Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Von der Diesel-Schmiede zum Elektropionier
HAZ Wirtschaftszeitung

VW-Motorenwerk Von der Diesel-Schmiede zum Elektropionier

Der Motor ist das Herzstück des Autos und der ganze Stolz seiner Macher. Doch was wird, wenn der Elektroantrieb kommt? Für Tausende Mitarbeiter im Volkswagen-Motorenwerk Salzgitter ist das eine Existenzfrage. Ein Besuch in zwei Autowelten.

Voriger Artikel
Viel Sonne über dem Reiseland
Nächster Artikel
"Wir müssen selbst etwas tun"

Hier treffen Welten aufeinander. Die Geschäftigkeit einer Produktionsstraße trifft auf freie Fläche, die neue Verwendung sucht. Zentnerschwere Sechszylinder werden hier gebaut und faustgroße Elektropumpen. Bruchteile von Cent werden gespart, die sich zu Millionen Euro addieren. Das Volkswagen-Werk in Salzgitter steht für den Wandel der Autowelt vom Verbrennungs- zum Elektromotor mit all seinen Herausforderungen. Hier, sagen sie im Konzern, könne man Sinn und Funktionsweise des vor wenigen Monaten geschlossenen Zukunftspakts unter der Lupe betrachten. „Salzgitter zeigt, wie es geht“, sagte VW-Markenchef Herbert Diess jüngst bei einem Standortsymposium – ein Satz, der seitdem gern zitiert wird.

Werkleiter Christian Bleiel blickt in die Halle. Er hat gerade die Eckdaten seines Werks aufgezählt: Rund 7200 Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr knapp 1,6 Millionen Motoren gebaut – Diesel und Otto, Drei-, Vier- und Sechszylinder, in der Versuchshalle steht ein 16-Zylinder für Bugatti. Die Produktionszeit pro Motor wurde im vergangenen Jahr um 13 Prozent verkürzt, Kosten pro Motor um 8 Prozent gesenkt, Kapitalbindung pro Motor um 5 Prozent – und so weiter, die Liste ist endlos. Das aktuelle Effizienzprogramm enthält mehr als 800 Maßnahmen, alle zu diesem Zweck: „Das Ziel ist, dass es diesen Standort auch in 15 Jahren noch gibt“, sagt Bleiel. Noch vor zwei Jahren hätte das wahrscheinlich kein VW-Manager laut ausgesprochen, aber die Welt hat sich verändert und die von VW erst recht. Der schrittweise Umstieg auf Elektroantrieb ist inzwischen ausgemachte Sache, und die Wolfsburger haben die Entwicklung mit dem Diesel-Skandal massiv beschleunigt. Bleiel, der auch das VW-Geschäftsfeld Motor leitet, muss umsteuern: „Wir sind diesellastig am Standort. Es ist eine strategische Aufgabe, das zu ändern.“ Was den ganzen Konzern beschäftigt, ist im Motorenwerk Salzgitter Kernaufgabe: Kosten drücken, mit dem gewonnenen Spielraum in die Zukunft investieren und die Mitarbeiter auf dem Weg in die neue Autowelt mitnehmen.

„Die Belegschaft zieht mit, weil sie weiß, dass die Beschäftigung gesichert ist“, sagt Betriebsratschef Andreas Blechner. Trotzdem fallen in diesem Jahr gut 150 Arbeitsplätze in Salzgitter weg, und auf längere Sicht werden wohl nur 5000 bis 6000 Stellen der heute 7200 Stellen bleiben. Leiharbeiter werden nach Hause geschickt, Serviceaufgaben wie Post oder Kleinstreparaturen fremdvergeben. Die eigenen, vergleichsweise teuren Leute sollen mit höherer Produktivität eingesetzt werden. Das Durchschnittsalter von 46 Jahren ist dabei Hilfe und Herausforderung zugleich: Es schafft Spielraum für Altersteilzeit, fordert aber auch neue Wege beim Einsatz älterer Mitarbeiter. So wurde eine „Ergonomielinie“ mit Roboterunterstützung eingerichtet, an der auch Mitarbeiter mit körperlichen Einschränkungen produktiv eingesetzt werden können. Das vom Betriebsrat forcierte Projekt hat für Bleiel noch aus einem anderen Grund Modellqualität: Die Software für die Roboter wurde in Salzgitter entwickelt. „Die Kernbotschaft ist, dass wir es selbst können und machen – von der Planung über die Integration bis zur Zertifizierung“, sagt Bleiel. Und diese Kompetenz wird in den nächsten Jahren im ganzen Konzern immer wichtiger werden.

Steter Kampf um Zehntelcent

Produktivität ist für den im weltweiten Vergleich teuren Standort alles. Um jeden Cent wird gefeilscht, in Hunderten Workshops wurde die Produktion optimiert. Die verschiedenen Teams analysierten selbstständig jeden ihrer Handgriffe, nahmen Werkstücke unter die Lupe, minimierten Ausfallzeiten. Mal ist das Ergebnis eine selbst gebaute Vorrichtung in der Turbolader-Montage, die einen Handgriff spart, mehr Motoren pro Schicht ermöglicht und am Ende eine Schicht pro Woche spart. Mal ist es Feinschliff an einem Werkzeug, der in der Nockenwellenfertigung pro Stück Zehntelcent und in der Summe 15 000 Euro im Jahr spart. „In den Effizienzsteigerungen steckt unheimlich viel Fleißarbeit. Das hat viel mit Disziplin zu tun“, sagt Bleiel. Trotzdem musste das Werk geplante Produktionsmengen an billigere Standorte abgeben. Der Bau von Boots- und Industriemotoren, einst ein Hoffnungsprojekt des Betriebsrats, wird mangels Wirtschaftlichkeit aufgegeben. Ein Drei-Zylinder-Diesel wird auslaufen. Doch gleichzeitig sichere Salzgitter seine Position mit Innovation, sagt Bleiel. Ein neuer 1,5-Liter-Benzinmotor mit Zylinderabschaltung geht gerade in Produktion. Die Verbrenner werden noch lange das Werk prägen – doch die Zeitenwende kündigt sich an.

Eine Halle zeigt schon viel freie Fläche. Dort soll die Zukunft einziehen. Auch wenn die Deutschen beim Kauf von Elektroautos zögern – diese Fahrzeuge werden kommen. So hat die Entwicklungsabteilung in Salzgitter ihr Know-how in eine kleine Wasserpumpe für E-Motoren gesteckt. Sie sei billiger, kompakter und leiser als die Modelle der Zulieferer, sagt Bleiel. Und sie soll in Salzgitter gebaut werden. Weiterer Platz ist für Komponenten des MEB reserviert – des Modularen Elektrobaukastens, auf dessen Basis 2019 die ersten von einer ganzen Reihe neuer Elektromodelle des Konzerns entstehen sollen.

Träumen von der Batteriefabrik

Der nächste Schritt ins E-Zeitalter wäre die Produktion von Batteriezellen. Im Zukunftspakt wurde eine Pilotanlage für Salzgitter beschlossen, doch Berichte über Milliardeninvestitionen in eine Batteriefabrik sind bisher Wunschdenken. Konzernchef Matthias Müller und sein Continental-Kollege Elmar Degenhart machten sich gerade beim Umweltminister unbeliebt, als sie bei einer Veranstaltung der Unternehmerverbände Niedersachsen die Machbarkeit in Deutschland anzweifelten: „Ich befürchte, wenn die Energiekosten so sind, wie sie sind, werden die Fabriken für die Zellfertigung nicht in Deutschland stehen“, sagte Müller. Bleiel sieht darin erst einmal eine Aufgabe. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir bei der Zellfertigung noch Innovationssprünge sehen werden“, sagt der Werkleiter. „Wir müssen jetzt einsteigen, damit wir rechtzeitig so weit sind.“ VW sei zwar kein Spezialist für Zellchemie, aber einer für Industrieproduktion und kenne die Sparpotenziale. Spätestens 2020 soll in Salzgitter jedenfalls eine Pilotanlage stehen. Die halbe Halle 3 auf dem Werksgelände ist dafür reserviert. Weiter entfernt ist eine Brennstoffzellenproduktion. Doch auch hier entwickeln die Salzgitteraner industrietaugliche Lösungen. Zum Beispiel wird daran gearbeitet, wie man die Folien einer Brennstoffzelle automatisch präzise platzieren kann – eines Tages vielleicht im Takt der Massenproduktion.

„Das begeistert die ganze Fabrik“, sagt Bleiel. Das Feilschen um Optimierung, um jeden Cent und jedes Gramm sei die eine Sache im aktuellen Umbauprozess. Aber dafür müsse man auch das Ziel kennen und die Fortschritte sehen. „Die ganze Mannschaft muss mitziehen. Das geht nur, wenn sie keine Angst vor der Veränderung hat.“ Betriebsrat Blechner ist seit Jahrzehnten im Unternehmen, hat schon einige Schlachten geschlagen und zieht jetzt noch einmal mit Elan in den Kampf. Der Weg in die Elektromobilität ist für ihn kein Rückzugsgefecht der Motorenbauer, er sieht sein Werk an der Spitze der Bewegung: „Wir können hier der Pionier in Europa sein.“

Von Stefan Winter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaftszeitung
Dossiers

Wichtige Themen aus dem Bereich der Wirtschaft betrachten wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln und bündeln daraus für Sie informative Dossiers. mehr

DAX
Chart
DAX 12.981,50 -0,47%
TecDAX 2.511,00 -0,33%
EUR/USD 1,1782 -0,09%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

LINDE 174,25 +0,05%
FMC 81,99 -0,02%
MERCK 94,42 -0,09%
SAP 92,57 -2,52%
BMW ST 86,70 -1,72%
THYSSENKRUPP 23,21 -1,42%

Aktienkurse regionaler Unternehmen

VOLKSWAGEN VZ 143,47 -0,82%
CONTINENTAL 214,15 -0,85%
TUI 15,01 -0,46%
SALZGITTER 41,40 +0,45%
HANNO. RÜCK 105,00 -0,59%
SYMRISE 64,92 -0,41%
TALANX AG NA... 34,16 +0,29%
SARTORIUS AG... 78,03 -0,48%
CEWE STIFT.KGAA... 81,26 +0,01%
DELTICOM 12,90 -0,46%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Structured Solutio AF 214,55%
Commodity Capital AF 153,66%
Apus Capital Reval AF 120,25%
Allianz Global Inv AF 116,43%
WSS-Europa AF 113,87%

mehr

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte