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Unsicherheit – die neue Konstante?
HAZ Wirtschaftszeitung

Handelsschranken Unsicherheit – die neue Konstante?

Noch freut sich die niedersächsische Wirtschaft über Bestmarken beim Export. Doch angesichts drohender Handelsschranken herrscht auch Besorgnis in den Unternehmen. Über andere, über neue Chancen wird zu wenig gesprochen.

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„Die derzeitige Diskussion verfolgen wir mit Sorge“, sagt Elmar Degenhart, Vorstandsvorsitzender des Automobilzulieferers Continental – ein Satz, der sich bezieht auf die Äußerungen des US-Präsidenten Donald Trump über die „bösen“ Deutschen. Millionenfach wurde dessen verbaler Angriff registriert: „Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen.“

Trumps isolationistische Ausbrüche verstärken die Unruhe auf den durch diverse internationale Konflikte verunsicherten Märkten. Brexit und EU-Krise, das Zerwürfnis mit der wirtschaftlich schwächelnden Türkei, der wachsende Protektionismus Chinas, Russland-Sanktionen – gute Voraussetzungen für immer neue Bestmarken beim Export sehen anders aus. Immerhin: Niedersachsen erreichte 2016 mit 85,3 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert.

Unberechenbare US-Politik

Die Unternehmen haben für diese Situation keine Strategie. Zu unberechenbar erscheint die US-Politik. Wie soll man auch planen, wenn „entscheidende Koordinaten fehlen“, wie der Continental-Chef mit Blick auf die größte Volkswirtschaft der Welt betont? Seine Schlussfolgerung lautet, sich in den „Investitionsentscheidungen die gebotene Flexibilität zu erhalten“. Doch dieses zurückhaltende Statement zeigt, wie sehr sich Unsicherheit zur neuen Konstante der Weltwirtschaft entwickeln könnte.

„Trump steht für die weithin erkennbare Tendenz, durch politisches Handeln in stärkerem Maße als zuvor seine Wählerklientel zur Machtsicherung zu bedienen – selbst wenn der volkswirtschaftliche Schaden erheblich ist“, analysiert Niels Biethahn, Automobilexperte und Professor für Betriebswirtschaft an der FOM Hochschule in Hannover. Dieser Trend könnte den Druck auf die Autoindustrie erhöhen. Nachdem der für Niedersachsen vergleichsweise kleine russische Markt bereits eingebrochen sei, verliere nun auch der US-Markt an Schwung, sagt Biethahn. Er verweist auch auf die von Peking geplante Elektroauto-Quote. Sie ziele darauf ab, chinesische Produzenten zu fördern.

Export boomt weiterhin

Deshalb von Deglobalisierung zu sprechen, wäre jedoch verfrüht. „Die Zahlen sagen etwas anderes: Die Ausfuhren Niedersachsens wachsen, allein von 2015 auf 2016 um 2,3 Milliarden Euro“, so Tilman Brunner, Außenwirtschaftsexperte der IHK Hannover. Wohl gibt es negative Entwicklungen: Niedersachsens US-Exporte sanken innerhalb eines Jahres um 7 Prozent auf 5,8 Milliarden Euro in 2016, während die Exporte nach Russland 2016 bei 1,6 Milliarden Euro stagnierten. Schon vor den Sanktionen führte Protektionismus, insbesondere im Lebensmittelbereich, zu einem Rückgang der niedersächsischen Ausfuhren nach Russland: Vom Rekordjahr 2012 mit 3,3 Milliarden Euro gingen sie bis 2016 um mehr als die Hälfte zurück. „Die Unternehmen handeln in solchen Krisenlagen pragmatisch und fahren auf Sicht, sie warten mit Investitionsentscheidungen ab, aber sie haben das Land nicht aus dem Blick verloren“, sagt Rechtsanwalt Friedrich Graf zu Ortenburg von der hannoverschen Wirtschaftskanzlei KSB INTAX. „Denn die Kontakte auf wirtschaftlicher Ebene sind ja da und sie funktionieren.“

Kompliziert auch die Gemengelage in den Außenwirtschaftsbeziehungen zur Türkei: Das Land ist ein politischer Krisenherd, dennoch stiegen Niedersachsens Exporte und erreichten 2016 das Allzeithoch von 2,16 Milliarden Euro. „Allerdings erwarten wir spätestens 2018 durch die Sicherheitslage nach dem Putschversuch einen Rückgang“, erklärt der Außenwirtschaftsexperte. Betroffen sein werden davon vor allem der Automobilsektor, der Anlagenbau und die chemische Industrie. Die schwächelnde Lira verteuert Importe.

Insgesamt aber sind die Aussichten positiv: Die IHK erwartet für 2017 ein Wachstum im Chinageschäft, von dem insbesondere die Bereiche Energie, Konsumgüter und Maschinenbau profitierten. Bereits von 2012 bis 2016 stiegen Niedersachsens Ausfuhren nach China von 2,9 auf 3,9 Milliarden Euro. Mittelfristig könnte auch der Handel mit dem Iran wieder ein Motor für die Wirtschaft werden: Brachen Niedersachsens Exporte vor allem infolge der Restriktionen für die Erdgas- und Erdölindustrie von 800 Millionen Euro 2006 auf weniger als 100 Millionen Euro 2015 ein, so legten sie 2016 um 30 Prozent zu.

Brunner sieht in der öffentlichen Diskussion daher eine Schieflage. „Der Blick richtet sich auf den Brexit oder die angedachte US-Importsteuer – Prozesse mit ungewissem Ausgang.“ Außer Acht blieben die rund 20 EU-Freihandelsabkommen, die derzeit verhandelt werden.

Tatsächlich wirft der Brexit erste Schatten voraus und zeigt, wie unterschiedlich die Branchen betroffen sind. Der Einbecker Saatguthersteller KWS etwa, der weltweit in 70 Ländern aktiv ist, sei „von den derzeitigen Diskussionen nicht betroffen“, erklärt Unternehmenssprecherin Mandy Schnell. Grund: Das Saatgut wird vor Ort produziert und nur wenig exportiert. Nachhaltige Einflüsse durch Pfundschwankungen seien nicht zu erwarten.

Andere Unternehmen, die auf den britischen Markt angewiesen sind, müssen nehmen, was kommt. „Es ist keine Frage, dass wir präsent bleiben“, sagt Richard Taylor, britischer Niederlassungsleiter des zur Talanx-Gruppe gehörigen Industrieversicherers HDI Global. Gut aufgestellt ist da, wer Einbußen ausgleichen kann. So wie die TUI: Sollte Großbritannien mit der EU auch den Einheitlichen Europäischen Luftraum verlassen, so deutet es der Reisekonzern an, könne man diese Einbußen verschmerzen beziehungsweise würde man sich umorientieren.

Wieder andere dagegen zögern Investitionen hinaus, beispielsweise Versandhandelsunternehmen, für die Großbritannien der wichtigste EU-Markt ist. Sie müssten, um künftige Lieferverzögerungen durch Zollkontrollen zu vermeiden, zusätzliche Warenlager auf der Insel errichten. Für Unternehmen, die dort erst Fuß fassen wollen, „ist das ein Hindernis“, so IHK-Experte Brunner. Noch aber wachsen die Exporte: von 2012 bis 2016 von 5,3 auf 6,4 Milliarden Euro.

Ersatz ist nicht in Sicht

Schärfere Einbußen wären wohl nur schwer zu verkraften, schließlich ist Großbritannien doch Niedersachsens zweitwichtigstes Exportziel. Aber zumindest gäbe es Lichtblicke: den fast ausverhandelten Freihandelsvertrag mit Vietnam, auch CETA, das bereits ratifizierte Abkommen mit Kanada, vor allem aber das geplante Abkommen mit Japan, immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Welche Wirkung ein Abkommen entfalten kann, verdeutlicht Brunner am Beispiel Südkorea: Seit Inkrafttreten des Vertrags 2011 werden so gut wie keine Zölle mehr erhoben, dazu Qualitätsnachweise und Zertifizierungen anerkannt. „Im Ergebnis sind die Exporte aus Niedersachsen von 521 Millionen im Jahr 2010 auf 919 Millionen Euro in 2016 angestiegen“, sagt Brunner. Davon profitierten vor allem Mittelständler aus den Bereichen Medizintechnik und Anlagenbau.

Von Oliver Züchner

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