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Wehe, wenn es rot wird
HAZ Wirtschaftszeitung

Energietransport Wehe, wenn es rot wird

Firmen und Verbraucher müssen ab 2017 schon wieder mehr für Strom bezahlen. Dabei gibt es die Energie im Überfluss. Wie kann das sein? Die Antwort findet sich unter anderem in der Schaltleitung Lehrte. Hier entscheiden Ingenieure, welches Kohlekraftwerk hochgefahren wird und wie schnell sich die Windkrafträder drehen dürfen. Das hat großen Einfluss auf den Strompreis. Ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende.

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Plötzlich Gegenwind

Rund um die Uhr werden im Kontrollraum von den Hochspannungsleitungen Daten empfangen – und überwacht.

Quelle: Schaarschmidt

Graue Betonpfeiler, weiße Kunststofffenster, die Fassade aus Waschbeton. Schulgebäude aus den 1970 er-Jahren sehen so aus. Oder Anbauten von Finanzämtern. Äußerlich weist an dem zweigeschossigen Plattenbau kaum etwas darauf hin, dass hinter diesen Mauern Entscheidungen von strategischer Bedeutung für ganz Deutschland fallen. Wären da nicht der 2 ,50 Meter hohe, mit Natodraht gesicherte Schutzzaun, die Überwachungskameras und die mannshohe Sicherheitsschleuse.

Von der Hauptstraße aus ist der zweigeschossige Komplex kaum zu sehen, eine grüne Lärmschutzwand für die nahe gelegene Bahntrasse versperrt den Blick. Der Weg zum Parkplatz führt vorbei an einer Streuobstwiese und durch eine Reihenhaussiedlung. Hochspannungsleitungen neigen sich tief über die Zufahrt und knistern im Nieselregen. Volker Weinreich wartet am Eingang. „Wir liegen hier etwas versteckt“, sagt er und lacht. „Und das ist uns auch durchaus angenehm.“ 

 Das Nervenzentrum der Energiewende

Weinreich spricht mit leichtem westfälischen Einschlag und ist seit fünf Jahren Chef dieser Einrichtung, deren offizielle Bezeichnung „Schaltleitung Lehrte“ ähnlich viel über ihre tatsächliche Bedeutung erahnen lässt wie das Gebäude selbst. Hier, am Rande des Dörfchens Ahlten südöstlich von Hannover, liegt das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet, dessen Leitungen von der dänischen bis an die österreichische Grenze reichen. Hier ist das Nervenzentrum der deutschen Energiewende. Hier wird entschieden, welches Kraftwerk wie viel Strom ins Netz einspeisen darf, welche Windräder sich drehen dürfen und welche nicht. Weinrich und sein Team sorgen dafür, dass in Deutschland auch bei bedecktem Himmel und Windstille keine Glühbirne ausgeht, kein Fließband stehen bleibt. „Durch die Energiewende ist unsere Arbeit sehr viel anspruchsvoller geworden“, sagt der gebürtige Dortmunder. „Wir müssen immer häufiger eingreifen, damit das Stromnetz stabil bleibt. Wir rücken immer näher an die Grenzen der Belastbarkeit heran.“

Die Ingenieure in Lehrte sorgen dafür, dass die Energiewende überhaupt funktioniert. Und sie sind gleichzeitig diejenigen, die sie immer teurer machen. Ihre Entscheidungen kosten Hunderte Millionen Euro im Jahr. Ob das, was an dieser zentralen Schnittstelle momentan passiert, im Sinne der Erfinder der Energiewende ist, ist mehr als fraglich.

Zwei Entwicklungen verlaufen gerade parallel, die die Kosten nach oben treiben: Zum einen ist es die steigende Ökostromumlage, zum anderen der wachsende Aufwand für Netzbetreiber wie Tennet. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet in Deutschland in hohem Tempo voran. 2015 lag die Kapazität aller installierten Wind-, Wasser-, Solar- und Biomassekraftwerke bei knapp 100 Gigawatt. Das entspricht etwa der zehnfachen Leistung aller deutschen Atomkraftwerke, die noch am Netz sind. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien annähernd verdoppelt. Das Ergebnis ist ein gigantisches Überangebot an Strom, was zu einem drastischen Preisverfall geführt hat: Seit hat er sich halbiert – allerdings nur an der Börse. Paradoxerweise wird er aber für den Verbraucher immer teurer. Denn der zahlt über die sogeannte EEGUmlage den Preis, den der Gesetzgeber den Erzeugern von Bioenergieproduzenten in der Regel über einen Zeitraum von Jahren garantiert hat. Und der ist wesentlich höher.

Je mehr Ökostrom produziert wird, desto tiefer fällt der Preis. Und desto größer wird die Differenz zur garantierten Vergütung. 2017 wird deswegen die Ökostromumlage zum wiederholten Male steigen, um 0,53 auf dann 6,88 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl Strom in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, wird müssen Kunden immer mehr bezahlen. „Das kann man den Menschen nur sehr schwer erklären“, sagt Weinreich. Er verwaltet mit seiner Mannschaft den zweiten Kostentreiber: die Stromleitungen. Besser gesagt: die fehlenden Stromleitungen. Während konventionelle Kraftwerke dort gebaut wurden, wo auch der Strom verbraucht wurde, ist heute das Gegenteil der Fall. Durch den Atomausstieg – 2020 soll das letzte deutsche AKW vom Netz gehen – fällt vor allem Erzeugungskapazität in Süddeutschland weg. Genau dort liegen jedoch wichtige industrielle Zentren, die viel Energie verbrauchen. Die wird jetzt vor allem in Norddeutschland erzeugt: Allein die Rotoren in der Nordsee können heute so viel Strom produzieren wie zwei Atomkraftwerke – natürlich nur, wenn Wind weht. Nur dass diese Strommenge vor Ort gar nicht verbraucht wird. Sie müsste per Hochspannungsleitung in den Süden transportiert werden. Doch die Planungen für die notwendigen Trassen, von denen die größte, Südlink, mitten durch die Metropolregion Hannover laufen soll, stocken seit Jahren. Die Folgen spüren die Elektronenschieber in Lehrte täglich.

Das Herz der Schaltleitung sieht aus wie ein Handelsraum an der Börse, wie man ihn aus der Tagesschau kennt: Unzählige bunte Kurven flimmern über mehr als 20 Farbmonitore, nur dass die große rote LED-Anzeige ganz oben an der Wand nicht den aktuellen Dax- Stand anzeigt, sondern die Frequenz des Stromnetzes. 50,00 Hertz steht da. Genau so soll es sein. Mindestens vier Techniker sind hier rund um die Uhr im Einsatz, um dafür zu sorgen, dass dieser Wert allenfalls in der zweiten Nachkommastelle leicht nach unten oder oben abweicht. Werden die Schwankungen zu groß, droht der GAU des Ökostromzeitalters: Instabilität des Netzes. Blackout. Zusammenbruch der Versorgung.

„Die Energiewende hat den Netzbetrieb wesentlich komplexer und aufwendiger gemacht“, sagt Weinreich. Er steht vor einem etwa drei Quadratmeter großen Monitor in der Mitte des Kontrollraums, auf dem Linien in verschiedenen Farben aufleuchten. Jede steht für ein ganzes Bündel an Hochspannungsleitungen. Ist die Linie grün oder gelb, gibt es keinen Grund zur Besorgnis.

Im Kontrollraum stehen die Zeichen auf Grün

„Es ist wie auf der Autobahn“, erklärt Weinreich. „Wenn zu viele Autos gleichzeitig auf der A 7 von Norden nach Süden wollen und sich dann auf halber Strecke die Fahrbahn verengt, kommt es zum Stau.“ Genauso sei es mit dem Stromnetz auch. „Nur dass es bei uns eben nicht zum Stau kommen darf.“ Denn das würde bedeuten, dass irgendwo das Licht ausgeht.

Wenn also ein Sturmtief über Norddeutschland fegt und die Leitungen mit Windstrom vollpustet, kann das die unterdimensionierten Leitungen zum Glühen bringen. Überlastung droht. In solchen Momenten greifen die Tennet- Ingenieure ein – und nehmen die überschüssige Energie vom Netz. Eine Anweisung aus Lehrte und die Rotoren bleiben trotz Windstärke acht stehen. „Es ist im Grunde genommen widersinnig“, sagt der Chef der Leitstelle. „Gerade die Offshore- Windparks sind ein Riesenerfolg. Und wir regeln sie immer häufiger ab, wenn sie am meisten Ertrag bringen.“

Und damit nicht genug: Nur weil es im Norden stürmt, baut BMW in München ja nicht weniger Autos. Und so kann es sein, dass irgendwo in Südoder Ostdeutschland zur selben Zeit die Leistung eines Kohlekraftwerks hochgefahren wird. Das ist nicht nur ökologischer Irrsinn, es ist auch irrsinnig teuer. Der Strom muss nämlich jetzt zweimal bezahlt werden: einmal an den Betreiber des Kohlemeilers, der die Energie tatsächlich produziert hat. Und einmal an den Betreiber des abgeschalteten Windparks. Denn Ökostrom hat laut Gesetz Vorrang. Wird er vom Netz genommen, muss der verhinderte Erzeuger entschädigt werden. „Jeder Eingriff zur Stabilisierung des Netzes kostet Geld“, sagt Weinreich. Allein 2015 musste Tennet 1400-mal eingreifen. Vor der Energiewende kam das nur ein paarmal im Jahr vor.

Und auch diese Kosten trägt – Überraschung! – der Verbraucher, und zwar über das sogenannte Netzentgelt, das Tennet und die anderen drei Hochspannungsnetzbetreiber auf den Strompreis aufschlagen. Bundesweit betrugen die Kosten für die stabilisierenden Eingriffe der Netzbetreiber im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Euro. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass dieser Betrag durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien weiter steigen wird – auf bis zu 4 Milliarden Euro. Für 2017 hat Tennet eine Erhöhung des Netzentgelts um 80 Prozent angekündigt, das entspricht einer Preissteigerung von etwa 30 Euro für einen durchschnittlichen Haushalt.

Sein halbes Berufsleben hat Weinreich in der Stromwirtschaft verbracht, immer im selben Unternehmen. Das hieß früher einmal Preußen Elektra, später Eon, heute Tennet. Er ist genervt, dass er und seine Kollegen die Buhmänner sein sollen für eine verkorkste Energiepolitik. „Anders als Gas lässt sich Strom nur sehr begrenzt speichern, deshalb müssen wir dringend in die Netze investieren“, wirbt er für den Ausbau der Hochspannungstrassen. „Das ist viel günstiger, als Jahr für Jahr Strom ungenutzt zu lassen.“

Den Vorwurf, Tennet sei für den langsamen Netzausbau verantwortlich, lässt Weinreich nicht gelten. „Wir waren nach dem damaligen Gesetz gehalten, durchgängig den Vorrang für die Freileitung umzusetzen.“ Erst als massive Proteste gegen die „Monstertrasse“ aufkamen, stoppte die Politik das Verfahren und änderte das Gesetz. Vor wenigen Wochen hat Tennet eine neue Planung vorgelegt. Nun soll Südlink als Erdkabeltrasse quer durch Deutschland führen. Das ist der Bevölkerung leichter vermittelbar, kostet allerdings das Dreifache. 2022 sollte Südlink eigentlich fertig sein, nun wird es wohl 2025 werden. Bei optimistischer Planung. Drei Jahre Verzögerung bedeuten 3 Milliarden Euro Mehrkosten. Mindestens.

Es ist ruhig im Kontrollraum. Die blaue Kurve, die die aktuelle Leistung der Offshore-Windparks anzeigt, dümpelt an diesem Oktobermorgen nahe der Nulllinie. Flaute über der Nordsee. Noch vor wenigen Stunden war deutlich mehr zu tun, da fluteten schlagartig rund Megawatt ins Netz. „Haben wir ohne Eingriff in die Offshore-Windparks hingekriegt“, freut sich Weinreich. Wird es jemals wieder so werden wie früher, als das Netz sich quasi von selbst regulierte und er nur eingreifen musste, wenn mal irgendwo ein Kraftwerk störungsbedingt vom Netz genommen werden musste? „Bevor ich in den Ruhestand gehe, vermutlich nicht“, sagt Weinreich. Er ist 54 Jahre alt.

Umstrittene Stromautobahn

Mehr als 600 Kilometer misst Deutschlands längste und umstrittenste Stromautobahn. Ausgehend von Wilster in Holstein soll die Hochspannungsleitung Südlink norddeutschen Windstrom bis nach Grafenrheinfeld in Bayern transportieren – und quer durch Niedersachsen verlaufen. Als der Netzbetreiber Tennet im September 2014 seine Trassenplanung vorlegte, ging ein Aufschrei durch die betroffenen Gemeinden. Niemand wollte die gigantischen Strommasten vor der Haustür haben. Auf den öffentlichen Druck hin lenkte die Politik ein und versprach, das Kernprojekt der Energiewende unter die Erde zu verlegen. Das jedoch verdreifacht die Baukosten: Tennet-Chef Lex Hartman geht von 10 Milliarden Euro aus, die Überlandleitung war mit rund 3 Milliarden Euro veranschlagt worden. Die Fertigstellung wird sich durch die Umplanung um mindestens drei Jahre bis 2025 verzögern. Vor wenigen Wochen hat Tennet verschiedene Varianten für die Erdkabeltrasse vorgeschlagen, über die nun die Bundesnetzagentur befinden muss.

Claus Gorgs

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