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HAZ Wirtschaftszeitung

Großbritannien Wirtschaft will Klarheit über Brexit

Der erste Schreck ist verdaut, aber die Folgen bleiben. Der beschlossene EU-Austritt der Briten stellt Pläne niedersächsischer Unternehmen infrage.

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Welche Folgen hat der Brexit für die niedersächsischen Unternehmen?

Quelle: dpa

Nach dem Brexit-Votum grassiert die Unsicherheit. Seit die Briten mit knapper Mehrheit beschlossen haben, die EU zu verlassen, fürchten viele niedersächsische Unternehmen um ihre Zukunftspläne. Obwohl formal noch gar nichts passiert ist, bringt allein der gefallene Pfund-Kurs schon die Exporteure in Schwierigkeiten. Vom kleinen Mittelständler bis zum großen Konzern sind die Probleme die gleichen, und sie schlagen sich deutlich in den Konjunkturindizes nieder. In ihrer Umfrage zur Jahresmitte bekam die IHK nur noch von 21 Prozent der Unternehmen die Rückmeldung, dass man mit besseren Geschäften rechne. Drei Monate zuvor hatte die Quote noch bei 29 Prozent gelegen.

„Das große Problem kommt erst später.“ Harald Grüne, Chef des Maschinenbauers Robot Food in Wietze, fürchtet neue Zölle, kompliziertere Handelsvorschriften und abweichende technische Normen, wenn in Großbritannien nicht mehr die EU-Regeln gelten. Doch ob das so kommen wird, weiß niemand: „Wie groß die Auswirkungen eines Brexit sein werden, hängt völlig von den Ergebnissen der Verhandlungen ab“, sagt Jochen Wilkens, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands VCI Nord. Er fürchtet vor allem Investitionszurückhaltung angesichts der unsicheren Lage: „Das kann sich extrem auswirken.“ Wie andere Wirtschaftsvertreter hofft auch er auf schnelle Klarheit über die künftigen Regeln zwischen Großbritannien und der EU: „Jeder wartet drauf, im Moment können alle nur auf Sicht fahren.“

„Wir setzen auf die Vernunft der Politik“, sagt Volker Tschirch. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands AGA wünscht sich eine möglichst enge Verbindung – auch ohne politische Mitwirkung der Briten in der EU. Angesichts des eingetrübten Verhältnisses hält Tschirch das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA für umso wichtiger: „Grundvoraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft und nachhaltigen Wohlstand – auch in Niedersachsen – ist Handel ohne Barrieren.“ Das sieht auch Wilkens so. Die Verbände würden sich intensiv einbringen, um den freien Handel im Sinn der Unternehmen zu retten. Vorerst allerdings herrsche in allen Unternehmen Unsicherheit. Mittelständler Grüne, der mit seinem 70-Mann-Betrieb bisher viel Geschäft in Großbritannien gemacht hat, fürchtet mittlerweile um die gesamte Union: „Wir sind dabei, uns in Europa selbst zu zerfleischen.“

1500 niedersächsische Unternehmen haben Wirtschaftsbeziehungen

Wer Harald Grüne auf den Brexit anspricht, kann kaum die Frage beenden. „Besch...“, platzt es aus dem Mittelständler heraus. Zwei Aufträge muss sein kleiner Maschinenbaubetrieb in Wietze wohl abschreiben – allein wegen der akuten Folgen des britischen Votums. Robot Food Technologies baut Maschinen für die Verpackung von Lebensmitteln, 2013 ging die weltgrößte Abfüllanlage für Fertigmenüs aus Wietze in die USA, zu Nestlé. Als ihn die britische Abstimmung erwischte, glaubte Grüne noch, einen Millionenauftrag für eine Lasagne-Maschine sicher zu haben. Doch der britische Kunde sah den Verfall des Pfundes und verlangte Kurssicherung. Das Gespräch des Unternehmers mit seiner Bank endete ernüchternd: Rund 100 000 Euro hätte die Absicherung für die gesamte Projektlaufzeit gekostet. Robot Food war gegen einen Konkurrenten mit britischer Niederlassung nicht mehr konkurrenzfähig.

Selten schlagen die Folgen der Volksabstimmung so direkt durch. Doch viele Unternehmer sehen die Welt seit jenem Tag im Juni mit anderen Augen. Wenige Wochen danach spürte die Industrie- und Handelskammer bei ihrer regelmäßigen Konjunkturumfrage den Umschwung. Plötzlich rechneten nur noch 21 Prozent der Firmen im hannoverschen Kammerbezirk mit einem besseren Geschäftsverlauf als im Vorjahr – im ersten Quartal waren es noch 
29 Prozent gewesen. „Der Brexit hat die Betriebe verunsichert“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Horst Schrage.

Rund 1500 Unternehmen aus Niedersachsen haben geschäftliche Beziehungen zum Vereinigten Königreich, etwa 200 Firmen sind auf der Insel mit Niederlassungen vertreten. Mit einem Anteil von 8,5 Prozent war Großbritannien im vergangenen Jahr das zweitwichtigste Exportland für die niedersächsische Wirtschaft – knapp hinter den Niederlanden, aber vor Frankreich und den USA. Die Bremse greift bei voller Fahrt: Aufgrund der bis dahin guten britischen Konjunktur hatten sich die Ausfuhren 2015 noch um 15 Prozent auf rund 7 Milliarden Euro erhöht. Für die Hälfte des Exports stehen Autos und Kfz-Teile, mit Abstand folgen Nahrungs- und Futtermittel sowie Maschinen und chemische Erzeugnisse.

"Alle stochern im Nebel“

Die Folgen sind kaum absehbar. „Alle stochern im Nebel“, sagt Jochen Wilkens, Geschäftsführer des Chemieverbands VCI Nord. Deshalb falle es den Verbänden im Moment auch schwer, den Unternehmen überhaupt Konkretes zu raten: „Was sollen wir darstellen?“ Ähnlich geht es seinem Kollegen Volker Tschirch vom AGA Unternehmensverband, in dem sich vor allem Groß- und Außenhändler zusammengeschlossen haben. „Noch ist alles beim Alten“, sagt Tschirch. Doch für alles, was danach komme, könne man derzeit nur hoffen. „Wir setzen darauf, dass die negativen Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen möglichst gering bleiben.“ Auch beim VCI warnt man vor Panikmache, zumal bisher insgesamt höchstens geringe Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur zu spüren sind.

Andererseits sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. In ersten Reaktionen deutete die EU eine harte Linie in den Austrittsverhandlungen an. Sollte Großbritannien außerhalb der Europäischen Union eines Tages behandelt werden wie ein x-beliebiger Drittstaat, würden Geschäftsbeziehungen in ihren Grundfesten erschüttert, warnt der hannoversche Wirtschaftsanwalt Ulrich Herfurth, der mit der Kanzleigruppe Alliuris auch in London vertreten ist. Als heikelste Frage gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit, denn sie einzuschränken war ein wichtiges Argument der Brexit-Befürworter. „Für Arbeitnehmer und Selbstständige stellt sich dann die Frage, ob sie noch ohne Weiteres ein Dauervisum und eine Arbeitserlaubnis erhalten“, warnt Herfurth. Das Thema könnte eine Kettenreaktion auslösen, denn für die EU ist die Personenfreizügigkeit ein Schlüsselelement des Binnenmarkts. Ist sie nicht garantiert, will man auch die drei anderen Grundfreiheiten für Warenverkehr, Dienstleistungen und Kapital- und Zahlungsverkehr nicht gewähren.

Herfurth pickt sich einige Wackelkandidaten heraus. Zum Beispiel könnten europäische Marken in Großbritannien nicht mehr geschützt sein, denn alle originären EU-Schutzrechte würden dort entfallen. Man würde Ausbildungsabschlüsse nicht mehr automatisch gegenseitig anerkennen. Und die zeitweise recht populäre Rechtsform der „deutschen Limited“ könnte sich als böse Falle erweisen: Die Gesellschaften werden auf der Insel gegründet, aber in Deutschland verwaltet. Kippt das Gründungslandprinzip, würde die EU eine Limited nicht mehr als Gesellschaft mit beschränkter Haftung anerkennen. „Die Gesellschafter würden wieder persönlich haften“, warnt Herfurth.

Zu tief sitzt der Ärger über die Briten

Könnte, würde, müsste – es wird viel im Konditional gesprochen. Volker Tschirch setzt unverdrossen auf Vernunft. „ Niemand kann ein Interesse daran haben, mit Zollschranken zwischen Großbritannien und der Europäischen Union den Warenverkehr zu verteuern oder zu kompliziert zu machen“, sagt er. Das Zauberwort der Optimisten heißt „Norwegen-Modell“. Das Nichtmitglied in Skandinavien genießt im Binnenmarkt weitreichende Sonderrechte.

Politisch gilt diese Lösung vorerst allerdings als schwer vermittelbar. Zu tief sitzt der Ärger über die Briten – genau gesagt über gut die Hälfte der Briten, die abgestimmt haben. Seine Geschäftspartner seien genauso entsetzt wie er, sagt Mittelständler Grüne. An der Basis in den Betrieben sehe das aber anders aus. Er selbst war so entspannt, dass erst ein Freund anklingeln musste: „Guck mal ins Internet.“ Es dauerte einen Moment: „Ich habe das für einen schlechten Scherz gehalten.“

Britische Partner 
in der Wissenschaft

Landesweit, so das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, bestehen mit britischen Hochschulen mehr als 150 Kooperationsbeziehungen in den verschiedensten Bereichen: gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen, Austausch von Studenten, Lehrenden und Wissenschaftlern sowie die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre.

An der Universität Göttingen gibt es derzeit insgesamt 20 Forschungsprojekte auf EU-Ebene. Darunter sind 13 Projekte aus dem 7. Forschungsrahmenprogramm, das Ende 2013 ausgelaufen ist, sowie sieben Projekte im Nachfolgeprogramm Horizon 2020. Auch auf Ebene des Studiums gibt es zahlreiche Kooperationen. Für das Wintersemester 2016/2017 sind 48  Göttinger Studenten für einen Austausch mit Großbritannien angemeldet, oft ist die Nachfrage größer als die Zahl der verfügbaren Plätze. Im Gegenzug erwartet die Universität im Wintersemester zwölf Studenten aus Großbritannien in Göttingen, 2015 waren es sieben. Im Rahmen des Programms Erasmus Mundus Action 2 sind die Universitäten Oxford und Edinburgh an drei von der Universität Göttingen koordinierten Projekten beteiligt. Im 7. und 8. EU-Forschungsrahmenprogramm hat die Universität zurzeit neun internationale Doktorandenausbildungsnetzwerke mit britischen Partnern oder Koordinatoren, drei laufende Projekte zum Personalaustausch sowie ein Postdoc-Projekt. Des Weiteren gibt es zwei laufende Erasmus-Mundus-Masterstudiengänge, ein Erasmus-Mundus-PhD-Programm mit britischer Beteiligung sowie zwei strategische Partnerschaftsprojekte mit britischer Beteiligung.

 

„Das kann die EU in ihren Grundfesten erschüttern“

 Die Briten wollen aus der EU austreten. Schwächt das die Union insgesamt, Frau Ohr?

Die Tatsache, dass ein wirtschaftlich und politisch so bedeutsames Land wie Großbritannien der Meinung ist, dass die bestehende Mitgliedschaft in der EU mehr schadet als nützt, kann die EU auf längere Sicht in ihren Grundfesten erschüttern. Durch Großbritanniens Austritt gehen Wirtschaftskraft, innere Stabilität und globale Bedeutung verloren.

Werden nun andere Länder dem Beispiel Großbritanniens folgen? 
Stichwort Niederlande, Polen.

Ein Austritt Großbritanniens kann die EU in ihrem inneren Zusammenhalt deutlich destabilisieren. Sobald ein Land – und dazu noch ein großes und bisher zum „stabilen Kern“ gehörendes Land und Nettozahler – aus dem Verbund ausbricht, werden auch andere Länder diese „Exit-Option“ in Betracht ziehen, insbesondere wenn Zeiten drohen, in denen vor allem Lasten und nicht Zuwendungen zu verteilen sind.

Zerfällt Europa langsam in seine Bestandteile?

Dies kann tatsächlich dazu führen, dass die europäische Integration ihren Scheitelpunkt erreicht hat und der Beginn eines Auflösungsprozesses der Integrationsgemeinschaft nicht auszuschließen ist.

Auch die Entwicklungen in der Türkei sind besorgniserregend. Steckt Europa derzeit in einer unlösbaren Krise?

Die aktuellen Herausforderungen für die europäische Integrationsgemeinschaft sind groß. Die Folgen der Euro-Krise sind noch längst nicht überwunden. Und nicht zuletzt die Frage, ob die EU bei dem Flüchtlingsproblem zu einer gemeinsamen und solidarischen Lösung kommen kann, wird entscheiden, ob Europa tatsächlich eine Solidar- und Wertegemeinschaft ist und bleiben kann.

Was raten Sie den politischen Entscheidungsträgern?

Man darf die EU beziehungsweise die Mitgliedsländer, die die EU bilden, nicht überfordern. Der Versuch, eine „immer enger werdende Union“ zu erzwingen, kann die Gemeinschaft letztlich zerreißen. Aber gerade im Hinblick auf die politischen Entwicklungen in der Türkei wäre es wichtig, dass Europa sich nicht von anderen abhängig macht, sondern sich auf die gemeinsamen Werte besinnt und in der Flüchtlingsfrage eigene Lösungen findet, die in Einklang mit unserem Demokratie- und Menschenrechtsverständnis sind.

Wie wirkt sich der Brexit auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen 
der EU und Großbritannien aus?

Die Folgen für Handel und Direktinvestitionen zwischen der EU und Großbritannien werden entscheidend von der Neuregelung der Handelsbeziehungen abhängen. Werden nach dem Austritt keine speziellen Vereinbarungen getroffen, dann würden auch für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU künftig nur die weltweiten Konditionen der Welthandelsgesellschaft gelten. Auch diese weisen schon einen hohen Liberalisierungsgrad auf, doch könnten in einzelnen Branchen wieder größere Handelshemmnisse mit den damit verbundenen Handelskosten entstehen. Hinzu kommt, dass das britische Pfund derzeit stark abwertet und hierdurch Handelsvorteile für Großbritannien entstehen, die das Land aber auch braucht, da es aktuell ein riesiges Leistungsbilanzdefizit gegenüber den EU-Partnern hat.

Werden sich die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien verändern?

Deutschland wird, insbesondere auch aufgrund der britischen Abwertung, gewisse Exporteinbußen hinnehmen müssen. Das wäre aber auch ohne Brexit wahrscheinlich gewesen, da Großbritannien ja auch als EU-Mitglied hätte abgewertet werden können. Ansonsten sehe ich unsere wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Großbritannien, unabhängig von der EU-Mitgliedschaft, als relativ gefestigt an, sodass sich keine fundamentalen Veränderungen ergeben werden.

Interview: Bernhard Marks

Renate Ohr ist seit 2000 Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2012 ist sie außerdem Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Zudem ist sie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsdienstes sowie im Wissenschaftlichen Direktorium des Instituts für Europäische Politik in Berlin.

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