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17:11 24.11.2016
Die Bohrköpfe dringen bis zu fünf Kilometer tief ins Gestein vor. Quelle: Wintershall/Christian Burkert

Sie sind wieder da. Überall im Landkreis Rotenburg an der Wümme sind übergroße X-Buchstaben zu sehen, auf Schildern, auf Plakaten oder als Holzkreuze, ähnlich wie die Andreaskreuze vor Bahnübergängen. Nur feuerrot. Sie sind das Zeichen des Protests gegen Fracking. „Wenn die Gaskonzerne tatsächlich wieder Bohrungen starten, sollten sie sich auf starke Proteste einstellen”, sagt Birgit Brennecke von der Bürgerbewegung Campact.

Und genau das haben sie vor. „An unseren Plänen, eine Frackingmaßnahme durchzuführen, hat sich nichts geändert“, sagt Jens Christian Senger, Operations Manager bei Exxon-Mobil. 2011 hatte der US-Konzern in dem kleinen Ort Bötersen nördlich von Rotenburg eine Bohrung gestartet. Das Ziel: aus mehr als Metern Tiefe Erdgas mit hydraulischem Druck nach oben zu pressen. Fracking eben. Doch fünf Jahre passierte nichts auf der Baustelle. Weil Deutschland sich erst einmal klar darüber werden musste, ob Fracking überhaupt zulässig sein soll. Die Befürworter, die vor allem die heimische Energieversorgung sichern wollen, kämpften ebenso leidenschaftlich dafür wie die Gegner, die vor allem die Umweltrisiken fürchten, dagegen.

Ein bisschen Fracking

Im Juni schließlich erließ der Bund ein neues Gesetz: Fracking bleibt erlaubt – jedenfalls ein bisschen. Das konventionelle Fracking aus tiefen Sandsteinschichten wie in Bötersen ist weiter möglich – wenn auch unter strengeren Umweltauflagen. Das sogenannte unkonventionelle Fracking, die Gewinnung etwa von Schiefergas aus grundwassernahen Schichten, wird verboten. Zu wissenschaftlichen Zwecken darf es zwar Probebohrungen geben, um die Folgen für die Natur zu erkunden – aber nur, wenn die betroffenen Bundesländer dem zustimmen. Und das werde in Niedersachsen nicht passieren, betonte bereits im Sommer ein Sprecher des Umweltministeriums.

Die neue Rechtslage ist also eine Art Fracking light. Doch wirklich zufrieden ist niemand mit dem politischen Kompromiss. Die alten Gräben brechen wieder auf.

Die deutsche Energieindustrie schwankt zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Einerseits sieht sie in der Entscheidung ein positives Signal für eine Fortsetzung der traditionellen Erdgasförderung. Andererseits kritisiert sie die Ächtung unkonventioneller Fördermethoden scharf. „Wir begrüßen das Ende des Stillstands in der politischen Debatte um die konventionelle Erdgasförderung. Mit den neuen Regelungen werden spürbare Verschärfungen geschaffen, die aber eine tragfähige Basis für die Fortsetzung der traditionellen Rohstoffgewinnung bilden können“, sagt Christoph Löwer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) in Hannover. Schiefergas sei allerdings eine wichtige Option, die mit dem Gesetzespaket praktisch aus der Hand gegeben werde. „Statt Chancen zu nutzen, werden sie verhindert“, schimpft Löwer.

„Diese Perspektivlosigkeit ist für den Industriestandort Deutschland bedauerlich“, sekundiert Stefan Mair, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Sie bremst das Innovationspotenzial der Erdgasbranche aus und verschlechtert die Versorgungssicherheit.“ habe der Selbstversorgungsgrad Deutschlands bei Erdgas noch Prozent betragen, gibt Mair zu bedenken. Heute liege er bei weniger als Prozent – und sinke weiter.

Naturschützer begrüßen die verschärften Auflagen – und geißeln gleichzeitig, dass sie nicht weitreichend genug seien. Das Gesetz ignoriere die Klimaschädlichkeit des Frackings, erlaube die Fördermethode sogar in bestimmten Naturschutzgebieten und biete Wasserschutz nur in ausgewiesenen Regionen, kritisiert die Umweltschutzorganisation BUND. Man sei enttäuscht, dass Fracking im Sandstein wieder möglich gemacht werde, sagt Aktivistin Brennecke. Gemeinsam mit anderen Frackinggegnern hat sie deshalb eine Online-Petition gestartet: „Hände weg vom Fracking-Moratorium.“ Das neue Gesetz hat rechtliche Klarheit geschaffen. Den Streit ums Fracking beendet hat es nicht.

Texas in de Heide

Niedersachsen ist hierzulande nicht nur größter Erdgasproduzent, hier wird auch das meiste Erdöl zutage gefördert. Dabei basierte alles auf einem Zufall: Dort, wo Georg Konrad Hunäus 1858 in Wietze nahe Celle in 37 Metern Tiefe bohrte, vermutete er eigentlich Braunkohle. Doch statt auf schwarze Salbe, wie der Teer auf den Feldern seit dem 17. Jahrhundert von den Bauern bezeichnet wurde, stieß er auf Erdöl, das schwarze Gold. Die Bedeutung dieses Funds ist dem deutschen Geologen damals vermutlich nicht bewusst gewesen: Mit dieser ersten erfolgreichen Ölbohrung der Welt begann in Celle vor mehr als 155 Jahren eine andere Art der Energiewende – es war der Beginn des Erdölzeitalters. seitdem gilt Celle als Klein-Texas in der Lüneburger Heide.

Vor 100 Jahren kamen vier Fünftel der deutschen Erdölproduktion aus Wietze, Bohrturm an Bohrturm reihte sich aneinander, 30 Unternehmen förderten dort. Und auch wenn die Förderung des fossilen Brennstoffes wegen Unrentabilität bereits 1963 an dieser Stelle endete, gilt Celle und seine Region heute noch als weltweites Innovationszentrum von Technologieunternehmen der Bohrtechnik. eine spannende Geschichte, die im Deutschen Erdölmuseum in Wietze auf 1800 Hektar dokumentiert wird – unter anderem mit mehrere Förderanlagen, die bis 1963 auf dem Wietzer Erdölfeld in Betrieb waren und noch heute an ihrer ursprünglichen Stelle stehen.

Mehr unter: www.erdoelmuseum.de

Alberto Alonso

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