweitgrößte Industriezweig des Bundeslandes. Hier werden nicht nur jährlich Millionen Schweine, Puten und Hähnchen sowie 2,6 Millionen Hektar Ackerfläche bewirtschaftet. Niedersachsen ist außerdem eine Hochburg des Landmaschinenbaus in Deutschland. 2014 erwirtschaftete die Branche einen Gesamtumsatz von 1,7 Milliarden Euro, exportiert wird in mehr als 100 Länder weltweit. Großbetriebe wie Amazone in Hasbergen-Gaste bei Osnabrück oder Grimme in Damme beschäftigen jeweils mehr als 1000 Mitarbeiter, hinzu kommen Dutzende von Zulieferern und Spezialanbietern. Experten wie Knoche.

Für einen hoch spezialisierten Anbieter wie Knoche hat die überschaubare Unternehmensgröße viele Vorteile. So wie kaum noch ein Auto dem anderen gleicht, wenn es die Fabrik verlässt, gibt es auch bei Landmaschinen unzählige individuelle Wünsche der Landwirte und Lohnunternehmer. Knoche fertigt nur auf Bestellung, die Anlagen können in kürzester Zeit auf die verschiedenen Produkte umgerüstet werden. Innerhalb von drei bis vier Wochen ist die Maschine beim Kunden.

Flexibel sein und dennoch möglichst viele Bauteile vorgefertigt parat haben, das ist die Aufgabe der Planungssteuerung. „Es ist immer ein Spagat“, sagt Jörg Knoche. Flexibilität sei wichtig – und eine breite Aufstellung. Knoches Kunden kommen fast aus der ganzen Welt. Dazu zählen Zuckerrübenanbauer aus der Magdeburger Börde genauso wie Agrargenossenschaften in Rumänien oder Sojabohnenproduzenten in Japan. Mehr als die Hälfte der Maschinen geht in den Export.

Knoche ist ein Unternehmen mit mehr als 200 Jahren Tradition. 1790 wird die Huf- und Waffenschmiede Hans Heinrich Knoche erstmals in Kirchenbüchern erwähnt. Firmengründer Knoche übernimmt damals in Horsten die örtliche Schmiede – dann ändert sich mehr als 150 Jahre lang ziemlich wenig. Die Schmiede wird von Generation zu Generation weitergegeben – bis 1965 Heinrich Knoche den Betrieb übernimmt. Er entwickelt den Handwerksbetrieb zum Maschinenbauunternehmen weiter und verlegt den Standort ins Industriegebiet Bad Nenndorfs, wo der Betrieb bis heute arbeitet.

Bodenbearbeitung ist Schädlingsbekämpfung

Jörg Knoche führt über den Hof zu einer weiteren Produktionshalle, die vor einigen Jahren hinzugekommen ist. „Wir haben eine hohe Fertigungstiefe“, sagt der 47-jährige Unternehmer. Die Stahlstangen aus der ersten Halle sind hier schon zu fertigen Bauteilen geworden. Dadurch, dass Knoche fast alles selbst macht, bleibt nicht nur viel wertvolles Know-how im Unternehmen, es ermöglicht auch eine breitere Aufstellung. In der zweiten Halle mit ihren gelben Stahlträgern stehen verschiedene Drehmaschinen. Hier fertigt Knoche Werkstücke sowohl für die eigenen Maschinen als auch für andere Unternehmen, zum Teil aus ganz anderen Branchen. „Wir müssen immer wieder auch neue Wege gehen“, sagt Knoche. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat er etwa die Arbeitsplätze in der Fertigungshalle neu gestaltet. Flexibler ist die Arbeit nun und kommunikativer, da nicht mehr jeder Platz von Bauteilen umstellt ist. Arbeitszeitkonten gibt es hier, wo vor allem im Frühjahr und Sommer sehr viel los ist, schon länger.

Draußen auf dem Hof stehen die fertigen Maschinen, Grubber und Eggen aus rot lackiertem Stahl. Vor einem Gerät bleibt Knoche etwas länger stehen, auf diese Maschine ist er besonders stolz, das merkt man. „Zünslerschreck“ hat er das Ungetüm getauft, das für ein neues Verfahren zur Bearbeitung von Maisfeldern steht. Die Bad Nenndorfer haben das System zusammen mit dem süddeutschen Unternehmen Baß Antriebstechnik entwickelt, es soll die Schäden durch den Kleinschmetterling Maiszünsler bekämpfen. Das Insekt vernichtet weltweit etwa 4 Prozent der Maisernte. Die von Knoche entwickelte Maschine zerstört mechanisch die Maisstoppeln auf den abgeernteten Feldern – und damit die Winterquartiere der Insekten. Zugleich soll dadurch die Humusbildung auf den Äckern verbessert werden. Aktuell arbeiten die Techniker bereits an der Marktreife des Nachfolgemodells.

Der Einsatz mechanischer Bodenbearbeitungsmaschinen gewinnt in der Landwirtschaft wieder an Bedeutung, seit der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln zunehmend kritisch betrachtet wird. Sollte das derzeit meistverwendete Pestizid Glyphosat tatsächlich verboten werden, wie derzeit in der EU diskutiert wird, müssen die Landwirte dem Unkraut wieder verstärkt mit klassischen Methoden zu Leibe rücken. „Mechanische Landmaschinen sind also unverzichtbar“, sagt Knoche. Mit Eggen und Grubbern im Kampf gegen Unkraut und Insekten – ein Stück ihrer Tradition hat sich die alte Waffenschmiede bewahrt.

Gerd Schild

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