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Energiewende selbst gemacht Sie sind die Energiehelden

Sie verstanden etwas von Technik und wollten eigentlich ein Haus sanieren lassen – jetzt ist Energieheld ein erfolgreiches Start-up.

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Energiehelden: Michael Kessler, Philipp Lyding und Pascal Ludynia (v. l.) vermitteln Eigenheimbesitzern für Sanierungen die richtigen Handwerker.

Quelle: Franson

Hannover. Wenn Andre Reinermann zum Telefonhörer greift, weiß er schon fast alles darüber, was seine Kunden wollen. Über das Internet haben sie genaue Angaben darüber gemacht, wie ihr Eigenheim beschaffen ist, welche Art von Sanierung sie wollen, wie dringend ihr Anliegen ist. Ob Dämmung für das Dach, eine neue Heizungsanlage oder neue Fenster – wenn einer der fünf Kundenberater von Energieheld sie zurückruft, kann er Eigenheimbesitzern in allen Fragen der energetischen Sanierung behilflich sein und ihnen Tipps für die Umsetzung geben. Die Wünsche der Kunden seien dabei so unterschiedlich wie ihr Vorwissen, sagt Reinermann: „Von null bis hundert ist alles dabei.“

2012 gründeten Michael Kessler, Pascal Ludynia und Philipp Lyding das Start-up Energieheld. Die Idee dahinter: Wer sein Eigenheim energetisch sanieren will, braucht dafür den passenden Handwerker. Weil dieser in Branchenbüchern unter Hunderten Einträgen schwer zu finden ist, schufen die drei Gründer ein Portal, das Endkunde und Handwerker zusammenbringen soll. Der Kunde erhält dafür nach einer Beratung rund um nachhaltige und geeignete Maßnahmen und Fördermöglichkeiten für das Projekt eine Auswahl von mehreren Handwerksunternehmen, die die energetische Sanierung übernehmen könnten. Dann kann er selbst entscheiden, ob und wem er den Zuschlag gibt. Die Kunden zahlen für die Dienstleistung keine Gebühr. „Einige fragen uns von sich aus, wie wir uns dann finanzieren“, erzählt Kessler.

Das Prinzip ist das gleiche wie bei vielen Vergleichsportalen im Internet: Die Handwerker zahlen Provision für vermittelte Aufträge. Ist ein Auftrag abgeschlossen, erhält Energieheld zwischen 6 und 10 Prozent der Gesamtkosten. Florian Lörincz von der Verbraucherzentrale Niedersachsen wünscht sich einen klareren Hinweis auf dieses Vertriebsmodell auf der Internetseite. „Der Kunde darf nicht erwarten, dass der Vermittler vollkommen unabhängig ist“, sagt der Bau- und Energieberater. Bei den Energiehelden sieht man die Provisionsbasis nicht als problematisch an. Die Kundenzufriedenheit stehe im Vordergrund, eine Zusammenarbeit solle schließlich nicht einmalig bleiben. Vor allem die ersten Aufträge für einen Betrieb werden deshalb von Energieheld auch in der Abwicklung eng begleitet. „Wenn ein Betrieb erste Projekte übernimmt, kann man sehr viel über ihn lernen“, sagt Lyding. Auch das Feedback der Kunden zur Auftragsdurchführung fließt in die Bewertung der Zusammenarbeit mit den Handwerkern ein.

Preisgelder finanzierten den Start

Unabhängig wollen die Gründer von Energieheld arbeiten, und so kam für die Startfinanzierung kein externer Investor infrage. Stattdessen investierten die Jungunternehmer viel Arbeitskraft und bescheidenes Eigenkapital.  Vor allem aber bemühten sie sich in Gründerwettbewerben systematisch um Preisgeld. So gab es schon 2011 beim Start-up-Wettbewerb von Hannoverimpuls 10 000 Euro für die Sieger beim ProKlima-Branchenpreis. Der Erfolg im Wettbewerb Plug&Work brachte den Energiehelden ein Jahr lang mietfreie Bürofläche und der Gründercampus Niedersachsen der N-Bank noch einmal Bares. Als 2013 die ersten Projekte abgewickelt waren, kamen einige erfahrene Digitalunternehmer als Business-Angels an Bord. Weitere Investitionen sollen nun über Crowdfunding finanziert werden: Auf der Plattform Companisto haben sich 555 Anleger gefunden, die insgesamt mehr als 200 000 Euro bereitstellen wollen. Bewertet wird das gesamte Unternehmen dort mit 3,5 Millionen Euro. 

Die Wissenschaft brachte sie zum Thema Energie. „Das war eine Leidenschaft von uns“, sagt Ludynia, der sich im Masterstudium an der Leibniz Universität bereits mit Energietechnik auseinandersetzte. Lyding arbeitete beim Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik im Bereich Projekt- und Prozessmanagement, Kessler promovierte über hocheffiziente Solarzellen. Daneben sorgte auch eine persönliche Erfahrung dafür, dass die drei Energiehelden auf die Marktlücke aufmerksam wurden. Kessler suchte für sein Elternhaus nach der passenden Modernisierung – und nach Handwerkern, die diese ausführen konnten. Die Arbeit wurde kleinteilig und verschlang viel Zeit. Da war die Idee zur Vergleichsplattform geboren. Konkurrenz anderer Internetportale fürchten die Unternehmer nach eigener Aussage kaum. Zwar gibt es Plattformen, die ebenfalls Handwerker für bestimmte Arbeiten am Haus vermitteln. Seiten wie Ventoro oder Thermondo sind aber auf jeweils lediglich einen Bereich spezialisiert – Fenster und Türen sowie Heizung. In Hannover dagegen will man umfassend zu allen Sanierungsbereichen im Haus beraten.

Das Konzept hat Erfolg. Zwar dauerte es nach dem Start noch ein Jahr bis zur Abwicklung des ersten Projekts im Herbst 2013. Doch seitdem geht es steil bergauf. Von einem kleinen Büro am Engelbosteler Damm zog das Team 2014 nach Linden ins Capitol-Gebäude. Dort verbreiten jetzt die fast schon obligatorische Tischtennisplatte im Konferenzraum und ein Basketballkorb an der Bürotür angemessene Start-up- Atmosphäre. Daneben sitzen auch Mitarbeiter in Bremen, Hamburg, Herford und Dortmund. Mehr als 20 Menschen arbeiten inzwischen für das Unternehmen, dessen Website monatlich 250 000 Zugriffe zählt. Um Beratung bitten nach Unternehmensangaben etwa 3000 Menschen. Der Umsatz hat sich im vergangenen Jahr auf knapp 350 000 Euro mehr als verdoppelt und soll in diesem Jahr rund eine Million Euro erreichen. Die Planzahlen für 2015 seien damit deutlich übertroffen worden. Und dabei habe man weder die Ausgaben für Marketing noch für Personal gesteigert, betont Michael Kessler. Das Ergebnis: Im letzten Quartal 2015 sei bereits die Gewinnschwelle erreicht worden.

Es ist also Zeit für den nächsten Schritt. Die Plattform soll den gesamten deutschen Markt bedienen und das Netz der Handwerkspartner entsprechend ausbauen, außerdem sind auch Standorte in Österreich und der Schweiz geplant. Und auch in der Zentrale wird es schon wieder zu eng, das Büro am Schwarzen Bären soll größer werden. Der Platz im Herzen des Stadtteils Linden steht allerdings nicht zur Diskussion: „Der Standort ist optimal für uns“, sagt Lyding.

Von Sabine Gurol

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