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„Vom Payer zum Player“
HAZ Wirtschaftszeitung

Interview „Vom Payer zum Player“

Über veraltete Rollenmuster, stille Minister und kaputte Klimaanlagen spricht KKH-Chef Ingo Kailuweit im Interview.

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KKH-Chef Ingo Kailuweit sieht eine geänderte Rollen der Krankenkassen.

Quelle: Petrow

 Es war öffentlich selten so still um die Gesundheitspolitik. Ist also alles in Ordnung, Herr Kailuweit?

Das ist wohl eher der äußere Eindruck. Hermann Gröhe ist vielleicht der ruhigste Gesundheitsminister, wahrscheinlich aber auch der teuerste. Präventionsgesetz, Krankenhausreform, Pflegereform, ein an den Interessen der Anbieter ausgerichteter Pharmadialog – das alles wird das Gesundheitssystem Milliarden kosten. Wir können froh sein, dass die Konjunktur gerade gut läuft.

Trotzdem müssen sich Versicherte im nächsten Jahr auf höhere Zusatzbeiträge einstellen?

Ob bereits im nächsten Jahr höhere Beiträge zu erwarten sind, lässt sich noch nicht sagen. Die Bundesregierung hat erst einmal 1,5 Milliarden aus dem Gesundheitsfonds versprochen. Aber ich gehe davon aus, dass im Folgejahr bei allen Kassen mit 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten zusätzlich zu rechnen ist, wenn keine Kostensenkungsprogramme erfolgen.

Sie haben einmal den Zusatzbeitrag erhöht und das sehr schnell bei den Mitgliederzahlen gespürt. Wie kann sich eine Krankenkasse überhaupt noch profilieren?

Die Politik will ja den Qualitätswettbewerb, aber natürlich schauen die Versicherten in erster Linie auf den Beitrag. Leider können wir kaum jemandem vermitteln, dass die Kassen unter verschiedenen Bedingungen arbeiten. Die Verteilung nach dem Risikostrukturausgleich muss überarbeitet werden. Dennoch setzen wir gerade beim Service und den Leistungen weiter auf Qualität. Im Übrigen hatten wir im vergangenen Jahr leichtes Wachstum bei der Versichertenzahl.

Den Zusatzbeitrag zahlen nur die Versicherten, aber es werden wieder Forderungen laut, zur paritätischen Finanzierung zurückzukehren, den Anteil der Arbeitgeber also zu erhöhen. Wie sehen Sie das?

Dafür habe ich mich auch schon einmal ausgesprochen und einige Kritik eingesteckt. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die Kostenverteilung. Der Zusatzbeitrag kommt über die Lohnrunden sowieso wieder bei den Unternehmen an. Ich wünsche mir vielmehr, dass die Arbeitgeber eine aktivere Rolle im Gesundheitssystem spielen. Und das würden sie tun, wenn die Kosten für sie nicht gedeckelt wären.

Was würde das denn bewirken?

Der Minister versucht offensichtlich, die Leistungserbringer mit viel Geld „ruhigzustellen“. Bezahlen sollen das die Kassen mit den Beiträgen der Versicherten. Aber im Gegensatz zu den Anbietern haben wir keine große Lobby. Es fehlt eine starke Opposition in der Gesundheitspolitik. Wären die Arbeitgeber stärker im Spiel, würde sich das ändern. Ich wünsche mir, dass sie stärker am Gesundheitssystem in Deutschland mitwirken.

Sie haben die gleichen Interessen?

Der Arbeitgeber spielt eine entscheidende Rolle. Er hat ein Interesse an kurzen Krankheitszeiten – braucht also ein Top-Gesundheitssystem für seine Mitarbeiter. Gleichzeitig sehen wir, wie der Leistungsdruck zu immer mehr Ausfällen wegen psychischer Probleme führt. Die Belegschaften werden älter, damit nehmen auch die Krankheitstage zu, und die Kosten für das Unternehmen steigen – auch wenn der Kassenbeitrag für Arbeitgeber gleich bleibt. Das sind Herausforderungen, die alle gemeinsam tragen müssen, die Kassen können zum Beispiel beim Gesundheitsmanagement helfen. Wir sind alle noch in Rollen unterwegs, die so nicht bleiben können.

Und die Kassen sollen sicher die Hauptrolle spielen?

Ach was, darum geht es nicht. Aber allein die KKH vertritt die Interessen von fast 1,8 Millionen Versicherten und zahlt jährlich mehr als fünf Milliarden Euro für Gesundheitsleistungen. Wir sind aufgestellt wie die Wirtschaft und müssen auch in diese Rolle rein. Ich habe nichts dagegen, dass das Gesundheitssystem aufseiten der Anbieter nun einmal kommerzialisiert ist, aber dann braucht es auch ein Gegengewicht aufseiten derer, die das finanzieren. Wenn bundesweit 200 Milliarden Euro jährlich im Gesundheitssystem ausgegeben werden, kann ich nicht nur von Vertrauen und heiler Welt reden. Die Ökonomisierung des Gesundheitssystems wird einfach nicht sauber diskutiert.

Wie stellen Sie sich die Rolle der Kassen vor?

Die Krankenkassen müssen vom Payer zum Player werden. Hier ist schließlich genug Know-how versammelt, und wir können mit unseren Daten Schwächen im System sehr genau identifizieren. Wenn neue Medikamente zu Mondpreisen vermarktet werden, wenn Krankenhäuser auf bestimmten Gebieten Schwächen haben, wenn die Versorgung mit niedergelassenen Ärzten nicht dem Bedarf entspricht – dann sehen wir das.

Damit wären wir bei den Ärzten - auch für die eine neue Rolle?

Jedenfalls für die Kassenärztliche Vereinigung – da wird schlicht nicht auf den Bedarf reagiert, zum Beispiel bei Psychologen und Rheumatologen. Die Zusammenarbeit von Allgemeinmedizinern und Fachärzten funktioniert nicht gut genug. Deshalb gibt es eine hohe Zahl von Patienten, die nicht optimal versorgt wird. Ich wünsche mir, dass sich Kassen, Krankenhäuser und Kassenärztliche Vereinigungen zusammensetzen, den künftigen Leistungsbedarf abschätzen und auf dieser Basis das Angebot definieren. Wir würden auch zum Beispiel den Krankenhäusern mehr Geld zahlen – für bessere Qualität. Aber es wird eine Klinikstruktur erhalten, die so kein optimales Ergebnis liefern kann.

Auch in Niedersachsen?

Natürlich. Mit Ausnahme von Bayern und Baden-Württemberg investieren alle Länder zu wenig in die Krankenhäuser – was aber ihre Aufgabe wäre. Die Folge: Die Krankenhäuser reduzieren das Personal, um zum Beispiel die Klimaanlage reparieren zu können. Gleichzeitig will natürlich kein Politiker Kliniken schließen – die Konsequenzen tragen die Beitragszahler.

Deutschland hat nicht wenige Krankenkassen, jede mit eigenem Verwaltungsapparat. Was trägt eigentlich die KKH im eigenen Haus zur Kostensenkung bei?

Wir haben schon 2002 mit der Restrukturierung begonnen. Damals hatten wir 440 Niederlassungen, jetzt sind es noch 110 Servicestellen. Das ist auch ein gesellschaftlicher Trend, die Menschen suchen den Kontakt eher per Telefon oder Computer. Wir haben aber auch neue mobile Stellen eingerichtet und machen bei Bedarf Hausbesuche. Intern haben wir Bereiche zusammengefasst und Kompetenzen gebündelt – ebenfalls seit 2002. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.

Interview: Stefan Winter

Zur Person

Ingo Kailuweit ist seit 1999 Vorsitzender des KKH-Vorstands. Der 60-jährige gebürtige Lübecker hat eine lupenreine KKH-Karriere gemacht. Nach der Ausbildung zum Sozialversichungsfachangestellten leitete er später unter anderem die Bereiche Personal, Berufliche Bildung, Leistungen und Vertragsrecht. Der begeisterte Läufer und Motorradfahrer ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

 

Das Unternehmen

Die Kaufmännische Krankenkasse KKH verdankt das „H“ nicht Hannover, sondern Halle, wo der Vorläufer 1862 gegründet wurde. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Ersatzkasse ihren Hauptsitz in Hannover. Mit 1,8 Millionen Versicherten, 4000 Mitarbeitern und rund 5,5 Milliarden Euro Haushaltsvolumen ist sie die Nummer vier unter den bundesweit tätigen Kassen – manche regionale AOK ist allerdings größer. Im vergangenen Jahr blieb ein Überschuss von 690 000 Euro. Zweites Vorstandsmitglied neben Ingo Kailuweit ist Dr. Ulrich Vollert.

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