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Nachhaltigkeit "Eine Frage der Haltung"

Von diesem Jahr an müssen alle größeren Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte erstellen. Doch bei vielen herrscht immer noch Unsicherheit.

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Herr Dahle, die neue Berichtspflicht bedeutet für viele Firmen zusätzlichen Aufwand und höhere Kosten. Ist sie ein Beleg für die immer weiter ausufernde Bürokratie – oder haben die Unternehmen auch etwas davon?

Einen Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben, ist sehr sinnvoll. Nachhaltigkeit ist eine Geschäftsphilosophie. Es ist ein Wirtschaftsansatz. Die Unternehmen haben mit dem Bericht die Chance, etwas für ihre Reputation zu tun. Auch ihren Kunden gegenüber ist es ein zusätzliches Argument, wenn Sie zeigen, dass Sie Sozialstandards haben, ohne Kinderarbeit und umweltbewusst produzieren, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und letztlich rechnet sich nachhaltiges Wirtschaften auch einfach. Die Unternehmen können dadurch etwa enorme Energiekosten einsparen.

Aber umweltbewusst zu produzieren, ist in der Regel doch teurer, als einfach die günstigsten Rohstoffe einzukaufen.

Dem stehen aber klar die positiven Effekte gegenüber. Nachhaltigkeit ist grundsätzlich eine Haltungsfrage im Unternehmen. Wie will ich wirtschaften? Inwieweit sehe ich mich auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung? Das wird glücklicherweise ein immer wichtigerer Aspekt. Nicht zuletzt auch, weil wir Fachkräftemangel haben. Der Kampf um Talente wird immer schwieriger. Junge Mitarbeiter aber schauen stark darauf, was das für ein Unternehmen ist, bei dem sie anfangen. Die Unternehmen machen sich selbst als Arbeitgeber attraktiver, wenn sie soziale und ökologische Verantwortung übernehmen.

Die Investoren am Kapitalmarkt schauen aber vor allem auf die harten Fakten.

Auch an den Finanzmärkten ist Nachhaltigkeit ein Thema, das sich stark entwickelt. Unternehmen, die sich am Kapitalmarkt refinanzieren, müssen sich darum kümmern. Für Banken gehört Nachhaltigkeit heute zur Risikobewertung klar dazu. Wer da nichts vorweisen kann, muss mit Abschlägen rechnen. Aber für das Risikomanagement ist Nachhaltigkeit ohnehin bedeutend. Wenn ich zum Beispiel in Bangladesch billig produzieren lasse, ohne mich um die Arbeitsbedingungen in der Fabrik zu kümmern, fällt es auf mein Unternehmen zurück, wenn dort etwas passiert. Und nur wer sich um Umweltstandards kümmert, ist auf neue Gesetze über Emissionsgrenzwerte oder Ähnliches vorbereitet. Unternehmen müssen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Daran führt kein Weg vorbei.

Bisher waren Nachhaltigkeitsberichte freiwillig, jetzt macht eine EU-Richtlinie sie zur Pflicht. War das nötig?

Bisher haben vor allem größere, überwiegend kapitalmarktorientierte Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte verfasst. Für die ist es heute bereits Standard, weil deren Stakeholder und der Kapitalmarkt dies vermehrt einfordern. Die EU will Nachhaltigkeit aber darüber hinaus ausdrücklich fördern. Deshalb wurde die bisherige Freiwilligkeit in eine Pflicht überführt, die viele Unternehmen betrifft. Dadurch soll europaweit mehr Transparenz über das Engagement der Unternehmen in diesem Bereich entstehen.

Welche Unternehmen sind denn nun genau von der neuen Pflicht betroffen?

Sie betrifft Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten, die zugleich im öffentlichen Interesse stehen. Gemäß der EU besteht öffentliches Interesse, wenn zwei der folgenden drei Kriterien gültig sind: eine Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen Euro, Umsatzerlöse von mehr als 40 Millionen Euro sowie die Beschäftigung von mindestens 250 Mitarbeitern im Jahresdurchschnitt. Im Fokus stehen vor allem die Finanzwirtschaft sowie kapitalmarktorientierte Unternehmen. Die sind im Gesetz auch direkt angesprochen.

Warum gerade die?

Weil die schon allein durch ihre Marktwirkung sehr bedeutsam sind. Sie sind häufig international aktiv, und insbesondere die Investoren dieser Firmen sind an einer umfassenden nichtfinanziellen Berichterstattung interessiert. Nachhaltigkeit spielt da eine immer größere Rolle. Es wird immer wichtiger, nicht nur die Börsenkurse und Quartalszahlen zu prüfen, sondern das Unternehmen aus ganzheitlicher Sicht zu bewerten.

Was ändert sich für die Unternehmen, die in der Vergangenheit schon freiwillig Nachhaltigkeitsberichte verfasst haben?

Inhaltlich ändert sich für sie nichts. Sie müssen jetzt nur entweder ihren Lagebericht um die nichtfinanziellen Aspekte erweitern oder darin auf einen gesonderten Nachhaltigkeitsbericht verweisen. So werden es wohl die meisten machen.

Wer bisher noch keinen Nachhaltigkeitsbericht verfasst hat, hat jetzt eine Menge Arbeit vor sich, oder?

Was die Berichterstattung angeht – ja. Es gibt aber fast kein Unternehmen, das in Sachen Nachhaltigkeit noch gar nichts getan hat. Unsere Erfahrung ist, dass auch bei Mittelständlern Nachhaltigkeit schon lange eine große Rolle spielt. Vor allem, wenn die Firmen inhabergeführt oder in ihrer Region gut verankert sind. Die nennen das bloß nicht so. Die sprechen zum Beispiel von „Verantwortung aus Tradition.“ Die kümmern sich aber um ihre Mitarbeiter oder arbeiten vor allem mit regionalen Zulieferern zusammen. Das alles ist auch nachhaltig.

Im Bericht müssen sie das Thema aber erstmals strukturiert angehen. Welche Angaben sind Pflicht?

Der Bericht muss Aussagen zu den Themen Umwelt, Arbeitnehmer- und Sozialbelange, Diversity, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung enthalten. Die Unternehmen müssen sich fragen: Inwieweit sind diese Themen relevant für unser Geschäftsmodell? Wie engagieren wir uns da? Haben wir schon Managementprozesse, Leitlinien, Kennzahlen?

Gibt es formelle Vorgaben oder Leitlinien, an denen sie sich orientieren können?

Nein, es gibt keine verpflichtenden Standards. Viele Unternehmen orientieren sich an den Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI). Die sind international anerkannt, von daher vor allem für große und international agierende Unternehmen relevant. Dort gibt es ein Raster mit 150 Standardangaben und Indikatoren, die abgearbeitet werden können. Weit weniger komplex ist der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK). Darin sind 20 Kriterien vorgegeben. Statt eines eigenständigen Berichts kann man auch eine DNK-Entsprechungserklärung abgeben. Dafür füllen Sie ein vorstrukturiertes Dokument aus und reichen es beim DNK ein. Darauf können Sie dann in Ihrem Lagebericht verweisen.

Welchen Unternehmen empfehlen Sie das?

Denen, die noch ganz am Anfang stehen, die noch nie einen Bericht vorgelegt haben. Für sie ist es ein guter Einstieg. Der Aufwand ist überschaubar. Und das Gute ist, dass die Kriterien vorgegeben sind. Die Unternehmen erfahren dadurch, worauf es ankommt und wie sie nachhaltig wirtschaften können. Sie müssen die Kriterien natürlich nicht von vornherein alle erfüllen. Aber sie beschäftigen sich damit, darauf kommt es an. Sie müssen sich – vielleicht erstmals – konkret fragen: In welchen Bereichen tangieren wir das Thema Nachhaltigkeit überhaupt? Haben wir entsprechende Ziele, wo wollen wir besser werden? Bei einem Produktionsbetrieb sind die Bedingungen natürlich ganz anders als zum Beispiel bei einer Bank oder Versicherung.

Interview: Elke Spanner

Erste Hilfe zum Nachhaltigkeitsbericht

Unternehmen, die erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, finden im Internet umfangreiche Informationen. So bieten etwa der Deutsche Nachhaltigkeitskodex DNK (www.deutscher-nachhaltigkeitskodex.de) oder die Global Reporting Initiative GRI (www.globalreporting.org) detaillierte Kriterien und Leitfäden an. Wer einen persönlichen Ansprechpartner bevorzugt, kann sich an die Industrie- und Handelskammer wenden. „Wir geben eine erste Orientierung und vermitteln bei Bedarf geeignete Spezialisten und Berater“, sagt Alexander Witthohn, CSR-Experte der IHK Hannover.

Um der gesetzlichen Pflicht Genüge zu tun, ist es ausreichend, eine sogenannte DNK-Entsprechenserklärung abzugeben. Darin werden 20 Nachhaltigkeitskriterien und Leistungsmerkmale abgefragt, die anschließend online für jedermann einsehbar sind. Zum Aufbau eines Nachhaltigkeitsmanagements und -berichtswesens ist dies ein sinnvoller erster Schritt.

Langfristig sollte aber jedes Unternehmen einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, raten Experten. Das ist zwar aufwendiger, macht aber mehr her. „Ein CSR-Bericht ist ein erstklassiges Kommunikationsinstrument, sowohl nach außen für Kunden und Investoren als auch nach innen für die eigenen Mitarbeiter“, sagt Imug-Geschäftsführer Stefan Dahle. Inhaltlich gelten dieselben Anforderungen – mit der DNK-Erklärung sei daher die notwendige Datengrundlage bereits gelegt.

Der Nachhaltigkeitsbericht unterliegt keinen Formvorschriften, daher können Unternehmen die eigenen Stärken herausarbeiten. So führt die Sparkasse Hannover die Fahrradstellplätze in der hauseigenen Tiefgarage auf, der VfL Wolfsburg nennt sein regelmäßiges Fan-Forum als Beleg für einen nachhaltigen Dialog mit den Stakeholdern.

Vorausgehen sollte dem Bericht eine Wesentlichkeitsanalyse. Welche Nachhaltigkeitskriterien sind für unser Unternehmen entscheidend? Wie lautet unsere Strategie? Wo noch keine Erfolge zu vermelden sind, reicht es, Ziele zu definieren. Die Sparkasse Hannover macht das mit drei Fragen: Was wollen wir vermeiden? Was wollen wir besser machen? Was wollen wir deutlich fördern?

Wichtig ist zudem, die personelle Zuständigkeit für das Nachhaltigkeitsmanagement klar zu definieren und den Verantwortlichen Zugang zu allen notwendigen Daten zu gewähren. Sind die Prozesse einmal etabliert, lassen die Erfolge rasch belegen. So hat Nordzucker seine Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit im CSR-Bericht dokumentiert: von 1994 bis heute.

Hier gibt es einen Leitfaden:

Wie finden Unternehmen die richtigen Themen für einen Nachhaltigkeitsbericht?

Welche Abteilung sollte sich darum kümmern und wer sind die Adressaten?

Antworten auf diese und andere Fragen liefert ein Leitfaden zum kostenlosen Download, erstellt von der Beratungsgesellschaft Imug und der MADSACK Medienagentur. Der Ratgeber für Kommunikationsprofis erklärt in zehn Punkten die wichtigsten Arbeitsschritte zur Erstellung eines CSR-Report s , enthält Tipps und zahlreiche Beispiele aus gelungenen Nachhaltigkeitsberichten:

http://www.madsack-agentur.de/nachhaltigkeitsbericht-leitfaden/

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