Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regen

Navigation:
"Wir müssen selbst etwas tun"
HAZ Wirtschaftszeitung

Vorsitzende der Landfrauen "Wir müssen selbst etwas tun"

Barbara Otte-Kinast liebt ihr Dasein auf dem Dorf. Aber es geht ihr nicht um ein rückwärtsgerichtetes Idyll. Als Vorsitzende des Landfrauenverbandes Niedersachsen weiß sie genau, warum und wofür sie sich engagiert.

Voriger Artikel
Von der Diesel-Schmiede zum Elektropionier
Nächster Artikel
Unsicherheit – die neue Konstante?

Durch und durch eine begeisterte Landfrau: Barbara Otte-Kinast in ihrem Kuhstall in Beber.

Quelle: Küstner

Der Wäschekorb steht auf einem Kinderwagengestell. Schnell hängt Barbara Otte-Kinast noch ein paar nasse Kleidungsstücke auf die Leine. „Draußen trocknet das doch viel schöner.“ Dann hat die Vorsitzende des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Zeit. Im Raum neben der Küche steht als bestimmendes Möbel eine Mischung aus Konferenz- und Esstisch. Hier kann man sich beraten, hier finden die Mahlzeiten mit Familie und Mitarbeitern statt. Wenn Barbara Otte-Kinast beruflich unterwegs ist, dann müssen die anderen sich eben Mettbrötchen schmieren. Na, und? Sie ist praktisch veranlagt, das hat sie früh gespürt. Schon auf dem Gymnasium, auf dem sie sich als sprachbegabt zeigte. „Aber ich wollte nach der Zehnten Klasse abgehen. Ich muss mich bewegen, ich möchte draußen sein können.“

2 Mädchentraum: Dorfhelferin

In einem Ferienkurs hatte sie entdeckt, dass es Spaß macht, mit den Händen im Haushalt zu arbeiten. Dorfhelferin zu werden, erschien ihr als Traum. Also keine Karriere in Brüssel, wie es den Eltern vage vorgeschwebt hatte. Stattdessen Hauswirtschaftsschule, danach zwei Jahre in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Dann Berufsfachschule in Bückeburg, Fachabitur. Ausgebildete Hauswirtschaftsleiterin war sie anschließend. Barbara Otte-Kinast stammt selbst von einem Bauernhof bei Fallersleben. „Dass mein Vater die Kühe aufgegeben hat, habe ich ihm nie verziehen.“ Sie lächelt und wirkt zugleich ernsthaft dabei. Hatte sie nie Ambitionen, sich für die Landwirtschaft ausbilden zu lassen? „Ich bin 1964 geboren. Es war immer klar, dass mein jüngerer Bruder den elterlichen Betrieb übernehmen wird. Für mich als junge Frau sah man keine Notwendigkeit, dass ich einen Jagdschein oder Motorradführerschein mache – es war eine andere Zeit.“

Ihren Ehemann hat die junge Barbara bei der Landjugend kennengelernt. Gemeinsam führt das Ehepaar heute einen Betrieb mit 100 Milchkühen, zwei Biogasanlagen sowie 200 Hektar Acker- und Grünland. Die Chefin melkt selbst, sie macht die Buchhaltung, hat drei Kinder großgezogen. Alle sind in die Landwirtschaft gegangen. Tochter Johanna ist Herdenmanagerin in einem Milchviehbetrieb

2 In kleinen Gruppen schnell anpacken

Barbara Otte-Kinast ist stellvertretende Bürgermeisterin in Beber-Rohrsen, einem 800-Seelen-Ort im Landkreis Hameln-Pyrmont, außerdem seit 2004 im Kreistag. Schon früh hat sie sich in Beiräten von Kindergarten und Schule eingesetzt. Ihr politisches Engagement begründet sie: „Meine Kinder sollen lernen, sich einzumischen: Demokratie ist kein Selbstläufer.“ Für die Landfrauen ist sie seit zwölf Jahren aktiv, zunächst im heimischen Sünteltal, dann als Beisitzerin im Landesvorstand, ab 2011 stellvertretende Vorsitzende, 2015 folgte der Sprung an die Spitze.

Sie schätzt das Leben auf dem Land. „Jeder kennt jeden, das muss man aushalten. Aber es bietet auch die Möglichkeit, schnell in kleinen Gruppen anzupacken. Als das Freibad außerhalb des Ortes geschlossen werden sollte, gründete sie mit anderen einen Förderverein. Man kennt sich in der Dorfgemeinschaft, der Tischler kann die Inneneinrichtung vom Kiosk zimmern, der Elektriker aus dem Ort kümmert sich um die Beleuchtung. „Wenn wir was wollen, müssen wir selbst etwas tun“, sagt sie voller Überzeugung.

Die Vorsitzende der Landfrauen vertritt landesweit immerhin 70 000 Mitglieder. Dabei legt sie Wert auf die Feststellung, dass nur ein knappes Drittel in landwirtschaftlichen Betrieben tätig ist. Die anderen würden auf dem Land leben und als Ärztinnen, IT-Fachkräfte, Verkäuferinnen oder auch als Leiterin eines Jugendgefängnisses arbeiten. Die 53-Jährige tritt ein gegen Landarzt- und Hebammenmangel im ländlichen Raum. Bildungsarbeit ist ein großer Schwerpunkt. „Integration mit Herz und Verstand“ heißt das Dreijahresprogramm, das sie mitinitiiert und dem sich der Verband verschrieben hat. Dazu gehört ein Handlungsleitfaden, der allen Vereinen zugeschickt wurde, inklusive konkreter Informationen und Anregungen. Barbara Otte-Kinast: „Meine eigene Mutter ist aus Schlesien geflüchtet, der Schwiegervater auch.“ Jetzt wohnt eine jesidische Familie, deren Hof im Irak abgebrannt ist, in Beber. „Die haben mal 2000 Schafe gemolken.“ Landleben bedeutet, dass die Kinder der Asylbewerber von deutschen Gleichaltrigen zur Jugendfeuerwehr mitgenommen werden. Oder dass Dorfbewohner kurzerhand Haushaltsgegenstände gespendet haben.

Workshop für ehrgeizige Frauen

Die Aktionswoche des Verbandes mit dem Titel „Landwirtschaft für kleine Hände“ adressiert Kindergärten: Jungen und Mädchen im Vorschulalter sollen spielerisch über regionale Lebensmittel und den Tagesablauf auf dem Bauernhof informiert werden. „Wissen entspannt“ ist eine zweitägige Schulung für Landfrauen, damit sie bei Führungen ihren Betrieb vorstellen können, beispielsweise dem Kirchenvorstand oder kritischen Zuhörer vom Naturschutzbund Deutschland. Die Übungen begleitet sogar ein Kommunikationstrainer. „Wir müssen Öffentlichkeitsarbeit für unsere Betriebe machen.“ Doch Barbara Otte-Kinast hat als potenzielle Mitgliederklientel auch berufstätige Frauen im Blick, die gar nicht in der Landwirtschaft arbeiten. Das Angebot „Erfolg wird weiblich“ ist ein Workshop für qualifizierte Arbeitnehmerinnen, die sich durchsetzen wollen im Job oder bei anderen Aufgaben. Da geht es unter anderem um Körpersprache und gekonnte Präsentationen. 2016 reichten noch drei Fortbildungsblöcke, in diesem Jahr hat sich die Anzahl wegen des großen Interesses auf fünf erhöht. Verbandsmitglieder zahlen dafür einen ermäßigten Beitrag. Ein kleiner Kunstgriff, denn das Durchschnittsalter der niedersächsischen Landfrauen liegt bei über 60 Jahren. Aber es tut sich etwas: 2015 wurde 2600 neue weibliche Mitglieder gewonnen, 2016 waren es 2400.

Nichts zieht Barbara Otte-Kinast weg aus Beber. Sie denkt an die Zukunft: „Es geht beispielsweise um die Frage, ob im ländlichen Raum auch Breitband verfügbar ist. Nur dann können auch Heimarbeitsplätze entstehen.“ Sie selbst hat ein Büro beim Landfrauenverband in Hannover. Aber sie fährt gerne wieder heim: „Der Verkehr, die vielen Menschen, ich habe keine Lust, dann noch eine Shoppingtour zu machen.“ Wenn die burschikose Frau etwas für sich tun will, joggt sie mit einer Freundin über die Felder oder durch den Wald. „Und wenn ich dann aus den Bäumen trete und ins schöne Tal schaue, dann geht mir das Herz auf. Fast so als ob ich in der Kirche wäre.“

Von Prem Lata Gupta

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaftszeitung
Dossiers

Wichtige Themen aus dem Bereich der Wirtschaft betrachten wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln und bündeln daraus für Sie informative Dossiers. mehr

DAX
Chart
DAX 12.986,00 -0,04%
TecDAX 2.495,25 +0,35%
EUR/USD 1,1762 +0,11%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

LINDE 181,49 +1,99%
INFINEON 22,70 +1,27%
HEID. CEMENT 85,50 +0,70%
DT. BANK 14,13 -1,94%
MÜNCH. RÜCK 185,40 -1,28%
MERCK 93,23 -1,01%

Aktienkurse regionaler Unternehmen

VOLKSWAGEN VZ 142,12 +0,15%
CONTINENTAL 212,03 -0,72%
TUI 14,93 -0,07%
SALZGITTER 42,17 +0,97%
HANNO. RÜCK 104,80 -0,92%
SYMRISE 65,40 +0,89%
TALANX AG NA... 34,13 -0,58%
SARTORIUS AG... 80,17 +1,66%
CEWE STIFT.KGAA... 80,32 +0,12%
DELTICOM 12,66 -1,45%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Structured Solutio AF 221,87%
Commodity Capital AF 151,98%
Allianz Global Inv AF 115,08%
BlackRock Global F AF 114,39%
Apus Capital Reval AF 112,38%

mehr

Wertpapiersuche

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte