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Johnson Controls Ein Werk wird neu aufgeladen

Die Gefühle waren in der Region gemischt, als Johnson Controls vor Jahren die Varta-Reste kaufte. Nach einem riesigen Investitionsprogramm steht der Standort heute so gut da wie lange nicht. Besuch in einer Fabrik, die den Antrieb der Autozukunft liefert.

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Endkontrolle: Was nach Raumfahrt aussieht, ist Batterieproduktion auf neuestem Stand.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Dass hier noch einmal Zukunft spielen würde, hätte man nicht zu jeder Zeit geglaubt. Zu viel Vergangenheit schwebte über dem riesigen Varta-Gelände vor den Toren Hannovers. In der Nazi-Zeit hatte der Großindustrielle Günther Quandt die Fabrik zur Versorgung von U-Booten mit Batterien hochgezogen, die Beschäftigung von KZ-Häftlingen ist unauslöschlicher Teil ihrer Vergangenheit. Sogar einen Bunker hatte man damals auf dem Gelände bauen lassen, das sich später – wenig überraschend – auch noch als schwermetallverseucht entpuppte. Als die Quandts und die Deutsche Bank zur Jahrtausendwende beschlossen, die Varta zu zerschlagen, war es das Ende einer Epoche, und nur wenige hatten damals im Sinn, dass es auch der Beginn einer neuen sein könnte. Stephan Weil gehörte jedenfalls nicht dazu. Als das Varta-Kernstück 2002 an den US-Konzern Johnson Controls ging, habe er – damals noch Hannovers Stadtkämmerer – „kein sicheres Gefühl gehabt“, bekannte der Ministerpräsident jüngst. „Von unserem Kronjuwel war nicht viel übrig, und vom neuen Besitzer wussten wir nicht: Wird das eine Stippvisite oder mehr?“

Es war ein Anlass, bei dem sich so etwas leichter eingestehen lässt. Im Februar wurde der Abschluss einer Großinvestition gefeiert. Johnson Controls hat sein größtes Batteriewerk für 100 Millionen Euro umgebaut und erweitert, die Mannschaft ist in den vergangenen Jahren um gut ein Drittel auf 1300 Beschäftigte gewachsen. Inzwischen redet alle Welt von der Bedeutung der Batterietechnologie. Es sei „ungeheuer wichtig“, dass diese Technologie in Niedersachsen gefertigt werde, sagt Weil. Bei E-Fahrzeugen sei die Batterie schließlich „das entscheidende Modul“ und damit für das Autoland Niedersachsen „ein absolutes Top-Thema“.

Deutschlands größte einschlägige Fabrik steht am Mittellandkanal. Die 100-Millionen-Investition macht sie zur zentralen Produktionsstätte für hochwertige Start-Stopp-Batterien in Europa. Fünf Jahre wurde gebaut, sechs neue Werkhallen sind auf 14 000 Quadratmetern entstanden, die Lieferwege auf dem Gelände wurden komplett umstrukturiert – kein kleines Unterfangen bei 30 Hektar Gesamtfläche. Jetzt sieht man sich bei Johnson für das erwartete massive Wachstum gerüstet. „Die Nachfrage nach Start-Stopp-Fahrzeugen wird weiter stark ansteigen“, sagt Johnson-Manager Johann-Friedrich Dempwolff, von Hannover aus für die Regionen Europa, Naher Osten und Afrika zuständig. Der Weltmarkt werde sich allein in den kommenden vier Jahren auf 56 Millionen Autos pro Jahr mehr als verdoppeln. Denn während der reine Elektroantrieb nur mühsam in Fahrt kommt, ist die Start-Stopp-Technik alltagstauglich und vergleichsweise kostengünstig. Dabei wird die bisherige Starterbatterie durch ein leistungsfähigeres Exemplar ersetzt. Es übernimmt die Versorgung der Bordelektronik, wenn sich der Motor zum Beispiel vor der roten Ampel abgeschaltet hat, und kann auch durch die Bremsenergie aufgeladen werden.

Damit lassen sich ohne große technische Revolutionen 5 Prozent Kraftstoff sparen. Immer mehr Autohersteller gehen inzwischen dazu über, ihre Modelle bereits in der Grundausstattung mit Start-Stopp-Batterien auszurüsten. So können sie die weltweit verschärften Abgasgrenzwerte leichter einhalten – mit deutlich weniger Aufwand als bei reinen Elektroautos oder Plug-in-Hybriden. Deren Lithium-Ionen-Akkus kommen zwar auch aus dem Johnson-Werk, werden dort aber nur aus angelieferten Zellen zusammengefügt. Start-Stopp-Batterien werden dort bereits seit 2007 gefertigt. Das Blei, das immer noch unerlässlich ist, werde zu 99 Prozent recycelt, betont man bei Johnson. Zudem stecken im Inneren der Batterie Glasfaservliese, die die Säure aufnehmen. Anders als aus herkömmlichen Batterien würde die nicht einmal auslaufen, wenn man das Produkt geöffnet auf den Kopf stellt.

Im Start-Stopp-Markt winkt Johnson Controls über Jahre ein Milliardengeschäft. Die Batterien sind aufwendiger und teurer als ihr klassisches Pendant, was sich vor allem später im margenträchtigen Geschäft mit Ersatzteilen auswirken wird. Zwei von drei Batterien verkaufen die Hannoveraner – bis heute unter der Marke Varta – an Endkunden. Mit der Investition steige die Produktion um zwei Drittel, berichtet Dempwolff. Unter anderem wurde eine zwölfte Montagelinie eingerichtet – laut Werksleiter Oliver Merkle die modernste in der Johnson-Controls-Welt. Das Know-how der Hannoveraner versteckt sich vor allem in der Produktionstechnik, die eine besonders effiziente Fertigung ermöglicht. Das Konzept werde inzwischen in anderen Werken im Konzern kopiert, sagt Dempwolff. So ist trotz der Großinvestition ein weiteres Werk für Start-Stopp-
Batterien im Nordosten Chinas entstanden. Hannover soll künftig zehn Millionen Einheiten pro Jahr für Europa bauen, Shenyang sechs Millionen für Asien. Am Mittellandkanal sieht man das gelassen: Das sei nicht Konkurrenz, sondern Entlastung.

Von Lars Ruzic und Stefan Winter

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