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„Wir bringen alle an einen Tisch“
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Bahlsen-Start-Up „Wir bringen alle an einen Tisch“

Verena Bahlsen und Laura Jaspers suchen mit ihrem Start-up Hermann’s Innovationen für die Food-Branche.

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Es ist gar nicht so einfach, Verena Bahlsen zu verstehen. Sie spricht sehr schnell und spickt ihre Sätze mit Anglizismen. Doch eins wird schnell klar: Die 24-jährige Urenkelin des Unternehmensgründers Hermann Bahlsen hat hohe Ansprüche an sich. Ihr geht es nicht um Kekse, sondern um das große Ganze – die Neuerfindung des „Food-Systems“. Mit ihrem Start-up Hermann’s will sie Industrie, Handel, Forscher und Verbraucher zusammenbringen, um gesunde und umweltfreundliche Nahrungsmittel zu fördern. Hermann’s sitzt in Berlin, gehört zur Bahlsen-Gruppe und hat 25 Mitarbeiter. 15 davon arbeiten für das hauseigene Restaurant mit Test­küche in bester Lage in Berlin-Mitte. Für das Interview sind Verena Bahlsen und ihre Mitgründerin Laura Jaspers nach Hannover gekommen. Im Büro von Verenas Vater Werner M. Bahlsen erklären sie, wie sie ihre Ziele erreichen wollen, wie Bahlsen davon profitieren könnte und warum sie Hermann’s nach Verenas Urgroßvater benannt haben.

Frau Bahlsen, Frau Jaspers: Welche Rolle spielt Hannover für Sie?

Bahlsen: Gar keine.

Jaspers: Ich habe lange hier im Bahlsen-Stammhaus gearbeitet und liebe dieses Gebäude. Aber wir haben von der Geschäftsführung und Verenas Vater den Rückhalt, den Schritt nach draußen zu machen.

Warum haben Sie Hermann’s gegründet?

Bahlsen: Wir haben eine gemeinsame Leidenschaft, nämlich Innovationen im Bereich Nahrungsmittel. Wir haben uns gefragt: Warum schaffen die meisten Innovationen nicht den Weg in den Massenmarkt? Wie gelingt das? Ein Ökosystem bringt alle an einen Tisch, die man dafür braucht.

Jaspers: Das sind auf der einen Seite Industrie und Handel, auf der anderen Innovatoren wie Forscher, Köche oder Gründer.

Welche Art von Innovationen wollen Sie vorantreiben?

Bahlsen: Wir brauchen ein Nahrungssystem, in dem wir nicht zwei Milliarden übergewichtige und eine Milliarde unterernährte Menschen haben. Ein System, das uns gesund ernährt, aber unserem Planeten nicht mehr so wehtut.

Wie könnten Lösungen konkret aussehen?

Bahlsen: Bei Rohstoffen haben wir eine Monokultur aus Produkten wie Fleisch, weißem Mehl und Milch. Milch zum Beispiel ist nicht gesund, die Produktion schadet der Umwelt, aber sie hat sich in unsere Kultur eingebaut. Alternativen wie Sojamilch und Mandelmilch sind auch nicht besser für die Umwelt. Zwei Chemiker aus Kalifornien haben Rohstoffe identifiziert, die wenig Wasser und Land brauchen, wie die gelbe Erbse. Daraus hergestellte Milch hat mehr Calcium, mehr Vitamin D und mehr Eiweiß als Kuhmilch, aber 95 Prozent weniger Umweltauswirkungen.

Jaspers: Ein weiteres Beispiel ist die Erdmandel: Der Anbau ist nachhaltig, sie hat gute Nährstoffwerte. Eine Firma aus New York stellt alle möglichen Produkte daraus her. Mit Hermann’s erzählen wir diese Geschichte auf unserer Website und probieren die Produkte in unserem Restaurant in Berlin aus. Wir geben der Firma Anreize, nach Europa zu kommen.

Viele Nahrungsmittel sind widersprüchlich – gesund, aber umweltschädlich, zum Beispiel Avocado. Wie gehen Sie damit um?

Bahlsen: Wenn wir Veränderungen vorantreiben wollen, werden das auch Kompromisse sein. Außerdem sagen wir nicht, vegane Ernährung ist die Lösung, oder Vertical Farming, oder Insekten als Eiweißquelle. Wir finden alle drei Dinge spannend, aber wir wissen nicht, was die Zukunft der Ernährung ist. Wir wollen nicht eine weitere Stimme sein, sondern der Knotenpunkt für den Austausch.

Jaspers: Wir machen transparent, dass viele Lösungen nicht perfekt sind, sondern Vor- und Nachteile haben.

Welche Rolle spielt Hermann’s für das Unternehmen Bahlsen?

Bahlsen: Wir sind nicht die Rebellion gegen Bahlsen, sondern Bahlsens kleiner Außenposten, der sich Gedanken macht, was für Bahlsen in zehn bis 20 Jahren wichtig wird. Hermann’s sollte von Anfang an eine Tochter der Bahlsen-Gruppe sein.

Wie ist diese Idee entstanden?

Bahlsen: Wir haben mit der Familie vor zwei Jahren einen Strategieprozess gestartet und uns gefragt: Warum hat Hermann Bahlsen 1889 dieses Unternehmen gegründet? Er war kein Bäcker und kam nicht aus einer Bäckerfamilie. Er ist um die Welt gereist und hat Ideen und Potenziale gesehen, die andere nicht gesehen haben. Unser Ursprung ist nicht backen, sondern finden.

Jaspers: Heute muss man nicht unbedingt reisen, aufgrund der Digitalisierung. Unsere Aufgabe ist aber dieselbe wie damals: raus in die Welt gehen, Ideen finden und weiterentwickeln.

Soll Hermann’s Geld verdienen, oder will die Bahlsen-Gruppe querfinanzieren?

Bahlsen: Wir können langfristig nur autonom funktionieren. Wir unterstützen Innovatoren, geben ihnen eine Bühne, verbinden sie, fördern sie. Das, was da als Wert entsteht, verkaufen wir an die Industrie – branchenübergreifend.

Auch an Bahlsen?

Bahlsen: Was wir als Wert entwickeln, wollen wir so weit wie möglich für Bahlsen nutzbar machen. Allerdings werden wir das in den nächsten Jahren nicht tun. Gerade am Anfang muss Hermann’s separat von der Bahlsen-Gruppe laufen, sonst glauben uns keine anderen Unternehmen, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Weil sie denken, die spannendsten Sachen landen sowieso bei Bahlsen. Wir haben uns auch radikal distanziert, damit wir wirklich etwas Neues entwickeln. Das haben wir so zusammen mit meinem Vater und dem Management-Board definiert.

Sie sitzen in Berlin, dort ist auch das Restaurant. Wird es weitere Restaurants geben?

Jaspers: Das nächste wird im Ausland sein. In China und Japan ist zum Beispiel unglaublich viel in Bewegung.

Bahlsen: Aber Berlin ist ja nicht weit von Hannover.

Interview: Christian Wölbert

Zur Person

Verena Bahlsen (24) ist Urenkelin von Hermann Bahlsen und Tochter des aktuellen Firmenchefs Werner M. Bahlsen. Sie hat Kommunikation und Management in New York und London studiert.

Laura Jaspers (33) stieg 2010 bei Bahlsen ein und arbeitete unter anderem in der Personalentwicklung und im Marketing.

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