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HAZ Wirtschaftszeitung

IHK Niedersachsen Neuer Anlauf für die Kammern

Nach elf Jahren Zerstrittenheit haben sich die sieben Industrie- und Handelskammern im Land in der neuen IHK Niedersachsen zusammengefunden.

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Schaarschmidt

Quelle: Tim Schaarschmidt

Die Tradition wackelt. In Hamburg hat eine rebellische Opposition die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer im Sturm erobert. „Eine aktive Opposition gab es in Hamburg bereits seit Längerem“, sagt Christian Hinsch, Präsident der IHK Niedersachsen. „Dennoch ist dieser Wahlausgang überraschend.“ Die Wahlbeteiligung lag – wenn auch unter 20 Prozent – doppelt so hoch wie sonst. Die meisten prominenten Vertreter der Hamburger Wirtschaft sind aus dem Plenum geflogen, 55 von 58 gewählten Unternehmensvertretern stellen dort jetzt das Bündnis „Die Kammer sind WIR“. Wichtigster Punkt: Die Abschaffung der Pflichtbeiträge.

Auch für die niedersächsischen Kammern ist das ein Warnschuss. „Wir werden uns sachlich und unvoreingenommen mit der Kritik auseinandersetzen“, verspricht Hinsch: „Auch wenn einiges davon auf uns in Niedersachsen so gar nicht zutreffen mag.“ An der Pflichtmitgliedschaft will er nicht rütteln, die sei ohnehin gesetzlich festgeschrieben – samt der Aufgaben im Interesse der Mitglieder. Den Beitrag will man in Hamburg nun per Versammlungsbeschluss auf Null setzen und sich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren. Hinsch plädiert dafür, die Beiträge leistungsorientierter zu gestalten. „Eine Konsequenz könnte sein, künftig optionale Dienstleistungen stärker über Gebühren zu finanzieren und die Pflichtbeiträge nur für Pflichtaufgaben zu verwenden“, sagt er. Die IHK Hannover, deren Präsident Hinsch ebenfalls ist, praktiziere das seit Jahren „und hat die niedrigsten Beiträge in ganz Deutschland“.

Gemeinsam wollen die Kammern schlagkräftiger werden. Zum Jahreswechsel haben die sieben niedersächsischen Industrie- und Handelskammern einen gemeinsamen Verband gegründet, die IHK Niedersachsen mit Hinsch als erstem Präsidenten. Gemeinsam wollen sie sich mehr Gehör verschaffen und Kompetenzen teilen. Es ist ein neuer Anlauf nach elfjähriger Zerstrittenheit: Ein Zwist 2005 hatte dazu geführt, dass die Kammern Hannover und Braunschweig auf der einen und Lüneburg-Wolfsburg, Stade, Ostfriesland, Oldenburg sowie Osnabrück auf der anderen Seite fortan getrennt auftraten – zum Leidwesen aller Ansprechpartner auf Landesebene. Der Weg zur „Wiedervereinigung“ war mühsam, am Ende soll ein Abendessen mit Wirtschaftsminister Olaf Lies geholfen haben. „Alle haben sich bewegt und etwas beigetragen“, sagt Hinsch diplomatisch.

Interview mit Christian Hinsch

"Zusammen treten wir kräftiger auf"

Nach elf Jahren gibt es wieder eine gemeinsame Vertretung der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern. Warum war die Gründung der IHK Niedersachsen eigentlich eine so schwere Geburt, Herr Hinsch?

Sie können sich denken, dass die Frage nicht zum ersten Mal gestellt wird. Da gibt es verschiedene Sichten. Wir haben insgesamt sehr heterogene Verhältnisse in Niedersachsen – ländlich und industriell geprägte Räume, dicht und dünn besiedelt, große und kleine Kammerbezirke. Man sieht ja, dass auch in der Landesregierung Interessen genau austariert werden. Aber der Rückblick ist eigentlich müßig, wir sollten lieber die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede sehen.

Man sagt, ein Abendessen mit Wirtschaftsminister Olaf Lies habe maßgeblich geholfen.

Der Wirtschaftsminister war in der Schlussphase auch beteiligt, aber alle haben sich bewegt und etwas beigetragen. Die Kammern wieder mit einer Stimme sprechen zu lassen, war ein Schlüsselthema bei meinem Start als Präsident der IHK Hannover vor einem Jahr. Ich habe mich in anderen Bundesländern umgehört: Zwei Kammerverbände gab es sonst nirgendwo, die hatten sich alle schon zusammengerauft. Aber die Interessen und vor allem die Größenverhältnisse der Kammern in Niedersachsen auszutarieren, ist eben nicht ganz einfach. Das ist uns gelungen, und jetzt sollten wir die Nabelschau hinter uns lassen. Wir werden schließlich gewählt, damit wir unsere Aufgaben erledigen.

Also gut: Welche Aufgaben hat die IHKN?

Die Kammern sollen Verwaltung und Politik branchenunabhängig beraten – das ist im Gesetz so festgelegt. Und natürlich ist das gegenüber der Landespolitik leichter in einem Landesverband. Weil die Kammern unterschiedliche Schwerpunkte haben, können wir außerdem intern Synergien nutzen, wir müssen nicht mehr alles siebenmal machen. Zum Beispiel wird sich Hannover nicht so sehr um die Hafenwirtschaft kümmern. Da haben die Kollegen in Oldenburg mehr Know-how gesammelt. Insgesamt werden wir die Stimme der Wirtschaft hörbarer machen. Die sieben Kammern vertreten insgesamt 460.000 Mitglieder in Niedersachsen. Zusammen können wir kräftiger auftreten.

Was sind denn im Moment die großen Themen der Wirtschaft in Niedersachsen?

Einen Spitzenplatz belegt in Niedersachsen nach wie vor der Fachkräftemangel. Die Kammern leisten einen wichtigen Beitrag in der dualen Ausbildung. Delegation um Delegation kommt, um sich das anzuschauen. Aber in Deutschland wird sie unter Wert gehandelt. Das macht mir Sorgen. Wir müssen uns vor allem über zwei Dinge Gedanken machen: Sind die Schulabgänger ausreichend qualifiziert? Und warum wird aus Prestigegründen ein Studium bevorzugt? Das ist nämlich schlicht falsch: Eine gute duale Ausbildung bietet wesentlich bessere Startchancen als ein mittelmäßiges Studium.

So ähnlich sagt das Stephan Weil auch.

Die Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten klappt gut. Wir sind da in der gleichen Richtung unterwegs. Mit Blick auf die Schulen ist für die Unternehmen vor allem wichtig, dass sich die Grundqualifikationen verbessern. Die Betriebe haben oft ähnliche Erfahrungen mit Bewerbern: Lesen und Rechnen schwach, aber Präsentation gut.

Ein Dauerthema ist der Bürokratieabbau. Die Wirtschaft fordert ihn regelmäßig, die Politik verspricht ihn, aber es passiert nichts, oder?

Wissen Sie, mein Großvater war Kammerpräsident in Bremen. In seiner Antrittsrede hat er 1921 wortwörtlich gesagt: „Oberste Aufgabe muss sein, die verderbliche Bürokratisierung zu beseitigen.“ Wir bohren also ein ganz dickes Brett. Es ist ja nicht so, dass die Regeln alle sinnlos wären, aber jede erzeugt eben zusätzlichen Aufwand, der gerade kleinere Unternehmen irgendwann überfordert. In Summe ist hier nichts besser geworden – wahrscheinlich, weil die Politik mit diesem Thema keine schnellen Erfolge erzielen kann.

In Ihren Umfragen nennen die Unternehmen als größtes Problem die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“. Wie erklärt sich das, wenn die Daten doch relativ gut sind?

Unternehmer investieren nicht in abgerechnete Geschäfte, sondern in künftig erwartete Geschäftschancen. Genau darin spüren wir in den Unternehmen eine große Unsicherheit. Zwar hat der Brexit noch nicht einmal begonnen, und Handelshemmnisse Richtung USA gibt es auch noch nicht – aber wenn man 60 oder 70 Prozent Exportanteil hat, muss man sich schon Sorgen machen. Die Leute haben schließlich alle Lehman hinter sich und wissen, wie das ist, wenn plötzlich alles wegbricht. Und Deutschland ist mit seiner bedeutenden Exportwirtschaft verwundbarer als alle anderen.

Selbst in Wirtschaftskreisen wird inzwischen mehr über Schattenseiten der Globalisierung diskutiert. Glauben Sie, dass sich der Trend der Internationalisierung gerade umkehrt?

Das wäre, als wollten wir die Digitalisierung zurückdrehen – sie ist einfach da, das ist kein Trend, den sich irgendjemand ausgedacht hat oder drehen könnte. Wir müssen aber die Nebenwirkungen managen, und da ist Deutschland ja ganz erfahren. Was die Unternehmen angeht: Ich glaube, dass sie sich flexibler auf neue Gegebenheiten einstellen können als die Politik. Notfalls konzentriert man sich dann auf einen anderen Markt, aber ganz ohne internationales Geschäft geht es für die meisten Unternehmen jedenfalls in der Industrie nicht mehr. Die Industrie- und Handelskammern helfen gerade den kleinen und mittelständischen Firmen durch Beratungsangebote und Delegationsreisen intensiv bei der Internationalisierung.

Christian Hinsch ist seit einem Jahr Präsident der Industrie- und Handelskammer Hannover. Außerdem ist Hinsch für ein Jahr Präsident der neu gegründeten IHK Niedersachsen. Die Region und ihre Firmen kennt er bestens – nicht nur, weil er Hannoveraner ist, sondern weil er als HDI-Chef auch beruflich viel mit der Industrie zu tun hat. Hinsch hat Jura in Bielefeld und an der University of Michigan studiert, bevor er seine Karriere bei der heutigen Talanx-Tochter HDI startete. Seit 2000 ist er dort Konzernchef, seit 2009 zudem stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Talanx. Der 61-Jährige ist verheiratet mit einer inzwischen pensionierten Richterin. Beide haben zwei Töchter und einen Sohn.

 

Die IHK Niedersachsen

Im Streit trennten sich 2005 die Wege der niedersächsischen 
Industrie- und Handelskammern. Der damalige Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover, Wilfried Prewo, führte auch den Landesverbund – nach Ansicht einiger Kollegen aber zu oft im hannoverschen Interesse. So taten sich die Kammern in Lüneburg-Wolfsburg, Stade, Ostfriesland, Oldenburg und Osnabrück im Niedersächsischen Industrie- und Handelskammertag (NIHK) zusammen. Die Kammern in Hannover und Braunschweig bildeten die Niedersächsische IHK-Arbeitsgemeinschaft.
In einem neuen Anlauf wollen die sieben Kammern die Interessen ihrer 460 000 Mitglieder nun wieder gemeinsam in der IHK Niedersachsen (IHKN) vertreten. Der schwierigste Teil war wohl das Personaltableau: Das Amt des Präsidenten rotiert, steht aber alle drei Jahre den Hannoveranern zu. Auch die Stellvertreter wechseln sich ab. In der dreiköpfigen Hauptgeschäftsführung sind die bisherige NIHK-Geschäftsführerin Susanne Schmitt und ihr hannoverscher Kollege Horst Schrage als feste Vertreter gesetzt – der Dritte im Bunde aus dem Kreis der übrigen sechs Kammern soll alle zwei Jahre rotieren.

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