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10:35 11.06.2015
Wie warnt man Autofahrer vor verstopften Straßen, ohne auf Nebenstrecken ein neues Verkehrschaos hervorzurufen? Ein IT-Jungunternehmen aus Marienwerder hat die Formel gefunden. Quelle: 
Graphmasters
Hannover

Der Verkehrsfunk ist der Fluch der Straße. Kaum verkündet die Radiostimme einen Stau auf der Autobahn, sind Minuten später auch die angrenzenden Straßen verstopft. Ein klarer Fall von Schwarmdummheit: Ist der direkte Weg zum Ziel verstopft, wählen die Autofahrer den nächstgünstigen – und nehmen damit nicht nur die längere Strecke in Kauf, sondern sie verlagern das Nadelöhr auf die Nebenstrecke. Und das, obwohl meist schon ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die ganze Gegend von einem Netzwerk an Wegen durchzogen ist, die allesamt zum Ziel führen könnten.

„Der ADAC macht durch die pure Veröffentlichung seine eigene Stauprognose kaputt“: Diese Erkenntnis hatte Christian Brüggemann an einem heißen Sommertag im Jahr 2008 in einem Straßencafé in London. Er saß mit seinem Kommilitonen Iulian Nitescu zusammen, der mit ihm am Kings College Technische Informatik studierte. In London waren die beiden meist zu Fuß unterwegs: Während sich Autokolonnen im Stop-and-go über die Hauptverkehrsstraßen quälten, genossen sie das Schlendern durch Sträßchen und Gassen. Auf diese Weise waren sie oft bei guter Laune schneller am Ziel. Eigentlich bietet das Straßennetz genug Platz für alle, stellten die Studenten fest. „Das Problem ist die Verteilung!“, sagt Brüggemann.

Das war die Geburtsstunde eines neuartigen Navigationssystems. Ein Routenplaner, der - wenn es nach den Experten des Microsoft-Wettbewerbs „Imagine Cup“ geht - das Zeug dazu hat, eines der großen Mobilitätsprobleme unserer Zeit zu lösen. „Verteilte Schwarmintelligenz“, diesen Begriff haben die heutigen Jungunternehmer für ihr innovatives Routenplaner-Prinzip gefunden: Die Verkehrsströme werden nicht bloß umgeleitet, sondern nach einem auf permanent aktualisierten Positionsdaten basierenden Algorithmus großräumig auf das Straßennetz verteilt.

„Die erste Navigations-App, die deine Route alle 15 Sekunden optimiert und dir dadurch die beste und genaueste Ankunftszeit garantiert“, so wirbt die Website der Graphmasters GmbH aus Hannover-Marienwerder für die innovative Navigations-App Nunav. Wenn sie auch nicht das umsatzstärkste Graphmasters-Produkt ist, so ist sie doch das zukunftsträchtigste. Fast 6000 Nutzer haben die kostenlose Anwendung bereits auf ihr Android-Smartphone geladen. Brüggemann hofft, dass eine kostenpflichtige Nunav-Pro-Version das Produkt schon bald in die Gewinnzone führen wird, darüber hinaus steht Graphmasters gerade mit einem großen Hersteller von Navigationsgeräten in Verhandlung.

Dass er das Unternehmergen besitzt, hatte Brüggemann direkt nach dem Studium bemerkt.

Seine Arbeit als Softwareingenieur bei einer hannoverschen Unternehmensberatung langweilte ihn schnell. Er bewarb sich mit seiner Idee bei Microsofts Wettbewerb „Imagine Cup“. Und tatsächlich: 2009 kam Brüggemann mit seinem neuen Mitstreiter Sebastian Heise unter die Top Twelve im Weltfinale in Kairo. 2012 holten sie in Sydney mit ihrer Idee zunächst den „Environmental Sustainability Award“ in Höhe von 10 000 US-Dollar, wenige Monate später, im Silicon Valley in San Francisco, sogar den ersten Preis des „Imagine Cup“ 2012. Das war der Durchbruch: Ein Scheck über 100 000 US-Dollar, dazu Sachleistung im Wert von weiteren 120 000 Dollar - Startkapital für die Unternehmensgründung.

Überzeugt hatte die „Imagine-Cup“-Jury nicht nur die komplexe Software, die mit extrem hoher Geschwindigkeit arbeitet. Die Experten sahen vor allem das Potenzial, Staus bereits im Vorfeld zu verhindern. Unternehmenseigene Berechnungen scheinen das zu bestätigen: „Mit einem Marktanteil von nur 10 Prozent könnten wir bereits 30 Prozent der Staus verhindern“, sagt Brüggemann. „Das Gerät entzerrt den Verkehr, indem er ihn auf das gesamte Streckennetz verteilt - und das bei einem deutlich höheren Ausweichradius als herkömmliche Navigationsgeräte.“

Da die App sich an der Fahrzeit anstatt an gefahrenen Kilometern orientiert, sind Sie trotzdem pünktlich. Brüggemann selbst etwa war kürzlich im Feierabendverkehr auf dem Weg von Hannover ins ostwestfälische Bad Oeynhausen. Nunav schlug ihm die Route über Herford vor, zur B 61 und dann zurück zur A 30: ein Umweg von immerhin 12 Kilometern. „Da wäre ich von allein niemals drauf gekommen - aber die errechnete Ankunftszeit stimmte auf die Minute.“

Die Pfadfinder

Die Graphmasters GmbH, gegründet Anfang 2013, entwickelt Navigations-Software nach einem innovativen Verteil-Prinzip. Neben der Nunav-App, die sich an Autofahrer wendet, vertreibt sie Routenplaner für professionelle Paketzusteller. Das junge IT-Unternehmen beschäftigt unter der Führung des Finanzexperten Robert Dohrendorf sechs Mitarbeiter und unterhält neben ihrem Hauptsitz im Technologiezentrum Marienwerder als zweite Niederlassung die Graphmasters AG im Schweizerischen Lausanne.

Die Gründer Christian Brüggemann, Iulian Nitescu und Sebastian Heise sind Gesellschafter. Die Liste der Auszeichnungen, die Graphmasters seit seiner Gründung bekommen hat, kann sich sehen lassen. Die Wichtigsten: Im Pioneers Festival Wien wurden sie 2013 unter die „Top 50 Startups of Europe“ gewählt, als Gewinner der Wettbewerbs „Plug&Work“ erhielten sie mietfreie Büroräume, und im Gründerwettbewerb IKT des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gab es ein Preisgeld von 6000 Euro. 2014 gewannen sie beim Startup Impuls Wettbewerbs weitere 20 000 Euro.

Von Andrea Rehmsmeier

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