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Dossier Energie Direkte Leitung zum Kunden

Die niedersächsischen Stadtwerke können Gewinner der Energiewende werden. Dafür müssen
 aus Erzeugern und Transporteuren Komplettdienstleister werden. Der Weg führt über hohe Hürden.

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Strom abwärts

„Die Entwicklungen sind rasant“: Michael Bosse-
Arbogast im modernen Holzheizkraftwerk der Energieversorung Hildesheim.

Quelle: Küstner

Sie galten als Auslaufmodell. Als um die Jahrtausendwende der Energiemarkt liberalisiert wurde, dauerte es nicht lange, bis Kommunen reihum im gesamten Land den Verkauf ihrer Stadtwerke durchspielten. Hannover entschied sich knapp dagegen, in Braunschweig verkaufte man die Mehrheit an den Veolia-Konzern, in Göttingen behielt man die denkbar knappste Mehrheit: 50,1 Prozent. Dann erlebten sie eine Renaissance: Privatinvestoren in öffentlicher Infrastruktur wurden immer lauter kritisiert, der Wandel der Energiebranche zu regenerativen Quellen und kleineren Anlagen begann. Was lag da näher als die regional verwurzelten Stadtwerke mit ihrer dezentralen Stromerzeugung? „Rekommunalisierung“ war das Wort der Stunde.

Und jetzt suchen sie ihre Zukunft. Denn die Umwälzung der Energiewende macht vor den kommunalen Versorgern genauso wenig halt wie die Digitalisierung. „Die Entwicklungen in der Energiebranche sind rasant“, sagt Michael Bosse-Arbogast, kaufmännischer Geschäftsführer der EVI Energieversorgung Hildesheim. Dabei fehlten der Branche aber oft Planungsgrundlagen: „Wir brauchen dringend eine klare und nachhaltig wirkende Energiepolitik – da hat Berlin aus meiner Sicht noch Luft nach oben.“ Seine Kollegin Susanna Zapreva von Enercity, den hannoverschen Stadtwerken, verweist auf neue Konkurrenten, die den klassischen Versorgern den Kundenkontakt streitig machen: „Wir stehen nicht mehr nur in Konkurrenz mit anderen Energiedienstleistern, sondern auch mit Amazon, Google, Tesla oder gmx.“ Darauf müssten sich die Stadtwerke beim Service einstellen und „bei den Erlebniswelten, die wir unseren Kunden bieten müssen“.

Die Energiemanager kämpfen an vielen Fronten. Der Verfall der Großhandelspreise hat ihre Kohle- und Gaskraftwerke entwertet, bei Sonnen- und Windenergie füllen Kleinsterzeuger wie Hausbesitzer und Landwirte das Netz, der Stromhandel bringt kein Geld mehr, und im Vertrieb ist dank Internet die ferne Konkurrenz plötzlich ganz nah. Dennoch trage das Geschäftsmodell, heißt es beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU) in Niedersachsen. Es habe im vergangenen Jahr trotz der schwierigen Lage „einige sehr, sehr gute Ergebnisse“ gegeben. Allerdings falle es denen leichter, die nicht in konventionelle Kraftwerke investiert haben, heißt es beim VKU in Niedersachsen: „Das sind die Verlustbringer schlechthin.“

Bei Enercity kann man ein Lied davon singen. Der Kohlemeiler in Mehrum soll 2025 vom Netz gehen – mit entsprechenden Abschreibungen in der Bilanz. Gleichzeitig hat noch Zaprevas Vorgänger Michael Feist Investitionen von mehreren Hundert Millionen Euro vor allem in die Windkraft angekündigt, die seit 2012 ausgebaut wird
Die Energieerzeugung wird kleinteiliger. In Hildesheim präsentiert Bosse-Arbogast stolz ein modernes Holzheizkraftwerk, das erst vor fünf Jahren in Betrieb ging. Auch Enercity will kundennahe Anlagen ausbauen. Wasserkraft- und Photovoltaikanlagen, dezentrale Biogas-Blockheizkraftwerke und Solarenergie-Speicher-Kombinationen – die Varianten dezentraler Energieerzeugung sind nahezu unerschöpflich.

Da schließt sich der Kreis zur Digitalisierung. Susanna Zapreva sieht eine völlig neue Energiewelt entstehen. Bei Enercity kann man inzwischen mit der virtuellen Internetwährung Bitcoin bezahlen. Das sei ein erster Schritt zu etwas viel Größerem, glaubt die Managerin: Dank neuer Technologien würden direkte Transaktionen zwischen kleinen „Selbsterzeugern“ und deren direktem Umfeld möglich. Wer den Strom aus der eigenen Solaranlage oder dem Speicher gerade nicht braucht, stellt ihn Freunden oder Nachbarn zur Verfügung – abgerechnet wird direkt und digital. Das ist gleichermaßen Chance und Sorge der Unternehmen: Die Systeme für solche Tauschgeschäfte vorbei an den Versorgern könnten auch Internetkonzerne bereitstellen.

Die einst behördenartigen Unternehmen sind aufgewacht. „Die EVI hat sich zu einem regionalen Dienstleistungsunternehmen entwickelt“, sagt Bosse-Arbogast. Gerd Rappenecker, Technischer Vorstand der Stadtwerke Göttingen, will sein Unternehmen vom stillen Lieferanten zur Marke machen: „Wenn beim Grillen unter Nachbarn über die Idee eines Stromspeichers im Eigenheim gefachsimpelt wird, sollte die erste Frage sein: Hast du schon mit den Stadtwerken gesprochen?“ Wenn Energie ein komplizierteres Thema wird, müssen es die Stadtwerke für die Kunden wieder einfach machen. Ganz gleich, ob es um Strom- oder Gaslieferung gehe, um Photovoltaikanlagen, Stromspeicher, Blockheizkraftwerke oder jede andere maßgeschneiderte Lösung. So hat man 2012 in Göttingen beschlossen, in den wettbewerbsintensiven Stromvertrieb einzusteigen: Es war die Geburtsstunde des GöStroms, der heute an 21 000 Kunden geliefert wird. Rund um die reine Lieferung werden immer mehr Dienstleistungspakete geschnürt. So gibt es inzwischen HannoverEnergie, mit dem die Kunden Effizienz- und Klimaprojekte unterstützen. Zunehmend werden auch für Privathaushalte Mietkaufmodelle (Contracting) angeboten.

Stadtwerke können mit einem Pfund wuchern. Davon ist man beim VKU überzeugt: „Sie haben das Vertrauen.“ Und das wird wichtiger, je unübersichtlicher die Energiewelt wird. Deshalb fördert der Verband zwar Kooperation der Unternehmen, wo sie Kosten senkt, aber „wo wir den Kunden gegenübertreten, müssen wir authentisch sein“. Michael Bosse-Arbogast spricht vom „Mehrwert durch regionale Nähe“ und verweist auf Arbeitsplätze, Steuerzahlung und Sponsoring. Gerade in der Digitalisierung sei Nähe die Chance, glaubt auch Susanna Zapreva. „Die Menschen haben das Bedürfnis nach Beständigkeit in ihrem unmittelbaren Lebensraum“, sagt sie: „Gerade da sind wir als Stadtwerke stark.“

Von Stefan Winter

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