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„Ohne klare Ziele wird das nichts“
HAZ Wirtschaftszeitung

Stadtwerke-Chef „Ohne klare Ziele wird das nichts“

Hannovers Stadtwerke-Chef Michael Feist spricht im Interview über die Renaissance von kommunalen Versorgern, das gute Gefühl der Wähler und seltsame Dogmen.

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Der scheidende Stadtwerke-Chef Michael Feist.

Hannover.  Ihre Zeit als Stadtwerke-Chef nähert sich dem Ende – was haben Sie damals beim Start eigentlich als größte Herausforderung gesehen, Herr Feist?

Die wichtigste Frage war schon vor meinem Amtsantritt 2004 zu klären: Sollen die Stadtwerke unternehmerisch geführt oder politisch gelenkt werden? Ich konnte und wollte ein Unternehmen nach unternehmerischen und wirtschaftlichen Kriterien führen – und das ist dann ja auch gelungen. An die Vereinbarung, Politik und Unternehmen sauber zu trennen, haben sich auch unsere städtischen Anteilseigner konsequent gehalten.

Dafür hat die große Politik ihre Geschäfte umso mehr beeinflusst – infolge der Energiewende schreiben ihre Kraftwerke hohe Verluste. Wie lange lässt sich das durchhalten?

In der Tat verdienen wir mit der Stromerzeugung kein Geld mehr. In unseren Kraftwerken in Stöcken und Linden fällt das nicht ganz so ins Gewicht, weil wir das Defizit hier dank der Wärmeproduktion ausgleichen können. Aber den Standort Mehrum schreiben wir bis 2020 bilanziell komplett ab. Wenn sich die Großhandelspreise bis Ende dieser Dekade nicht erholen, müssen wir dieses Kohlekraftwerk wahrscheinlich stilllegen.

Die Versorger betonen immer wieder, dass konventionelle Kraftwerke weiterhin gebraucht werden. Gleichzeitig sinken die Preise weiter. Wie passt das zusammen?

Ich bin nicht sicher, ob die letzte Messe für Kraftwerke wie Mehrum schon gelesen ist. Wenn 2022 die letzten Atommeiler vom Netz gehen, werden die Strompreise voraussichtlich steigen. Denn blieben sie so niedrig, könnten die Betreiber ihre Brennstoffkosten nicht mehr decken – und würden die Anlagen vom Netz nehmen. Da Windkraft-, Solar- und Biomasseanlagen die entstehende Lücke aber nicht verlässlich füllen können, brauchen wir konventionelle Kraftwerke als Back- up. Dafür müssen die Preise früher oder später wieder anziehen.

Wenn Sie nach Ihrem letzten Arbeitstag bei Enercity die Energiewende unternehmerisch zum Erfolg führen dürften – wo würden Sie ansetzen?

Die Voraussetzung dafür wäre, erst einmal Klarheit bei den Zielen zu schaffen: Ist es wichtiger, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken oder die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien zu erreichen? Wenn man – mit guten Gründen – als oberste Priorität den Ausstoß von CO2 wie geplant reduzieren will, gibt es schnellere und billigere Wege als die heutige teure Subventionierung von Ökostrom.

Die Betreiber von Windkraft-, Solar- und Biomassekraftwerken würden aber ungern auf Milliarden verzichten, die ihnen jedes Jahr zufließen ...

Natürlich wäre es politisch schwierig, da ranzugehen: Es gibt inzwischen 1,5  Millionen Betreiber solcher Anlagen – das sind schließlich Wähler. Und es ist immer schön, moralisch und mit Blick auf das eigene Vermögen auf der richtigen Seite zu stehen. Aber die Frage zielte ja auf eine unternehmerische Lösung. Und da ergibt ein dogmatischer Ansatz generell gegen alle fossilen Kraftwerke eben keinen Sinn. Viel sinnvoller wäre es, zunächst die ältesten und dreckigsten Kohlemeiler abzuschalten und stattdessen moderne und effiziente Gaskraftwerke hochzufahren.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit galten Stadtwerke als Auslaufmodell. Später war von einer „Renaissance“ die Rede – wie sehen Sie die Zukunft der Stadtwerke heute?

In Hannover ist die Entscheidung gegen einen weiteren Verkauf von Unternehmensanteilen seinerzeit sehr knapp ausgefallen – inzwischen räumen auch die damaligen Befürworter ein, dass es der richtige Weg war. Die Stimmung hat sich allgemein gedreht, als Eon seine Stadtwerke-Holding Thüga im Jahr 2009 an eine Gruppe von kommunalen Versorgern verkauft hat, zu der auch wir gehören. Das war ein Fanal in den Markt – heute stehen praktisch keine Stadtwerke mehr zum Verkauf.

In der Wirtschaft hören die meisten Chefs mit Anfang 60 auf, Sie haben Ihren Vertrag noch einmal verlängert und gehen Ende März erst mit fast 67 Jahren in Rente. Wie gehen Sie mit einem leeren Terminkalender um?

Ich freue mich auf den Ruhestand, es ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für mich. Um Abstand zu gewinnen, gehen wir direkt nach der Verabschiedung erst einmal sechs Wochen auf Reisen. Unser Lebensmittelpunkt wird in Hannover bleiben, und es kommt noch ein zweiter Wohnsitz in Bayern hinzu. Muße bedeutet frei zu sein von öffentlichen Geschäften – diese Muße werde ich pflegen.

Interview: Jens Heitmann

Die Stadtwerke

Enercity – positive Energie ist seit 2000 die Dachmarke der Stadtwerke Hannover AG. Mit rund 2500 Mitarbeitern macht das Unternehmen rund 2,4  Milliarden Euro Umsatz. Eigentümer sind zu 75,09 Prozent die städtische Holding VVG, zu 0,91 Prozent die Region Hannover und zu 24 Prozent die Thüga, an der die Stadtwerke selbst wiederum beteiligt sind. Wegen des Überangebots an Ökostrom bringen die drei Gas- und Kohlekraftwerke allerdings keinen Gewinn mehr, und so schrumpften die Gewinnausschüttungen über die Jahre auf zuletzt 89 Millionen Euro im Jahr 2014. Mit einem Unternehmenskonzept unter dem Titel „K2025“ stellt sich das Unternehmen auf den veränderten Energiemarkt ein. Dazu gehören der – sozialverträgliche – Abbau jeder achten Stelle und Investitionen in eine Verfünffachung der Windkraft-Kapazität.

 

Der Stadtwerke-Chef

Michael Feist hatte schon einiges von der Energiewirtschaft gesehen, als er 2004 die Führung der hannoverschen Stadtwerke übernahm. 1949 in Goslar geboren, studierte er Verfahrenstechnik in Hannover und begann 1977 seine Laufbahn im ExxonMobil-Konzern. Von der strategischen Planung eines Raffineriesystems über das Marketing im Tankstellengeschäft bis zur Vermarktung von Gasvorkommen im Mittleren Osten reichen die Stationen – inklusive Abstechern in die USA und nach Großbritannien. 2001 wurde Feist Deutschland-Chef des niederländischen Energieversorgers Essent. Jetzt geht er nach zwölf Jahren an der Enercity-Spitze in den Ruhestand.

 

Die Nachfolgerin

Susanna Zapreva ist Anfang März zur Stadtwerke Hannover AG gekommen und wird am 1. April den Vorstandsvorsitz übernehmen. Zwei Frauen und drei Männer hatte die Findungskommission am Ende ihrer Suche für die Feist-Nachfolge auf dem Zettel und entschied sich für die Wienerin. Man fand damit nicht nur die erhoffte weibliche Besetzung, auch die bisherige Laufbahn passt: Die 42-Jährige hat in Wien Elektrotechnik studiert, dann promoviert und später noch ein Zweitstudium in Betriebswirtschaftslehre angehängt. Ihren Einstieg in die Energiebranche fand sie als Beraterin. In den vergangenen zwölf Jahren ist die verheiratete Mutter eines Sohnes bei Wien-Energie über verschiedene Stationen bis in die Geschäftsführung aufgestiegen und dort für die Erzeugung und den Energiehandel zuständig.

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